So geht's: Das eigene Vermögen ohne schlechtes Gewissen anlegen

27.2.2018 - 09:51, Meret Meier, Nachhaltigkeitsblog

Was macht unser Geld, wenn es auf der Bank liegt? Wird es etwa in fossile Energieträger investiert? Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer wollen es wissen und fragen nach.
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Lediglich vier Prozent aller Investments sind laut WWF nachhaltig. Doch wie kann man sein Erspartes nachhaltig anlegen? Wir liefern konkrete Tipps und sprechen mit einem Experten.

Karin L. hat 34'000 Franken gespart. Bisher hat sie das Geld auf ihrem Sparkonto bei der Bank gelassen, bei der sie schon seit ihrer Jugend ein Konto hat.

Doch gestern, als Karin L. mit einer Freundin über einen nachhaltigen Lebensstil und ihren ökologischen Fussabdruck geredet hat, fragte sie sich plötzlich: Wie nachhaltig ist eigentlich meine Bank? Und was wird überhaupt mit dem Geld gemacht, das ich dort auf dem Konto habe?

Karin L. möchte nämlich nicht, dass ihr Erspartes die Herstellung von Waffen oder die Abholzung des Regenwaldes finanziert.

1. Informieren Sie sich und lassen Sie sich beraten – von mehreren Anbietern.

Es macht tatsächlich einen Unterschied, ob das Geld von Karin L. in Solarenergie oder in Kohlekraftwerke investiert wird. Sie will es bewusst und mit dem nötigen Hintergrundwissen anlegen. Dabei steht sie, aber auch die Bank oder die Versicherungsgesellschaft in der Verantwortung.

Die Schwierigkeit dabei: Es gibt keine einheitlichen, allgemeingültigen Richtlinien für Anlagen, die sich selber als nachhaltig oder ökologisch bezeichnen. So schreibt der «Beobachter», dass Firmen wie der Kernkraftwerkbetreiber Tepco oder der Ölkonzern BP lange als «ökosoziale Vorzeigeunternehmen» bei Bankanalysten galten. Dies nicht, weil solche Unternehmen als besonders grün gelten, sondern weil sie so dazu angespornt werden sollen, einen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit zu machen.

2. Vergleichen Sie anschliessend die Produkte.

Der WWF hat in der Studie «Nachhaltigkeit im Schweizer Retailbanking» ein Jahr lang 15 Schweizer Banken unter die Lupe genommen und ein Ranking erstellt. Die Studie kam zum Ergebnis, dass in der Schweiz das Thema Nachhaltigkeit bei Geldanlagen noch nicht weit verbreitet ist.

Die Geschäftstätigkeit sei immer noch hauptsächlich auf finanzielle Aspekte fokussiert und kaum auf Nachhaltigkeitsfaktoren. Gerade einmal vier Prozent aller investierten Gelder würden nachhaltig investiert. Diese Nachhaltigkeitsfonds seien immer noch Nischenprodukte und würden in der Beratung nicht systematisch und ausdrücklich erwähnt. Damit die Banken in dieser Hinsicht etwas tun, müsse mehr Druck von Gesetzgebung und Kundschaft gemacht werden, fordert der WWF.

3. Wählen Sie vertrauenswürdige Anbieter.

Es gibt eine Schweizer Bank, die sich die Nachhaltigkeit auf die Fahne geschrieben hat: Die Alternative Bank Schweiz (ABS). Sie definiert sich selber wie folgt: «Als sozial und ökologisch orientierte Bank verzichtet sie auf Gewinnmaximierung und stellt ihre ethischen Grundsätze immer in den Vordergrund. Das Geld der Kundinnen und Kunden investiert sie langfristig in soziale und ökologische Projekte und Unternehmen. Um aufzuzeigen, was das Geld bewirkt, werden sämtliche Kredite veröffentlicht.»

Das klingt schon mal nach Transparenz und guten Absichten. Doch das Engagement geht weiter. Die ABS macht sich für die Gleichstellung der Geschlechter stark und beschäftigt fast zur Hälfte Frauen in Führungspositionen. Für ihre Anlagestrategie nennt sie eine Reihe von Ausschlusskriterien für Geldanlagen wie Kernenergie, Tabak- und Rüstungsindustrie.

Auf der anderen Seite gibt es sogenannte Förderkriterien wie zum Beispiel das investieren in Firmen, die sich sozial oder ökologisch engagieren. Schliesslich ist die ABS Gründungsmitglied der Global Alliance for Banking on Values, eines internationalen Netzwerks von Banken, das soziale, ökologische und kulturelle Projekte fördert.

4. Bleiben Sie auch danach hartnäckig und fragen Sie ungeniert nach, wenn etwas unklar ist.

Auch Karin L. würde natürlich gerne eine hohe Rendite haben, jedoch nicht auf Kosten anderer Menschen oder der Umwelt. Sie hat beschlossen, sich genauestens zu informieren und beraten zu lassen, bevor ihre 34'000 Franken konkret angelegt werden. Und sie will auch die unangenehmen Fragen stellen, bevor sie sich entscheidet.

Wie steht es bei den Firmen, in die investiert wird, um Arbeitsbedingungen, Umweltverträglichkeit, CO2-Ausstoss, Gleichstellung und Regionalität? Hat auch wirklich keine von ihnen mit Waffenproduktion, Gentechnik oder Kinderarbeit zu tun?

Diese Fragen zu stellen ist heutzutage nicht unüblich und das gute Recht jeder Kundin und jedes Kunden. Es gibt bereits Anbieter nachhaltiger Fonds, Hypotheken und Versicherungen. Und es werden immer mehr, die diesen Trend erkennen und sich nicht verstecken müssen, wenn das Thema Nachhaltigkeit aufkommt.


Lukas Stücklin: «Eine kritische Prüfung nachhaltiger Anlageprodukte ist geboten»

Invethos-Mitbegründer Lukas Stücklin erklärt im Interview, worauf es beim nachhaltigen Anlegen zu achten gilt.

Bluewin: Herr Stücklin, was raten Sie Menschen, die ihr Erspartes nachhaltig anlegen wollen?

Lukas Stücklin: Zuerst ist die Klärung einiger Fragen notwendig. Mit welchem Zeithorizont kann das Geld investiert werden? Wie ausgeprägt ist die Bereitschaft, Risiken einzugehen? Welche Werte, Präferenzen, Themen verbinden die Personen mit Nachhaltigkeit? Die letzte Klärung ist notwendig, weil Nachhaltigkeit keine absolute Grösse ist, sondern kontextabhängig. Weil sich die Finanzindustrie gerne technisch und komplex ausdrückt, es ist uns wichtig, mit interessierten Investoren einfache Fragen zu klären und auch möglichst nachvollziehbare Lösungen zu suchen.

Lukas Stücklin ist Mitbegründer, Mitglied der Geschäftsleitung und Berater für Finanzfragen bei Invethos, einer wertebasierten Vermögensverwaltung, die Kunden frei von Bankensachzwängen berät (hauptsächlich Privatkunden, Familien und Stiftungen). Er hat evangelische Theologie und BWL studiert.
zvg

Sehen Sie einen Trend weg von reiner Rendite hin zu nachhaltigen Anlagen?

Ich sehe einen Trend, dass die Anlegerinnen und Anleger nicht nur an der finanziellen Rendite interessiert sind, sondern auch am Inhalt. Oder anders ausgedrückt: Investoren wollen Rendite, bei welcher nachvollziehbar ist, wie sie zustande gekommen ist. Längst hat die Finanzindustrie auf die Nachfrage nach Sinnhaftigkeit reagiert und jede Bank hat sogenannt nachhaltige Produkte im Angebot. Eine kritische Prüfung dieser Produkte ist allerdings geboten.

Wann sollte man skeptisch werden beziehungsweise sich nicht blenden lassen?

Bei luftigen Produktbezeichnungen, deren Inhalte nicht nachvollziehbar sind. Oft sind die Versprechungen dieser Produkte ansprechend, die Inhalte aber sehr ernüchternd. Was bringt beispielsweise ein (teurer) nachhaltiger Aktienfonds, wenn er dieselben Firmen beinhalten wie konventionelle Produkte? Hier ist ausser Spesen nix gewesen. Oft schätzen Investorinnen und Investoren eine Einschätzung von unabhängiger Warte, weil die Produkte nicht leicht zu verstehen sind.

Bedeutet nachhaltig Anlegen automatisch eine schlechtere Rendite?

Nein. Die Annahme, dass ein gutes Gewissen nur durch tieferen finanziellen Ertrag erreicht werden kann, stimmt nicht. Aber auch die Umkehrung ist fragwürdig: Die Behauptung, nachhaltige Fonds würden langfristig besser rentieren. Der Zusammenhang von Rendite und Ethik ist komplex. Es ist durchaus möglich, mit ethischen Anlagen hohe Renditen zu erwirtschaften, meist müssen dafür aber wie bei herkömmlichen Investitionen hohe Risiken eingegangen werden.

Finden Sie das Angebot an wirklich nachhaltigen Portfolios ausreichend oder müsste der Bund Regeln erlassen, um nachhaltige Geldanlagen zu fördern?

Staatliche Vorgaben sind meines Erachtens nicht zielführend. Das Angebot an nachhaltigen Investitionen wächst stark und es ist die Freiheit und Verantwortung von Investoren und Investorinnen, das Angebot kritisch zu prüfen. Dabei gibt es Hilfe von unabhängigen Akteuren. Nochmals: Nachhaltigkeit ist oft ein subjektives Konzept, die Beurteilung von genmodifiziertem Saatgut ist zum Beispiel primär eine ideologische Frage. Um eine Engführung zu vermeiden, ist es wichtig, gutes Unternehmertum als entscheidende Kraft für die verantwortungsvolle Gestaltung unserer Gesellschaft zu begreifen.


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Meret Meier ist im Corporate Responsibility Team von Swisscom Expertin für soziale Verantwortung, Jugendmedienschutz und Kommunikation.
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