Fantasy-Reise Edinburgh, das Reiseziel für Harry-Potter-Fans – aber nicht nur ...

Christoph Driessen, dpa

27.9.2019

Edinburgh gilt als Entstehungsort der Harry-Potter-Romane. Ein Anziehungspunkt für alle Fans von Harry, Hermine und Ron. Aber auch für alle, die sich für die Stadt abseits der Fantasy-Saga interessieren.

Um in die verschlossene Harry-Potter-Kammer zu gelangen, muss man seinen ganzen Mut zusammennehmen.

Man muss die Stufen zu Edinburghs vornehmstem Hotel, dem «Balmoral», emporsteigen, wie selbstverständlich einige in Schottenkilts gekleidete Herren am Empfang passieren und dann quer durch die grosse Eingangshalle zur Rezeption schreiten.

Dort gibt man sich als Harry-Potter-Fan zu erkennen und stellt die höfliche Frage: «Ist es heute oder in den nächsten Tagen möglich, Zimmer 552 zu besichtigen?» Sofern das Zimmer gerade nicht belegt ist, ist es gute Tradition im «Balmoral», dieser Bitte zu entsprechen. Und zwar kostenlos.

Mit einem vornehm gekleideten Rezeptionisten geht es im Fahrstuhl himmelwärts. Die Tür mit der Nummer 552 ziert ein glänzendes Messingschild mit der verheissungsvollen Aufschrift «JK Rowling Suite». Es wird aufgeschlossen, und zum Vorschein kommt eine Suite, die zwar gediegen, aber geschäftsmässig sachlich eingerichtet ist.

Schon im 19. Jahrhundert zog Edinburgh Touristen an, die sich auf gepflegte Weise gruseln wollten. Theodor Fontane geriet ins Schwärmen: «Auf grauen Felsen steigen graue Felsenhäuser in die Luft, und über dem ganzen liegt jener graue Nebelschleier, der den Zauber der Stadt vollendet.»
Schon im 19. Jahrhundert zog Edinburgh Touristen an, die sich auf gepflegte Weise gruseln wollten. Theodor Fontane geriet ins Schwärmen: «Auf grauen Felsen steigen graue Felsenhäuser in die Luft, und über dem ganzen liegt jener graue Nebelschleier, der den Zauber der Stadt vollendet.»
Bild: iStock

Das Besondere ist eine weisse Büste des griechischen Gottes Hermes in einer Vitrine. Auf dem Hinterkopf steht eine ziemlich verblichene handschriftliche Notiz, die man nur mit Mühe entziffern kann.

«J. K. Rowling finished writing Harry Potter + the Deathly Hallows in this room (552) on 11th Jan 2007.» Am 11. Januar 2007 hat J. K. Rowling in eben diesem Raum den letzten Band «Harry Potter und die Heiligtümer des Todes» vollendet.

Das Harry-Potter-Fieber hält an

Der Raum kostet heute pro Nacht 1000 Pfund – etwa 1100 Franken. 2007 sollen es 900 Pfund gewesen sein. Und Rowling wohnte hier ein halbes Jahr.

Aber zu diesem Zeitpunkt spielte Geld für sie schon keine Rolle mehr: Mit einem geschätzten Vermögen von mehreren hundert Millionen Euro war sie bereits damals die wohlhabendste Schriftstellerin der Literaturgeschichte.



Mittlerweile ist es schon zwölf Jahre her, seit das letzte Harry-Potter-Buch erschien. Aber von einem nachlassenden Interesse ist in Edinburgh nichts zu bemerken.

Vielleicht hängt das damit zusammen, dass diejenigen, die die Romane als Kinder und Jugendliche verschlungen haben, jetzt als Erwachsene die Stadt sehen wollen, in der alles entstanden ist.

Edinburgh auch für Nicht-Potter-Fans

Häufig gibt es in einer Familie nur einen grossen Potter-Fan, und der schleift die anderen mit. Im Fall von Edinburgh muss das aber nicht das Schlechteste sein: Man lernt so die Altstadt kennen und macht zwischendurch regelmässig Halt in Cafés und originellen Geschäften. Also eigentlich eine ganz gute Mischung für jeden.

Das «Balmoral» zum Beispiel ist allemal einen Besuch wert: Seit 1902 erhebt es sich über dem in einer Senke versteckten Hauptbahnhof, sein Uhrturm ist eines der Wahrzeichen der Stadt. Die Princes Street, an der es steht, ist die Haupteinkaufsstrasse.

In der Princes Street Nr. 128 befindet sich die Filiale der Buchladenkette «Waterstones», die Rowling 1997 aufsuchte, als der erste Harry-Potter-Band gerade erschienen war. Der mehrstöckige Laden ist bis heute exzellent sortiert und verfügt über eine Harry-Potter-Fanabteilung mit vielen Accessoires.

Auf zu bekannten Schauplätzen

Ausnahmslos jeden Tag stehen mehrere Harry-Potter-Stadtführungen zur Auswahl. Der bekannteste ist der «Potter Trail», der den Vorteil hat, umsonst zu sein. Wobei durchaus erwartet wird, dass man am Ende Trinkgeld gibt.



Guide Gemma führt ihre etwa 40 Touristen starke Gruppe direkt auf den Greyfriars Kirkyard mitten im Stadtzentrum. Ein schottischer Friedhof mit schiefen Kreuzen und verwitterten Gruften, überragt von Edinburgh Castle. Er wirkt fast wie eine Hollywood-Kulisse.

Hier gibt es einen Grabstein, der den echten Potteristen in Ehrfurcht erschaudern lässt: «Thomas Riddell» steht darauf. So heisst, wenn auch etwas anders buchstabiert, Harrys Gegenspieler Lord Voldemort mit bürgerlichem Namen: Tom Riddle. Der echte Thomas Riddell starb 1806 mit 72 Jahren. Er konnte unmöglich erahnen, dass sein Grab 200 Jahre später zu einer Pilgerstätte werden würde.

Harry-Potter-Bücher entstanden in Cafés

Vom Friedhof geht es quer durch die Innenstadt zu den verschiedenen Cafés, in denen Rowling die Potter-Bücher verfasst hat – bis sie nach Erscheinen des dritten Bandes so berühmt wurde, dass dies nicht länger möglich war.

Das Café «The Elephant House» rühmt sich, der «Geburtsort von Harry Potter» zu sein. Das kann aber nicht stimmen, denn es öffnete 1996, als Band 1 schon ein Jahr lang fertig war. Unstrittig ist, dass Rowling für das zweite und dritte Buch oft hierherkam.

Der eigentliche Geburtsort, an dem nach ihren Worten «weite Teile» des ersten Bands entstanden, ist «Nicolson's Café», das aber nicht mehr existiert. Heute befindet sich in den Räumlichkeiten das Café «Spoon».

Nicht alle Sehenswürdigkeiten sind echt

Bei näherem Hinsehen ist so manche angebliche Potter-Sehenswürdigkeit ein Fake. Die George Heriot's School etwa wird von allen Touristengruppen angesteuert, weil sie die Inspiration für die Zauberschule Hogwarts gewesen sein soll. Ein Beleg dafür findet sich nirgendwo. Vielmehr hat Rowling gesagt, dass sie sich das Internat immer neben einem schottischen See vorgestellt habe.

Ebenso wird auf allen Harry-Potter-Touren behauptet, Vorbild für die Winkelgasse – eine Einkaufsstrasse für Hexen und Zauberer – sei Edinburghs Victoria Street. Auch dies ist reine Spekulation.



Das Kommerziellste ist ein Harry-Potter-Souvenirshop, in dem man Dialoge belauschen kann wie: «Oh guck mal, da ist der Feuerkelch!» – «Nein, das ist ein Horkrux!» Sehenswerter ist ein verschachtelter Laden, der über mehrere Stockwerke mit Antiquitäten und Skurrilitäten vollgestopft ist: «Museum Context».

Edinburgh beflügelt die Fantasie

Viel wichtiger als konkrete Orte mag im Übrigen etwas anderes sein: die Atmosphäre von Edinburgh. Sie vermittelt eigentlich überall ein Harry-Potter-Gefühl.

Schon im 19. Jahrhundert zog Edinburgh Touristen an, die sich auf gepflegte Weise gruseln wollten. Theodor Fontane geriet ins Schwärmen: «Auf grauen Felsen steigen graue Felsenhäuser in die Luft, und über dem ganzen liegt jener graue Nebelschleier, der den Zauber der Stadt vollendet.» Edinburgh beflügelt einfach die Fantasie.

Der «Potter Trail» endet bei J. K. Rowlings goldenen Handabdrücken auf dem Strassenpflaster vor dem Rathaus (City Chambers). Dass die Autorin plötzlich selbst um die Ecke biegen könnte, darauf darf man allerdings nicht hoffen. Die heute 54-Jährige tritt selten öffentlich in Erscheinung. Der Erfolg hat sie reich und berühmt gemacht – aber ihr altes Leben in den Cafés von Edinburgh hat er ihr genommen.

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