Darum sollten Sie beim nächsten New-York-Urlaub unbedingt nach Queens

Dörte Nohrden, dpa

28.2.2020 - 16:51

Multkulti lautet hier das Motto – allein ein Spaziergang durch die Strassen von Queens ist ein Erlebnis. Eine Erkundungstour durch New Yorks grössten Stadtteil – mit einer, die dort zu Hause ist.

Wenn sich die Yogis in den «herabschauenden Hund» schieben und kopfüber über den East River schauen, erblicken sie zur Belohnung die Skyline Manhattans. Die Hochhäuser der Upper East Side scheinen dann im Himmel zu hängen.

Auch als Besucher ist es erfrischend, einmal den Blickwinkel zu ändern und ihn auf etwas noch eher Unbekanntes zu richten: den New Yorker Borough Queens.

An Wochenenden locken kostenlose Yoga-Stunden in den Socrates Sculpture Park in Astoria, dem Stadtteil im nordwestlichsten Winkel von Queens. Midtown Manhattan mit seinem Lärm, seiner Hektik und den mit gelben Taxis verstopften Strassen scheint hier wie eine weit entfernte Welt. Und noch etwas fehlt: die Flut an Touristen.

Queens ist riesig und divers

Nach Manhattan, der Bronx, Staten Island und Brooklyn ist Queens mit rund 280 Quadratkilometern der grösste Borough New Yorks. Rund 2,3 Millionen Menschen leben hier.



Vom Flughafen La Guardia im Norden bis zu den Surfern am wilden Rockaway Beach im Süden sind es mehr als zwanzig Kilometer Luftlinie. Wie lässt sich das ethnisch hochdiverse Queens mit seinen Quartieren am besten begreifen?

Lori Lustig ist die richtige Adresse. Die 64-jährige New Yorkerin gehört zu den mehr als 300 Big Apple Greetern, Botschaftern der Stadt, die regelmässig ehrenamtlich Touristen begleiten. Lori wuchs in Flushing auf, dem Ziel des heutigen Streifzugs von West nach Ost.

Queens ist Multikulti pur

Entspannt geht es zunächst entlang des East Rivers. Dann biegt Lori in eine Strasse voll mit Street Art ab. An unzähligen Häuserwänden, Mauern und Garagentoren prangen bunte, schrille Kunstwerke. Welling Court Mural Project heisst der Ort. In dem Freiluft-Kunstmuseum, das sich über mehrere Strassen zieht, sind Sprayer seit zehn Jahren kreativ. Allein an diesem Ort liessen sich Stunden verbringen.

Heute sei die Hälfte der Menschen in Queens in einem anderen Land geboren worden, erzählt Lori. «Ich zähle zur anderen Hälfte.» Ihre Grosseltern wanderten aus einer Region in der heutigen Ukraine ein. Ihr Ehemann kommt aus Weissrussland. Aus dem Familiennamen «Lustik» wurde «Lustig». Daher wird Lori häufig für Deutsch gehalten. Die pensionierte Lehrerin arbeitet an drei Tagen die Woche an einer Schule in Astoria. Der Ruhestand sei ihr zu langweilig gewesen.



«Wenn Kinder neu in der Schule sind, können sie auf einem Formular zwischen 162 Sprachen wählen, um ihre Muttersprache anzugeben», berichtet Lori. Laut der Endangered Language Alliance werden in Queens 800 Sprachen gesprochen, mehr als irgendwo sonst auf der Welt.

Die Stadt, die doch mal schläft

Dass New York mit seinem nächtlichen Lichtermeer eine Stadt ist, die entgegen dem Sprichwort doch manchmal schläft, das sieht man in Queens. In ruhigen Strassenzügen werden die Bewohner sogar von Vogelgezwitscher geweckt. Es wird bunter und quirliger, je näher die Station Ditmars Boulevard rückt. Blaue Kuppeln blitzen auf: eine griechisch-orthodoxe Kirche. Ein Vorgeschmack auf die Vielzahl von Tempeln, Moscheen, Kirchen und Synagogen im Stadtteil Flushing.

Zeit für eine Verschnaufpause. Die Wahl fällt auf den Bohemian Hall & Beer Garden. Er gilt als ältester Biergarten New Yorks. Das Restaurant geht zurück auf böhmische Einwanderer, und so stehen Piroggen, Gulasch und Jägerschnitzel auf der Speisekarte.

Wie die Familie Steinway nach Queens kam

Auch eine Welle deutscher Immigranten verschlug es in den Schmelztiegel Astoria, zu jener Zeit noch ein ländlicher Vorort, der allerdings Arbeit versprach. Immer mehr Unternehmer kauften hier Farmland auf. Einer von ihnen war der legendäre Flügel- und Klavierbauer Steinway.

Die Familie kam unter dem Namen Steinweg. Sohn William Steinway liess ab 1870 eine neue Fabrik bauen – und gleich ein ganzes Steinway Village für die rund 400 Mitarbeiter samt Schule, Post, Kindergarten und Erholungspark. Bis heute werden an der Bowery Bay in Astoria Flügel und Klaviere gefertigt.

Über drei Kilometer führt die Steinway Street südwärts durch Astoria bis zur gleichnamigen Metro-Station. Die Züge der M-Linie fahren Richtung Osten bis zur Endstation Forest Hill. «Wir müssen allerdings in die Linie 7», sagt Lori. «Das wird kuschelig.»

Ins asiatisch geprägte Queens

Die Metro rattert durch Little India und Little Bangladesch in Jackson Heights, dann durch das lateinamerikanisch geprägte Corona, bis sie sich an ihrer östlichen Endstation Flushing komplett entlädt. Wer oben von der Rolltreppe ausgespuckt wird, wähnt sich auf einem anderen Kontinent: Bunte chinesische oder koreanische Schriftzeichen prangen von den Häuserfassaden.



Der letzte Zensus 2010 ergab, dass rund 70 Prozent der Menschen in Flushing aus Asien stammen. Tendenz steigend. In der Chinatown gehen getrocknete Seegurken, schwarze Hühnchen, dazu Schnecken, Muscheln und anderes Seafood als Delikatessen über die Theke – tot oder lebendig.

Ein Haus mit grosser Geschichte

Fussläufig zur Flushing Main Street steht mit dem historischen Bowne House ein wichtiges Denkmal für religiöse Toleranz. Der Brite John Bowne erbaute das Haus 1661. Weil Bowne hier regelmässige Quäkertreffen abhielt, wurde er 1662 vom damaligen Gouverneur verhaftet. Doch Bowne wehrte sich mit Erfolg und schaffte einen Präzedenzfall für Religionsfreiheit.

Flushings Wahrzeichen, die über 40 Meter hohe Weltkugel Unisphere, könnte nicht besser dazu passen. Der zur Weltausstellung 1964 erbaute Stahl-Globus im Flushing Meadows Park erinnert an die Vielfalt und Weltoffenheit in Queens.

Lediglich ein wesentlich kleinerer, gelber Ball macht der Unisphere jeden Sommer Konkurrenz, wenn sich das benachbarte Arthur Ashe Stadion zum Tennisturnier US Open füllt. Die Zuschauer kommen selbstverständlich aus aller Welt.

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