EU zwingt neue Regeln aufItaliens Strand-Idylle gerät ins Wanken – gibts für dich jetzt den Preis-Schock?
Sven Ziegler
25.4.2026
In Italien drohen bald höhere Preise am Strand.
Mauro Scrobogna/LaPresse via ZUMA Press/dpa
Italiens berühmte Lidos – die bewirtschafteten Strandabschnitte mit Sonnenschirmen, Liegen und Bar – stehen vor einem Umbruch. Spätestens bis Juni 2027 muss Rom sämtliche Strand-Konzessionen EU-weit neu ausschreiben, so verlangt es die sogenannte Bolkestein-Direktive aus dem Jahr 2006.
Italien muss bis Juni 2027 rund 30'000 Strand-Konzessionen EU-weit neu ausschreiben – so verlangt es die Bolkestein-Direktive, deren Umsetzung Rom 20 Jahre lang verzögert hatte.
Die betroffenen Lido-Betreiber protestieren und sprechen von Enteignung; sie warnen vor höheren Preisen für Feriengäste.
Premierministerin Meloni, die den Betreibern einst ihren Schutz versprochen hatte, bereitet die Ausschreibungen nun dennoch vor – unter dem Druck drohender EU-Strafzahlungen.
Wer in Italien ans Meer fährt, kennt das Bild: Reihe um Reihe aufgestellte Sonnenschirme, dazwischen Liegen und ein Café – alles gegen Gebühr. Die Lidos sind ein fester Bestandteil der italienischen Ferienkultur und ein bedeutender Wirtschaftszweig. Pro Saison erwirtschaften die rund 30'000 Betreiber landesweit etwa 15 Milliarden Euro Umsatz und beschäftigen mehrere Hunderttausend Mitarbeitende.
Die Konzessionen für diese Strände werden seit Jahrzehnten unter der Hand weitergegeben – oft innerhalb derselben Familien. Doch damit soll nun Schluss sein. Die EU-Bolkestein-Direktive von 2006 schreibt vor, dass öffentliche Güter – darunter Strandabschnitte – für alle Marktteilnehmer offen ausgeschrieben werden müssen. 20 Jahre lang gelang es Rom, die Umsetzung hinauszuzögern. Nun ist die Zeit abgelaufen: Die EU-Kommission hat ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Werden die Konzessionen nicht bis Juni 2027 ausgeschrieben, drohen saftige Strafzahlungen – im schlimmsten Fall sogar Kürzungen von EU-Geldern.
Die Reaktion der Betroffenen ist heftig. Unter dem Namen «Balneari incazzati» – auf Deutsch in etwa «wütende Strandwirte» – haben sich die Konzessionsinhaber zusammengeschlossen und bereits mehrfach protestiert. Erste Aktionen fanden im Februar am Rande des Musikfestivals in Sanremo statt; diese Woche ist eine Grosskundgebung in Rom geplant, zu der Tausende erwartet werden. Ihre Kernforderung: Die Ausschreibung soll ausgesetzt werden, da die Strände ihrer Ansicht nach kein knappes öffentliches Gut seien und die Direktive deshalb gar nicht anwendbar sei.
Sergio Palazzo, Betreiber des Lido Selvaggio in Sperlonga südlich von Rom, bringt das Gefühl vieler Kollegen auf den Punkt: Als er vor 22 Jahren seine Konzession erhalten habe, sei dort nichts als Sand und Dünen gewesen. Alles, was er seitdem verdient habe, habe er in den Betrieb reinvestiert. Eine Neuvergabe käme für ihn einer Enteignung gleich. Und er warnt: Neue Betreiber würden die höheren Konzessionsgebühren an die Gäste weitergeben – die Lidos dürften dadurch teurer werden.
Besonders unangenehm ist die Situation für Premierministerin Giorgia Meloni und Vizepremier Matteo Salvini. Beide hatten sich lange als Schutzpatrone der Lido-Betreiber inszeniert. Meloni hatte im Wahlkampf sogar versprochen, ein Ausverkauf der Strände werde «nur über ihre Leiche» erfolgen. Nun bereitet ihre Regierung die Ausschreibungen vor und hat ein landesweites Regelwerk mit einheitlichen Kriterien verabschiedet – ein politischer Spagat im Wahljahr, denn in gut einem Jahr stehen Parlamentswahlen an.
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