Insider-Wissen Swiss-Pilot Sven Thaler:«Turbulenzen sind nichts Ungewöhnliches»

von Mara Ittig, Bluewin

27.2.2018

Swiss-Pilot Sven Thaler: «Sicherlich hat eine Uniform auf viele Menschen eine anziehende Wirkung.»
Swiss-Pilot Sven Thaler: «Sicherlich hat eine Uniform auf viele Menschen eine anziehende Wirkung.»
Bild: zVg

Fliegen mag nicht mehr ganz so exklusiv sein, wie noch in den 60er-Jahren, als man sich für das Ereignis extra in Schale warf. Dem Reisen per Flugzeug haftet aber auch heute noch etwas Faszinierendes an. Wir haben mit Swiss-Pilot Sven Thaler gesprochen, um die letzten Mysterien aufzuklären. 

Jetzt bekommen Sie die Antworten, auf all die Fragen, die Sie einem Piloten schon immer mal stellen wollten. Haben Piloten auch manchmal Flugangst? Schlafen sie auf Langstreckenflügen? Was macht eigentlich der Autopilot? 

Wer könnte da besser Auskunft geben als ein Pilot höchstpersönlich? Wir haben mit Sven Thaler, C Series Kapitän bei der Swiss, gesprochen

Bluewin: Herr Thaler, gibt es Fallschirme im Cockpit?

Sven Thaler: Nein. Falls eine Evakuation aus dem Cockpit notwendig wird, solange sich das Flugzeug noch am Boden befindet, gibt es für die Piloten Notausstiegsseile, sogenannte Escape Ropes.

Ist der Autopilot eine Konkurrenz für den Piloten?

Grundsätzlich soll das System immer dann gebraucht werden, wenn es sinnvoll erscheint. Eine Konkurrenz ist es nicht, vielmehr ein ideales Zusammenspiel. So kann der Autopilot beispielsweise nicht starten oder vorausschauend agieren. Der Pilot kann hier seine Erfahrung einbringen. Während dem Flug ist der Autopilot eine perfekte Entlastung, er hält die vom Pilot vorgegebenen Werte wie Höhe und Geschwindigkeit exakt ein. Bei schlechter Sicht durch Nebel ist immer eine automatische Landung vorgesehen.

Haben Piloten auch manchmal Flugangst? 

Nein, Flugangst sollte man als Pilot nicht haben. Gesunden Respekt vor der Aufgabe und der Verantwortung, die Fluggäste sicher an ihr Zielort zu befördern, aber natürlich schon. 

Der beste Tipp gegen Flugangst?

Menschen mit Flugangst können Flugangstseminare sicherlich helfen.

Wie vertreiben Piloten sich die Zeit während einem Langstreckenflug? 

Auch während eines Langstreckenfluges gibt es für die Piloten einiges zu tun. So müssen die Systeme stetig überwacht, mit der Flugverkehrsleitstelle gefunkt und die Wettersituation im Blick behalten werden. In einer ganz ruhigen Phase kann jeweils ein Pilot auch mal etwas lesen oder die Mahlzeit zu sich nehmen.

Schlafen Sie auf langen Flügen?

Bei ultralangen Flügen, die um die 12 Stunden dauern, zum Beispiel nach Los Angeles oder Hongkong, sind jeweils drei Piloten im Cockpit und jeder von ihnen kann für eine bestimmte Zeit im speziell für die Piloten konzipierten Schlafraum ruhen. Dieser befindet sich oft direkt hinter dem Cockpit oder auf einer Boeing 777 über der Passagierkabine.

Welches ist Ihr Lieblingsflughafen? 

Nizza, ganz klar. Dort ist der Anflug etwas ganz Besonderes: Man fliegt entlang der Küste in die Bucht ein und befindet sich immer über dem Wasser. Oftmals wird man von der Promenade aus beobachtet. Für mich löst der Anflug dort Feriengefühle aus – am liebsten würde ich natürlich aussteigen.

 Welches ist der beste Moment beim Fliegen? 

Am schönsten ist natürlich der allererste Alleinflug während der Ausbildung. An diesen Augenblick denkt wohl jeder Pilot gerne zurück. Vergleichbar war dies mit meinem ersten Flug als Swiss-Kapitän nach einer intensiven Ausbildung.

Was tut ein Pilot bei Turbulenzen?

Generell sind leichte Turbulenzen nichts Ungewöhnliches. Wir betreiben ja immer noch eine «Freiluftsportart» und da gehört dies dazu. Wenn Turbulenzen kräftiger werden, versucht man durch den Wechsel der Flughöhe oder Route die Situation für die Fluggäste zu verbessern. Sofern Turbulenzen in Zusammenhang mit Gewittern stehen, weichen wir diesen gänzlich aus.

Gibt es Regeln, wann die Crew bei Problemen die Passagiere informieren muss?

Grundsätzlich gilt bei Swiss, dass so viele Ansagen an Bord wie nötig, aber so wenige wie möglich gemacht werden, um den Fluggästen ein angenehmes Reiseerlebnis zu ermöglichen. Bei Unregelmässigkeiten oder auch Turbulenzen kommt der Kommunikation aber natürlich eine noch wichtigere Rolle zu, da die Fluggäste über den weiteren Verlauf informiert werden sollen. Die Kommunikation der Cockpit Crew wird aber nicht explizit vorgeschrieben. Hier vertrauen wir auf die Einschätzung der Besatzung, der Situation angemessen zu kommunizieren.

Was war Ihr verrücktestes Erlebnis beim Fliegen?

Vor kurzem durfte ich einen Swiss-Spezialflug «LXMAS» zum Samichlaus nach Lappland durchführen. Wir sind zusammen mit den Gewinnern eines Wettbewerbs am Samstagmorgen losgeflogen und haben das ganze Wochenende gemeinsam verbracht. Die Stimmung war weihnachtlich und absolut genial. Ein solches Erlebnis ist etwas ganz Besonderes.

Wird man als Pilot oft angebaggert?

Sicherlich hat eine Uniform auf viele Menschen eine anziehende Wirkung. Man spürt beispielsweise beim Aussteigen ein gesteigertes Interesse an den Piloten. Dem Pilotenberuf wird aber auch heute noch sehr viel Respekt entgegengebracht.

Wieso dürfen Tiere nicht mit an Bord?

Hunde und Katzen bis zu acht Kilogramm sind an Bord unserer Flugzeuge erlaubt. Dies gilt auch für grössere Hunde mit Schutz- oder Hilfsfunktionen, beispielsweise Blindenhunde. Grössere Tiere oder beispielsweise Nagetiere können nur schon aus Sicherheitsgründen nicht in der Kabine transportiert werden. Der Transport von Tieren ist zudem je nach Land und Flughafen unterschiedlich geregelt.

Stimmt es, dass man im Cockpit rauchen darf?

Nein, auf unseren Flügen ist Rauchen sowohl in der Kabine als auch im Cockpit strengstens untersagt.

Wie leer ist der Tank bei der Landung?

Diesbezüglich gibt es klare gesetzliche Vorgaben. So muss jeweils eine Ausweichlandung durchführbar sein und zusätzlich weitere 30 Minuten Reserve vorhanden sein. Darüber hinaus ist der Pilot grundsätzlich in der Entscheidung der benötigten Treibstoffmenge frei. Bei gutem Wetter wird weniger Kerosin benötigt, bei schlechtem Wetter entsprechend mehr, um mehr Optionen verfügbar zu haben.

Was passiert, wenn ein Blitz ins Flugzeug einschlägt?

Ein Flugzeug ist gegen Blitzeinschläge sehr gut geschützt. Somit ist gut möglich, dass die Passagiere einen Blitzeinschlag gar nicht realisieren. Allenfalls kann der Blitz natürlich kurz sichtbar sein und der Einschlag gehört werden. Das ist allerdings kein Grund zur Beunruhigung.

Was hilft wirklich gegen Jetlag?

Das ist sehr individuell. Die einen Menschen richten sich nach der Uhrzeit im Heimatland und schlafen und essen entsprechend. Andere wiederum fühlen sich am wohlsten, wenn sie sich der Uhrzeit am Zielort anpassen. Nochmals andere schauen nicht auf die Uhr und essen und schlafen je nach Bedarf. Viele Besatzungsmitglieder treiben Sport. Wer fit ist, erträgt den Jetlag oft besser.

Ist man als Pilot manchmal einsam?

Nicht mehr und nicht weniger als in anderen Berufen. Bei Übernachtungen im Ausland trifft man sich ja oft mit anderen Crewmitgliedern zum Abendessen oder für Aktivitäten wie Wandern, Radfahren oder Sightseeing. Natürlich ist man ab und an mal an einem Wochenende oder Geburtstag oder an Weihnachten nicht bei der Familie oder Freunden, jedoch verbringt man auch sehr viel Zeit unter der Woche zu Hause, wo man dies entsprechend nachholen kann. Im Sommer übrigens ideal, da die Badi dann meist leer ist. 

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