31.12.2017 - 00:00, Res Witschi, Nachhaltigkeitsblog

Berner Stapi: «Wir sollten unsere Handys mieten, nicht kaufen»

SCHWEIZ STADTPRAESIDIUM BERN KANDIDATEN

Der Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried will aus seiner Heimatstadt eine Smart City machen.
Bild: Keystone/Alessandro della Valle

 

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Der Grüne Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried plädiert für einen positiveren Umgang mit den Entwicklungen der Digitalisierung in unseren Lebensbereichen – und findet, dass Handys gemietet statt gekauft werden sollten.

Bluewin: Herr von Graffenried, was hat Stadtentwicklung mit Digitalisierung zu tun?

Wenn wir dem Gebot der Nachhaltigkeit nachleben wollen, brauchen wir auch die nötige Technologie dafür. Um Ressourcen wie beispielsweise Energie effizient einsetzen zu können, müssen wir sie mit smarten Tools steuern. Retro-gerichtete Konzepte wie «mehr Sparen» oder «mehr Einschränken» können nicht die Lösung sein, schliesslich wollen wir uns weiterentwickeln und auf einer neuen Ebene wieder ein Gleichgewicht erreichen. 

Welche politischen Herausforderungen können dank Digitalisierung Ihrer Meinung nach besser gemeistert werden?

Digitalisierung kann in allen Bereichen Verbesserungen bringen, zum Beispiel in der Kommunikation: Dank Übersetzungstools wird Mehrsprachigkeit mittelfristig kein Problem mehr sein. Man hätte ja nie gedacht, was für einen Sprung wir durch den technologischen Fortschritt in den letzten 20 Jahren machen würden. Diese Entwicklung flacht nicht ab und löst durchaus auch Ängste aus, etwa weil der Umbruch in der Berufswelt den eigenen Job gefährdet. Aber das haben wir in der Vergangenheit schon mal erlebt. Ängste sind fehl am Platz, viel mehr sollten wir neugierig und offen sein, was uns alles noch für Möglichkeiten erwarten. Gleichzeitig gilt es zu verhindern, dass ein Teil der Gesellschaft abgehängt wird. Die Chancen der Digitalisierung nutzen wir dann am besten, wenn wir alle auf die Reise mitnehmen und es somit viele Gewinner und möglichst keine Verlierer gibt.  

«Mir wäre es wichtig, dass gemeinsame Ziele zur Nachhaltigkeit verbindlicher, ja auch etwas mutiger sein würden.»

Alec von Graffenried, Berner Stadtpräsident

Kommen sich Politik und Wirtschaft bei der Stadtentwicklung in die Quere?

Von mir aus nirgends, aber der Wirtschaft ist das Tempo der Politik vielleicht manchmal etwas zu langsam. (lacht) Aber für mich sind das keine oder höchstens vorübergehende Zielkonflikte. Mir wäre es wichtig, dass gemeinsame Ziele zur Nachhaltigkeit verbindlicher, ja auch etwas mutiger sein würden. Aber das sind politische Aushandlungsprozesse, die durchaus jemandem zu langsam gehen können. Das macht die Schweiz für mich ja auch aus. 

Bild zum Artikel

Alec von Graffenried von der Grünen Freien Liste ist seit diesem Jahr Stadtpräsident von Bern.
Bild: Keystone/Alessandro della Valle

Gibt es konkrete Smart-City-Projekte, die aktuell in Bern umgesetzt werden oder geplant sind?

Klar, da gibt es viele! Wir optimieren zum Beispiel unsere Strassenbeleuchtung und sparen durch bessere Steuerungen und neue Leuchtmittel bereits 50 Prozent Strom, bei besserer Leistung. Dann haben wir mit unserer Energiezentrale eine riesige Wärme-Kraft-Kopplung, mit der Abfall verbrannt, und gleichzeitig bedarfsgerecht Wärme und Strom produziert wird. Im Bereich der smarten Mobilität wollen wir erreichen, dass in jeder Situation das richtige Verkehrsmittel gewählt wird. Schweizer Städte haben bislang hohe Investitionen in die Infrastruktur des öffentlichen Verkehrs gesteckt, dabei aber den Langsamverkehr - oder besser: die sanfte Mobilität - etwas vernachlässigt. Städte in Deutschland, Holland oder Dänemark sind uns hier voraus und verfügen inzwischen über gute Veloinfrastrukturen, die unter dem Strich günstiger kommen. Da haben wir in der Schweiz noch in allen Städten Nachholpotential. Natürlich spielt dabei die Topografie eine Rolle. Doch das ist ein Problem, das wir mit E-Bikes lösen können. 

Was würden Sie als erstes in eine smarte City hinein bauen und was als erstes nutzen?

Sehr wichtig für die Städte ist ein leistungsfähiges, smartes Verkehrssystem mit weniger Emissionen. Zur Zeit fehlt dazu ein Veloverleihsystem, so wie wir es jetzt für Bern geplant haben. Es wird dazu führen, dass die Leute immer häufiger darauf verzichten, ein eigenes Velo zu besitzen und sich auf die Dienstleistung des Verleihs verlassen. Da ist nämlich die Wartung schon inbegriffen. Ich würde mir übrigens wünschen, dass Swisscom dies auch mit ihren Handys machen würde. Was wir derzeit unseren Kinder für ihre Smartphones abknöpfen, ist ja ein Verbrechen an der Jugend (lacht). Die geben ihr ganzes Sackgeld für die Reparatur zersprungener Displays aus. Früher hatte man bei der PTT ja auch einen Telefonapparat gemietet. 

«Sehr wichtig für die Städte ist ein leistungsfähiges, smartes Verkehrssystem mit weniger Emissionen.»

Alec von Graffenried, Berner Stadtpräsident

Was braucht es, damit die Bernerinnen und Berner bei einem derartigen Veränderungsprozess begeistert mitmachen?

Ich glaube, dass die Begeisterung schon da ist und diese höchstens durch Ängste gebremst wird. Hier ist es meine Aufgabe, den Bernerinnen und Bernern diese Ängste ein Stück weit zu nehmen. Wir können feststellen: Es geht uns heute sehr gut, besser als vor zwanzig oder fünfzig Jahren. Das heisst, dass diese Digitalisierung auch vieles ermöglicht hat und uns bislang nicht unglücklicher gemacht hat. Wir haben es in der Hand, dass die Digitalisierung in einer weiteren Etappe zur Zufriedenheit und zum Wohl der Leute beitragen soll. Ich würde mir wünschen, dass die Bevölkerung der Digitalisierung wie ich mit Neugier begegnet und die neuen Möglichkeiten sieht und nicht nur auf Ängste und Risiko fokussiert. 

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