Island – der perfekte Ort zum Abstandhalten

dpa/tafi

18.7.2020 - 18:02

Ankunft der «Herjólfur»: Die Fähre bringt normalerweise Island-Reisende zu den Westmännerinseln. Die Touristen bleiben zurzeit aber aus. 
Gabriele Derouiche/dpa-tmn

Jahrelang freut sich Islands Tourismus über steigende Besuchszahlen. Dann fährt die Coronakrise die Branche praktisch auf Null. Doch die Isländer verzagen nicht – und haben gute Gründe für Optimismus.

Im April 2019 kamen mehr als 120'000 Reisende nach Island. Im April 2020 waren es noch genau 924. – Nach Jahren des immensen Wachstums ist der Island-Tourismus in der Coronakrise praktisch zum Erliegen gekommen. Für die Nordatlantik-Insel mit ihren gerade einmal 360'000 Einwohnern bedeutet das in diesem Jahr einen Milliardenverlust. Doch das kleine Wikinger-Völkchen im hohen Norden bleibt optimistisch – auch wenn der Weg zurück zu den Touristenzahlen der Vorjahre ein langer wird, wie man sich in Reykjavik bewusst ist.

Dabei gingen die Zahlen seit knapp einem Jahrzehnt konstant und steil nach oben. Der Ausbruch des Vulkangletschers Eyjafjallajökull 2010 brachte die Insel schlagartig ins internationale Bewusstsein, bis 2018 schoss die Zahl ausländischer Gäste von knapp 500'000 auf mehr als 2,3 Millionen in die Höhe. 2019 pendelte sich der Wert bei etwa zwei Millionen ein – eine stabile Zahl, die die Isländer auf Dauer halten wollten, um den Tourismus rund um ihre Geysire, Wasserfälle und heissen Quellen nachhaltig gestalten zu können.

Bis zu 80 Prozent der Einnahmen fallen weg

Doch dann kam Corona. Wegen der Pandemie und den mit ihr verbundenen Beschränkungen, Flugausfällen und geschlossenen Grenzen landeten am internationalen Flughafen von Island in Keflavik bei Reykjavik im Frühjahr kaum noch Passagiere. Die 924 Gäste im April waren die niedrigste Zahl an Island-Besuchern seit 1961, wie der Rundfunksender RÚV ausgerechnet hat. Auch der Mai war mau: Gerade einmal 1035 Reisende kamen in dem Monat in Keflavik an, was einem Rückgang von 99,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat entsprach.



«Es hat eigentlich sehr gute Anzeichen für 2020 gegeben –, wenn denn Covid nicht zugeschlagen hätte», sagt die Leiterin der isländischen Tourismusbehörde Visit Iceland, Sigrídur Dögg Gudmundsdóttir. Dass in diesem Jahr die Zahlen von 2019 erreicht werden, gilt bereits jetzt als ausgeschlossen. «In den vergangenen Monaten sind wir auf quasi Null gefallen», sagt Gudmundsdóttir.

Besonders hart traf die Krise wie anderswo auch Restaurantbesitzer, Hoteliers und Tourenanbieter. Die isländische Regierung versucht die wirtschaftlichen Folgen mit Hilfsmassnahmen aufzufangen: Firmen können beispielsweise ihre Steuerzahlungen bis zum nächsten Jahr aufschieben, Steuern auf Hotelübernachtungen fallen bis mindestens 2021 nicht an.

Doch schon zur Jahreshälfte ist klar, dass die Verluste gross sein werden: 2019 spülten Touristen aus dem Ausland laut Gudmundsdóttir 383 Milliarden isländische Kronen – umgerechnet sind das knapp 2,6 Milliarden Franken – in die Kassen. Für 2020 rechnet man nun damit, dass bis zu 80 Prozent davon wegfallen werden.

Dezente Hoffnung

«Wir wissen nicht, wie viele Touristen in diesem Jahr nach Island kommen werden. Ich bin nicht einmal sicher, ob wir die 600'000 erreichen können», sagt die isländische Tourismusministerin Thórdís Kolbrún Gylfadóttir. An besonders beliebten Sehenswürdigkeiten auf der Insel habe man sich zuletzt noch Sorgen darüber gemacht, wie viele Reisende man dort maximal zulassen könne. «Wir waren an bestimmten Plätzen besorgt über einen möglichen Übertourismus. Jetzt sorgen wir uns eher über Untertourismus.»

Nach den besonders heftigen Coronamonaten des Frühjahrs keimt in Reykjavik aber dezente Hoffnung, dass es auch mit dem Tourismus wieder aufwärts geht. Zum einen gibt es unter den Isländern seit Wochen so gut wie keine Neuinfektionen mehr, zum anderen nimmt der internationale Reiseverkehr zunehmend Fahrt auf.

«Das hier ist ein Schock gewesen, aber wir wissen, dass wir wieder auf die Beine kommen werden», sagt Ministerin Gylfadóttir selbstbewusst. Dabei sei Island auch darauf angewiesen, dass sich die Coronalage anderswo bessere, etwa in den USA. US-Bürger stellen vor Briten und Deutschen jährlich die grösste Gruppe Island-Reisender dar.

Coronatest bei der Einreise

Bei der Einreise haben die Isländer einen Weg gefunden, wie sie ihre Insel möglichst coronafrei halten können: Seit Mitte Juni können sich Einreisende bei der Ankunft in Keflavik auf Corona testen lassen und so der ansonsten geltenden 14-tägigen Quarantäne entgehen. Kostenpunkt für den Reisenden: umgerechnet zwischen 60 und 75 Franken.

Nach der Einreise werde alles von der Hotelübernachtung über die Mietwagenbuchung bis hin zum Restaurantbesuch so normal sein, wie es in Coronazeiten nur möglich sei, versichert Gudmundsdóttir von Visit Iceland. Man könne ohne Einschränkungen herumreisen und sich zunutze machen, dass Island so dünn besiedelt sei wie kein anderes Land in Europa.



Island ist etwa zweieinhalb mal so gross wie die Schweiz, aber «unsere Einwohnerzahl ist vergleichsweise klein. Es ist sehr einfach, hier ganz allein die Natur zu erleben ohne grosse Massen.» Nach kurzem Überlegen sagt sie: «Es ist der perfekte Ort zum Social Distancing.»

Doch die Branche setzt nicht nur auf ausländische Touristen, sondern auch auf das veränderte Reiseverhalten der Isländer selbst. Diese machten vor Corona nur etwa jeden zehnten Reisenden im eigenen Land aus.

Gudmundsdóttir sieht nun einen grösseren Anstieg bei den Inlandsreisen – und darin einen der wenigen positiven Effekte der Krise. «Auf einmal reisen wir in grösseren Zahlen als zuvor durch unser eigenes Land. Und gleichzeitig entdecken wir, was der Tourismus in Bezug auf Dienstleistungen und Infrastruktur gebracht hat», sagt sie. «Es ist gut, dass wir unser Land stärker wertschätzen.»

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