Schweizer Wildnis – wo man sie wirklich findet

31.12.2018 - 18:00, Caroline Fink

Der mächtigste Gletscher der Alpen: der Aletschgletscher.
Bild: Caroline Fink

Der Hang des Aletschwalds rutscht talwärts, was mit dem Schwinden des Gletschers zusammenhängt. Es entstand ein Ort, der nur sich selbst gehört. Ein Plädoyer für die Natur – von «Bluewin»-Kolumnistin Caroline Fink.

Ich stehe auf der Moosfluh, vor mir der mächtigste Gletscher der Alpen: der Aletschgletscher. Viele kommen hierher, um diesen zu sehen. Und bis vor kurzem kamen viele hierher, um durch den Aletschwald zu wandern. Jenen Wald, der sich zwischen Moosfluh und ewigem Eis ausbreitete, mit uralten Arven und Lichtungen wie im Wunderland. Vergangene Zeiten. Nun sind Teile des Walds ein Trümmerfeld: hausgrosse Felsblöcke, sandige Steinplatten, Geröll, dazu Risse im Erdreich, so gross, dass Tannen darin verschwinden – so sieht es jetzt dort aus.

Seit Herbst 2016 rutscht der Hang des Aletschwalds talwärts, was mit dem Schwinden des Gletschers zusammenhängt. Und mitsamt dem Wald verschwinden die Wanderwege: Heute ziehen Wandersleute der Krete entlang oder verweilen auf der Aussichtsplattform bei der Moosfluh. Ein Platz mit grandioser Aussicht, zugegeben. Doch mich lockt wie immer der Gletscher. Und so steige ich auf einem der wenigen Wanderwege, die in diesem Gebiet noch offen sind, hinab Richtung Eis.

Seit Herbst 2016 rutscht der Hang des Aletschwalds talwärts, was mit dem Schwinden des Gletschers zusammenhängt.
Bild: Caroline Fink

Ausser mir ist niemand da. Ich bin allein, als ich an Lärchen und Alpenrosen vorbeigehe. Bin allein, als ich am Gletscherrand mein Stativ aufstelle und fotografiere. Bin allein, als ich mich auf Gletscherschliffplatten setze und raste. Ich höre Hirsche röhren und Hummeln summen. Und irgendwann ist mir, als wäre ich im kanadischen Yukon. Oder in der Wildnis Lapplands. An einem Ort jedenfalls, wo die Natur nur sich selbst gehört und der Mensch mit seinem Plunder in seinen bunten Funktionsjacken nur selten vorbeikommt.

Diese Wildnis ist wichtig. Das wissen nicht nur Einsiedler und einsame Trapper, sondern viele von uns. Sie ist wichtig für Flora und Fauna – und vielleicht auch für uns selbst. Weshalb wir uns die Wildnis an manchen Orten selbst einrichten. Im Schweizer Nationalpark etwa, in Wildnisparks, Naturparks und Reservaten. Indem wir Grenzen um Gebiete ziehen, aus denen wir uns selbst verbannen – um dann wieder ihre Stille zu geniessen.

Doch während meines Tages am Aletschgletscher, bin ich mir einmal mehr sicher: Die Wildnis der Alpen finde ich längst nicht nur dort, wo sie dank Grenzen angepriesen wird. Sondern dort, wo die Wege enden. So wie hier, unterhalb der Moosfluh, wo der schwindende Gletscher die Hänge rutschen lässt und die Alpen sich ein Stück Wildnis zurückerobern.

Wofür ja – Ironie der Sache – mit grösster Wahrscheinlichkeit auch wir Menschen verantwortlich sind. Doch das, das ist eine andere Geschichte.

Zur Autorin: Caroline Fink ist Fotografin, Autorin und Filmemacherin. Selbst Bergsteigerin mit einem Flair für Reisen abseits üblicher Pfade, greift sie in ihren Arbeiten Themen auf, die ihr während Streifzügen in den Alpen, den Bergen der Welt und auf Reisen begegnen. Denn von einem ist sie überzeugt: Nur was einen selbst bewegt, hat die Kraft, andere zu inspirieren.

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