Kühe können doch nicht auf Bäume klettern

Von Sulamith Ehrensperger

18.6.2021

Ferien auf dem Bauernhof boomen. Es ist ein Erlebnis ohne Massen mit Tieren zum Anfassen. Zu Besuch bei Bauer Walter Signer ob Herisau. 

Von Sulamith Ehrensperger

18.6.2021

«Sönd wöllkomm im Appezölleland.» Bauern wie Walter Signer kennen die meisten Kinder weleweg (Appenzeller Dialekt: wohl) nur aus dem Bilderbuch. Braungebrannter Oberkörper, Ohrstecker mit Kuhsujet und einen heimeligen Appenzeller Dialekt.

Schon beim aus dem Auto aussteigen merken wir: Das hier ist eine ganz eigene Welt. Eine, in der die Zeit irgendwie langsamer zu ticken scheint.

Signer ist im Bauernhof ufem Berg ob Herisau aufgewachsen und hat zusammen mit seiner Frau Monika vier Töchter grossgezogen. «Alle vier Meedl (Mädchen) sind mit einem Bauern verheiratet und dem Buure treu geblieben», erzählt er. Heute leben mit dem Ehepaar fünf Kühe, Kälber, Ziegen, Schafe, Katzen und zwei Katzenbabys auf dem Hof.

Bilderbücher wie diejenige von Postkuh Liselotte

Unsere fünfjährige Tochter darf zum Melken mit in den Kuhstall. Ganz eifrig trabt sie neben dem Wägeli mit der Milchkanne her. Beim Stall angekommen, verschwindet sie nach anfänglichem Respekt zwischen den stattlichen Tieren. Ohne Berührungsängste streichelt sie Bruni, die trächtige Kuh, die in vier Wochen Mutter wird.

Ferien auf dem Bauernhof 

Der Verein Ferien auf dem Bauernhof (FeBa) vereint etwa 100 Bauernhöfe, die Feriengästen den Agrotourismus näher bringen. Auf einer eigenständigen Angebotsplattform bietet FeBa Ferienwohnungen, Zimmer, Kinder- und Reitferien oder Camping an.

Sie löchert den Bauer mit Fragen: Wie gross ist ein Kälbli? Was machst du mit der Milch? Wie melkst du deine Kühe? Walter zeigt ihr die wichtigsten Handgriffe. Er erklärt, dass dies heute eine Melkmaschine für ihn erledigt. Rund 20 Liter Milch gewinnen die beiden von den drei gemolkenen Kühen. Diese ist für die Mastkälbchen.

Mir kommen Bilderbücher wie diejenige von Postkuh Liselotte in den Sinn. Diese Kuh klettert auf Bäume, hört Krimis, feiert Geburtstag und erlebt mit ihren Freunden, den Ziegen, Hühnern und Schweinen, allerlei Abenteuer auf dem Bauernhof.

Meine fünfjährige Tochter weiss mittlerweile, dass echte Kühe das nicht können. Sie weiss nun auch, dass Kühe mit Melkmaschinen gemolken werden, und dass der Bauer nicht mit seinen Tieren kuschelt. Anders eben, als das viele Kinderbücher erzählen.

Ein Riese, der die Appenzeller Hüsli verlor 

Seit 30 Jahren begrüsst die Familie Signer Feriengäste. Es ist ein Hof, wie er nur im Appenzell zu finden ist: mit getäferter Holzfassade, Blumenkästen und mit Blick auf den Alpstein mit Säntis, den Vorarlberg und den Bodensee. In der Küche erwartet uns selber gemachte Latweri-Konfitüre und ein von Hand gepflückter Blumenstrauss.

Die Appenzellerhäuser sollen laut einer Sage einst von einem Riesen am Bodensee zusammengesammelt worden sein. Er habe sie in einem Sack zum Alpstein tragen wollen. Der Sack hatte allerdings ein Loch und so verteilten sich die Häuschen über die Hügel des Appenzellerlandes. Doch war da wohl eher kein Riese am Werk. Die Raumhöhe ist um die 190 Zentimeter, in manchen Ecken niedriger. Mein Mann hat sich mehrmals den Kopf gestossen. Also doch nichts für Riesen.

Geschichten vom Wolf und den Geisslein

Nicht immer hat der Bauer Zeit, seine Gäste herumzuführen. Sein Arbeitstag beginnt um 5.30 Uhr. Melken, füttern, putzen, flicken – im Moment steht Heuen auf dem Plan. Bald sind die Kirschen reif. Die Tiere und die Natur geben den Takt im Bauernhofalltag vor. Hat der Gastgeber Zeit, erzählt er packende Geschichten: Wie er seine Schafe vor dem herumstreunenden Wolf beschützt oder wie er seine Zwerggeissli aus den Schneemassen befreien musste.

Es sind solche Geschichten und solche Begegnungen, die Ferien auf dem Bauernhof so besonders machen. «Chönd zonis» («Besucht uns wieder einmal»), verabschiedet sich Walter und wir winken, bis er nicht mehr zu sehen ist. Eine Verabschiedung, wie wir sie aus Bilderbüchern kennen.


Den Kurzaufenthalt bei Walter und Monika Signer haben wir privat bezahlt. Eine Woche auf dem Bauernhof ufem Berg kostet 560 Fr.