Die heimliche Lieblingsinsel der Schweizer

Michael Angele

25.7.2019 - 00:00

Amrum ist eine Nordfriesische Insel. Sie liegt südlich von Sylt und westlich von Föhr.
Bild: Getty Images

Auf der deutschen Nordseeinsel Amrum wimmelt es von Schweizern. Warum dort? Und warum lohnt es sich, die natürliche Abscheu, in den Ferien mit seinen Landsleuten zu sprechen, zu überwinden?

Als ich vor drei Jahren das erste Mal unsere Sommerferien auf Amrum buchte, dachte ich nicht an die Schweiz. Wer denkt schon bei der Nordsee an die Schweiz? Ich freute mich auf den grössten Sandstrand Europas, den Kniepsand, der eigentlich eine riesige Wanderdüne ist, rechnete mit viel Wind und damit, dass die Temperaturen niemals richtig hoch sein würden.

Schon bald hörte ich aber am Strand den vertrauten Dialekt, entdeckte Berner und Appenzeller Kennzeichen auf den wenigen Strassen, sah Schweizer Fahnen vor picobello gepflegten Häusern mit Reetdach. Die Insel schien mir schlicht verschweizert. Der subjektive Eindruck täuschte nicht: Pro Jahr verzeichnet Amrum gut 30'000 Übernachtungen von Gästen aus der Schweiz. Auf Amrum und der Nachbarinsel Föhr sind wir Schweizerinnen und Schweizer der wichtigste «Auslandsquellmarkt», wie es in der Fachsprache heisst.

Aber warum ist das so?

Dieses Jahr ging ich der Sache endlich auf den Grund. Ich überwand die natürliche Abscheu des Menschen, in den Ferien mit den Landsleuten zu kommunizieren – und sprach sie an. Tenor: Die meisten finden es wahnsinnig schön auf Amrum, und sie kommen immer wieder, weil es so wahnsinnig schön ist.

Niederländische Wohnwagen? Fehlanzeige

Mir geht es mit Amrum genau gleich, aber das ist natürlich noch keine Erklärung, warum gerade Schweizer die Insel so lieben und nicht zum Beispiel Niederländer, die mit ihren Wohnwagen zur Ferienzeit fast überall in Europa rumkurven, aber auf Amrum eben nicht.

Eine These: Amrum finden wir deswegen so attraktiv, weil die Insel sauber und überschaubar ist und wir gleichwohl Weite und Grösse in uns wirken lassen können. Wir fühlen uns erhaben, aber sicher, würde der Philosoph Kant sagen. So wie wir Schweizer es gern haben. Fünf Dörfer gibt es auf Amrum, das unter Schweizer besonders beliebte Dorf Nebel hat sich seit dem 19. Jahrhundert weniger verändert als ein Krachen im Emmental.

Gibt es weitere, dunklere Gründe? Vielleicht. Auf einer Führung durch die Dünen lernte ich eine Solothurnerin kennen, die sogar seit einem Vierteljahrhundert die Ferien hier verbringt. Die Wanderung gab einen Einblick in die Flora der Insel. Die Solothurnerin kannte sich gut aus und konnte die Teilnehmer über dieses Kraut und jenes Gras belehren.

Freundliche Deutsche!

Geradezu ein Kinderspiel war es für sie, die Frage zu beantworten, warum man so viele Fasane auf der Insel sieht (weil der dänische König sie einst zur Jagd aussetzte und sie keine natürlichen Feinde haben). Ich denke, viele Schweizer hegen unbewusst den Wunsch, den Deutschen mal zu zeigen, wo es lang geht. In Amrum wirken auch die Deutschen, Gäste und Einheimische so zurückhaltend und freundlich, dass das gut möglich ist.

Wer oft genug da war, wird auch optisch langsam zum Inselbewohner. Bei einem Fussballspiel «SV Amrum Ü40 gegen Gäste» lernte ich einen Apotheker aus dem Aargau kennen. Auch er macht mit seiner Familie seit Jahren hier Ferien. Zum Spiel kam er, der sehr gut spielte, von Kopf bis Fuss im Tenue des Hamburger Sportvereins (Friesland gehört zum Einzugsgebiet des HSV).

Manche meiner Landsleute gehen in ihrer Amrumisierung sogar noch einen Schritt weiter. Sie kommen nicht nur jedes Jahr in den Ferien. Nein, nicht wenige Schweizer heiraten sich auf der Insel still und heimlich ein, wie mir ein Hamburger Architekt glaubhaft versicherte. Es handelt sich um eine schleichende Form der Migration, die in den aktuellen Debatten unterbelichtet ist. Zu Unrecht. Mich erinnert die Sache irgendwie ans Bankgeheimnis, dessen Auswirkungen man auch jahrelang kleinzureden versucht hat.

Der Berner Michael Angele liefert regelmässig eine Aussenansicht aus Berlin – Schweizerisches und Deutsches betreffend. Angele bildet zusammen mit Jakob Augstein die Chefredaktion der Wochenzeitung «Der Freitag». Er ist im Seeland aufgewachsen und lebt seit vielen Jahren in Deutschlands Hauptstadt. Berndeutsch kann er aber immer noch perfekt. Als Buchautor erschienen von ihm zuletzt «Der letzte Zeitungsleser» und «Schirrmacher. Ein Porträt».

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