Livigno – wo Pasta Ragout auf frische Bergluft trifft  

Larissa Loges, dpa

15.8.2020 - 10:00

Ein Traum für Skifans, dafür ist die norditalienische Ortschaft nahe Bormio bekannt. Doch Livigno weiss auch ohne Schnee Freizeitsportler, Familien und Freunde der regionalen Küche zu begeistern.

Livigno sieht ein wenig so aus, als habe ein Bauherr Monopoly gespielt. Hier und dort wurden ein paar langgezogene Häuserketten hingestellt. Und statt der Spielkarte «Du kommst aus dem Gefängnis frei» setzte der Ort lange auf eine andere Karte: Du bist von der Steuer befreit – denn das gilt für bestimmte Waren.

«Wir haben mehr zu bieten als Benzin und Zigaretten», sagt Martina Bormolini von Marketing Livigno dazu.

Die Geschichte des Dorfes

Lange Zeit war das norditalienische Dorf bitterarm. «Neun Monate im Jahr war man hier von der Aussenwelt abgeschnitten. Erst ab 1953 war die Strasse nach Bormio auch im Winter geöffnet. Heute führt aus der Schweiz ein Tunnel hierher, der 3385 Meter lange Munt-la-Schera. Die Fahrt fühlt sich an, als ginge es durch ein Bergwerk, einspurig. Wenig später begeistern die kilometerlangen, fjordartigen Landschaftszüge entlang des Stausees Lago Livigno.

Dann tauchen die ersten Häuser auf. Der Ort ist neun Kilometer lang, es wurde nicht rund, sondern in die Länge gesiedelt.

Die ersten Touristen kamen 1968 in das pittoreske Resort auf 1816 Metern. Wegen der Steuerfreiheit, wie Bormolini bestätigt. Erst ab 1990 habe sich das langsam gewandelt.

Das Dorf wirbt heute mit optimalen Trainingsbedingungen und einem breiten Angebot an Aktivitäten für Freizeitsportler und Familien. Im Winter kommen die Urlauber in Scharen. Im Sommer geniesst man die Natur ohne grossen Trubel. Livigno ist zum Beispiel Ausgangspunkt für Ausflüge in den Nationalpark Stilfser Joch.

Wanderfreuden und Pasta Ragout

Das Tagesziel heisst Valle delle Mine, ein abgeschiedenes Tal. An einer Kirche am Ortsrand vorbei, geht es zwischen Höfen eine Schotterstrasse bergauf. Rauschendes Wasser, Lärchen, Kehren – ganz plötzlich ist man allein. Über den Weg sprudelnde, kristallklare Schmelzwasserbäche, Blumen, dann Gesteinsformationen, hölzerne Brücken – karger wird es, aber nicht weniger reizvoll. Der eine oder andere Mountainbiker saust vorbei, ansonsten: Ruhe.

Für wanderfreudige Touristen ein Muss: Das Valle delle Mille.
Bild: dpa

Bis plötzlich, hinter einer Kehre, Dampf aufsteigt. Eine kleine Hütte, die Alpe Mine auf 2192 Metern. Es herrscht Betrieb im Restaurant. Holztische mit Bänken laden im Freien zum Verweilen ein, dazu vier kleine Sitzgruppen an einem Spielplatz. Selbst hier ist man in Italien eingestellt auf «Bambini».

Das Tagesgericht kommt duftend und mit einem Lächeln. Pasta Ragout, eine Art Bolognese, schmeckt vorzüglich nach Urlaub. Traditionell gefühlte 100 Stunden gekocht. Auch eine Platte mit Salami und lokalem Käse, Polenta oder Gnocchi stehen auf der kleinen Speisekarte. Landestypische Küche irgendwo im Nirgendwo.

Wenn die Geschmackslawine rollt

Dass man in dem 6400-Einwohner-Ort Livigno die Traditionen nicht vernachlässigen möchte, zeigt Köchin und Restaurantbesitzerin Pamela Viviani, 45. Sie ist Mitschöpferin des Kochbuches «Leina da Saor» (Geschmackslawine). «Wir wollten die traditionellen, regionalen Gerichte erhalten und weitergeben.» Mehr als 30 Köche und Konditoren kramten mit älteren Einwohnern in Kindheitserinnerungen, schrieben auf, kochten, verkosteten. «Mehr Salz, mehr Butter, und so weiter, bis es so war wie einst», sagt die rotblonde Italienerin. Für viele Senioren sei es ein emotionaler Moment gewesen, die Erinnerung nochmal zu schmecken. Am Ende hatte man mehr als 100 Rezepte.

Nur wenige Lebensmittel gab es früher in der abgeschiedenen Region Livignos. «Brot, Milch, Mehl, Fleisch, es wurde viel getauscht. Kein Gemüse, keine Früchte, Steckrüben waren das einzige», sagt Viviani. Auch darum ist die Rezeptvielfalt aus Althergebrachtem und modern Interpretiertem beachtenswert.

Ein Experiment, das man schmecken kann

Livigno soll neu sein und will zugleich alt bleiben. Am Anfang des Wandereldorados Federia-Tal liegt rechter Hand der Hof von Benedett Raisoni, 73. Der Bauer verfolgt ein ambitioniertes Projekt: Roggen auf dem Hochplateau Livignos rekultivieren. «Früher gab es hier Roggen, bis 1910 etwa», sagt der Hobby-Landwirt. Die letzten Jahre testete er verschiedene Samen, die den extremen klimatischen Verhältnissen angepasst seien, besuchte Messen, sprach mit anderen Bauern. Bis ihm mit österreichischem Saatgut der Durchbruch gelang.

«Ein guter Wuchs, viel Roggenertrag», bilanziert Raisoni. Viel ist in dem Fall relativ: Etwa 100 Kilo bleiben und gehen an eine lokale Bäckerei, die Goloseria Galli. Wer mag, probiert dort das entstehende Roggenbrot namens «Benedett».

Lohnt sich der Aufwand des Rekultivierens denn? «Ich habe mich immer gefragt, ob man hier nochmal Roggen anbauen kann. Nun: Ich habe eine Antwort und Zufriedenheit», antwortet Raisoni.

Schweben zwischen den Bäumen

Wenige Minuten von Raisonis Gelände befindet sich der Larix Park. Simone Nani, 38, ist Manager des Hochseilgartens, steht vor einer kleinen Holzhütte am Parkeingang und erklärt warum: «Nach der Saison machen wir die Forstarbeiten, oberste Prämisse ist der Schutz dieser schönen, alten Bäume. Wir wollen Spass in der Natur. Wenn wir die Natur dabei beschädigen würden, wäre es schnell zu Ende.»

Verschiedene Schwierigkeitsgrade gibt es, von Kleinkind bis Senior, von ungeübt bis Profi. Nani zeigt die richtige Technik. Kurz darauf surrt man gut gesichert und lautlos Richtung Holzplateaus durch den Wald. Grün, viel Grün. Und ab und an leuchten rote, gelbe und orange Schutzhelme zwischen den dichten Ästen.

Jede Sommersaison kommen rund 10'000 Menschen in den Hochseilgarten. Viele kommen wieder, berichtet Nani. «Um zu sehen, was wir Neues haben. Wir bauen immer um und aus.» Eine kreative Herangehensweise, die in Livigno an vielen Orten zu finden ist.

Weitere Infos bietet der Tourismusverband Livigno.

Zurück zur Startseite