Im Graffiti-Viertel von Kapstadt zu Besuch

Falk Zielke, dpa

1.3.2020 - 18:00

Woodstock liegt in Kapstadt. Das einstig wegen Strassenkriminalität berüchtigte Stadtviertel inspiriert heute Street-Art-Künstler aus der ganzen Welt. Auf gehts zu einer farbenfrohen Safari.

An die Farbe im Treppenhaus müssen sich die Augen erst kurz gewöhnen. Sattes Rosa strahlt von den Wänden, das Treppengeländer ist passend dazu in Rot gehalten.

Cinga Sampson nimmt diesen Weg fast jeden Tag, um in sein Atelier in einer früheren Textilfabrik im Stadtteil Woodstock zu kommen.

Der junge Maler arbeitet gerade an einer Serie von grossflächigen Bildern. «Ich liebe Realismus», sagt der 32-Jährige. Die Bilder zeigen selbstbewusste Afrikaner bei einer Trauerzeremonie. Das verbindende Element: Alle tragen Jeans in der gleichen Waschung.

Künstler öffnen Ateliers für Besucher

Angefangen hat Sampson mit 20 Jahren. Ohne Kunststudium hat er sich die Techniken selbst beigebracht. Heute kann er von seiner Kunst leben, hat in Europa und Amerika ausgestellt.

Obwohl er inzwischen zu den etablierten Künstlern aus Südafrika zählt, öffnet er hin und wieder sein Atelier für Touristen. «Viel Kunst aus Afrika handelt von Rassismus, dem Kampf ums Überleben oder dem Kolonialismus», sagt Sampson. «Ich will auch die andere Seite, die schöne Seite zeigen.»



Kapstadt zieht viele Künstler an. «Es gibt hier vergleichsweise viel Geld», erklärt Touristenführer Sabelo Maku. «Das bedeutet, es gibt auch viele Sammler.» Auf organisierten Touren bekommen Besucher einen spannenden Einblick in diese lebendige Kunst-Szene.

Gentrifizierung ist für viele Künstler ein Problem

«Früher waren viele Künstler in Bo Kaap zu Hause», sagt Sabelo auf dem Weg zur nächsten Station der heutigen Tour. «Heute ist die Gegend allerdings ein Paradies für Immobilienmakler.» Und so treibt die Gentrifizierung die kreative Szene jetzt in andere Gegenden der Mother City, wie Kapstadt oft genannt wird.

Woodstock und das benachbarte Salt River sind deshalb inzwischen nicht nur Standort für Ateliers und Galerien. Die Gegend rund um die Shelley Road ist dank des Street Art Festivals IPAF mittlerweile zu einer grossen Open-Air-Galerie geworden. Einmal im Jahr kommen die besten Street-Art-Künstler aus Südafrika und der Welt und bringen ihre Kunstwerke auf Häusern, Schulen oder Brandmauern an.

Künstler drücken mit ihrer Arbeit Hoffnung aus

«Kunst hält uns am Leben», erzählt der Künstler Jason, der Sabelo an diesem Tag bei der Tour unterstützt. Denn in einem Land mit hoher Arbeitslosigkeit und einer erschreckenden Kriminalitätsrate ist Kunst oft verbunden mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Deshalb bietet das IPAF talentierten Street-Art-Künstlern diese Plattform. Jedes Jahr werden neue Wände verziert, wächst die Galerie um weitere Werke.

Kapstadt bietet Kunstliebhabern viel: Neben Museen gibt es in einigen Stadtteilen auch viel Street Art zu sehen.
Bild: dpa-infografik GmbH

Kunst ist immer auch ein Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse. «Als ich herkam, waren Schwarze und Weisse strikt getrennt», erzählt Manfred Zylla. Der gebürtige Augsburger lebt und arbeitet seit 1970 in Kapstadt. «Die Kunst war für viele eine Möglichkeit, mit diesen Beschränkungen umzugehen.» Politische Aktivisten nutzten Kunst in den 1970er und 1980er Jahren, um auf die Apartheid aufmerksam zu machen.

Beeindruckendes Museum im Hafenviertel

Welche Themen Künstler aus Afrika heute beschäftigen, lässt sich unter anderem in den Museen der Stadt erleben, etwa im Zeitz Museum of Contemporary Art Africa (Zeitz MOCAA) im Hafenviertel Waterfront.



Die umgebauten Getreidesilos am Hafen sind nicht nur architektonisch ein Highlight. Zu sehen ist hier in einer permanenten Ausstellung auch die umfangreiche Privatsammlung beeindruckender afrikanischer Kunst des Namensgebers und ehemaligen Puma-Chefs Jochen Zeitz.

In wechselnden Ausstellungen zeigen zeitgenössische Künstler ausserdem, was ihnen unter den Nägeln brennt: Emanzipation, Sexualität, prekäre Lebensbedingungen oder Korruption. «Es gibt halt immer noch eine Menge Probleme», sagt Zylla.

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