Thomas Widmer: «Ich will nicht mit Greta Thunberg wandern»

Von Bruno Bötschi

27.12.2019

Winterwanderer oberhalb von Arvenbüel bei Amden im Kanton St. Gallen.
Bild: Keystone

Winterwandern ist im Trend. Der Schweizer Wanderpapst Thomas Widmer tut es auch. Ein Gespräch über seine Lieblingsjahreszeit – und warum er nur ungern in Berghütten übernachtet.

Herr Widmer, haben Sie eine Lieblingsjahreszeit?

Einen Lieblingsmonat. Den August. Dann sind endlich die Pässe auf und über 3'000 Metern richtig schön aper. Im September kann's in der Höhe dann schon wieder schneien. Schnell ist alles wieder zu.

Ist Wandern seit einigen Jahren auch eine Wintersportart?

Was wir als Trend sehen, ist die Auffächerung des Wintererlebnisses. Die Leute gehen nicht mehr eine Woche in die Berge und fahren die ganze Zeit Ski. Sie machen lieber jeden Tag etwas anderes, sie schlitteln zum Beispiel. Sie snöben. Sie gehen wellnessen und gut essen. Sie machen Langlauf. Oder sie gehen Winterwandern. Das Winterwandern ist in den letzten Jahren deswegen zum Breitensport geworden.

Winterwandern ist aber nicht zu verwechseln mit Wandern im Winter. Sie machen beides.

Ja. Der Wechsel macht Spass. Mal in die Höhe, wo die Touristiker Wege in den Glitzerschnee spuren. Und mal tiefergelegt durchs Flachland mit Kafischnaps in einer Dorfbeiz, wo die Einheimischen noch nie einen gesehen haben, der im Winter auch wandert.

Sie unternehmen sommers wie winters jeden Samstag, egal ob die Sonne scheint oder ob es schneit, eine Wanderung mit Freundinnen und Freunden. Wie nah muss Ihnen ein Mensch stehen, dass Sie mit ihm wandern gehen?

Dieser Mensch darf keine Nervensäge sein. Und sein und mein Wanderstil sollten einigermassen zueinander passen. Wenn er oder sie alle 20 Minuten Pause machen und Beizen partout auslassen will, dann passen wir nicht zusammen. Die Nähe ergibt sich mit der Zeit durch die gemeinsamen Erfahrungen. Wenn man mal zusammen im Val Strem in ein grausames Gewitter geriet, dann schweisst das zusammen.



Wer redet auf einer Wanderung mehr: Frauen oder Männer?

Tendenziell die Frauen. Huch! Ich glaub, ich bin auch eine Frau.

Gehen Sie lieber rauf oder runter?

Beides ist cool. Am Aufwärtsgehen gefällt mir das Psychodrama. Ich denke, während ich röchle wie ein sterbender Ochse: Mann, wieso bin ich geboren? Was mache ich hier? Geht das noch lang? Kollabiere ich gleich? Die Freude oben ist dann total.

Am Abwärtsgehen gefällt mir eine Art Flow. Letzten Herbst stiegen wir vom Güner Lückli im Kanton Graubünden ab ins Lugnez. Der Abstieg war endlos. Irgendwann spürte ich keine Anstrengung mehr. Nur noch Freude. Nein, Euphorie. Ich weiss nicht, was mein Körper da ausschüttete. Kokain?

Was fasziniert Sie mehr: Wandern durch eine grüne oder eine verschneite Landschaft?

Verschneite Gegenden faszinieren mich noch ein wenig mehr. Eine Winterlandschaft, das ist Reduktion auf ganz wenige Dinge und Farben. Vor allem, wenn der Himmel bedeckt ist. Dann gibt es nur das Weiss des Schnees und das Grün der Tannen. Mir kommt das jeweils vor wie ein japanisches Aquarell. Was ich im Winter allerdings vermisse: Dass die Natur riecht. Blumen und Kräuter auf einer Alp im Juni: Das ist Nasenbalsam.

Thomas Widmer über das Abwärtsgehen: «Es ist wie eine Art Flow. Letzten Herbst stiegen wir vom Güner Lückli im Kanton Graubünden ab ins Lugnez. Der Abstieg war endlos. Irgendwann spürte ich keine Anstrengung mehr. Nur noch Freude. Nein, Euphorie. Ich weiss nicht, was mein Körper da ausschüttete. Kokain?»
Bild: zVg

Was sind – neben der Unterlage und der wärmeren Bekleidung – die grössten Unterschiede zwischen Sommer- und Winterwandern?

Im Winter muss ich mir in jeder Hinsicht mehr überlegen. Vor allem punkto Sicherheit. Kann ich auf die Hochalp im Appenzeller Hinterland, oder gibt's da von der Hangneigung her schon heikle Stellen, wo Schneebretter drohen? Und kann ich irgendwo einkehren und mich aufwärmen? Im Sommer ist das Sein unbeschwerter. Aber im Winter ist das Licht exklusiver. Luxuriöser. Wer so arm ist, in Solothurn im Nebel zu hocken, der flippt doch aus, wenn er auf dem Weissenstein in die Sonne gerät.

Schuhwärmer – ja oder nein?

Schuhwärmer, was zur Hölle sind Schuhwärmer? Meinen Sie meine Füsse?

Wanderstöcke im Winter – ja oder nein?

Wanderstöcke: unbedingt! Aber vergessen Sie nicht, unten die kleinen Teller zu montieren, sonst sticht der Stock jedes Mal 70 Zentimeter in den Schnee.

Wo waren Sie zuletzt im Schnee per pedes unterwegs?

Die Saison ist noch sehr jung, da war noch nicht viel. Okay, ich war eben auf dem Bachtel im Zürcher Oberland. Da lag schon ein Schneeli. Letztes Jahr kam mir da übrigens – damals hatte es viel Schnee – ein Hundeschlitten entgegen mit vorgespannten Huskies. Ich kam mir vor wie im falschen Film. Oder wie im richtigen. Wie in Alaska fühlte ich mich.

Haben Sie auf Winterwanderungen schon einmal eine gefährliche Situation erlebt?

In den Bergen bin ich im Winter sehr vorsichtig, ich habe Angst vor Lawinen. Ich halte mich an offizielle, also freigegebene Routen für Winterwanderer und Schneeschuhler. Wirklich gefährlich ist es im Flachland. Der riesige Parkplatz bei der Weglosen, wo die Seilbahn zum Hoch-Ybrig hinauffährt, war einmal derart vereist und glatt, dass ich zweimal stürzte und ein paar Meter auf allen vieren zurücklegen musste. Ein anderes Mal winterwanderte ich komfortabel von der Gadastatt oberhalb Vals zum Zervreila-Stausee. Das war easy. Hingegen entwickelte mein Schlitten auf der Talfahrt nach Vals auf dem vereisten Strässchen einen derartigen Speed, dass ich Mühe hatte, ihn zu kontrollieren und nicht über die Kante in die Schlucht zu stürzen. Plus: Auf einem Thurgauer S-Bahnhof war das Perron eines Januarmorgens mit einer unsichtbaren, extrem dünnen Eisschicht überzogen. Wir gingen nicht, wir schlittschuhten über die Fläche.


Ihr Wanderproviant im Winter?

Der gleiche wie im Sommer. Leichte Ware. Haselnussstängeli zum Beispiel. Und alles Weitere im Resti. Samt Wein.

In welchen Beizen kehren Sie im Winter am liebsten ein?

Grundsätzlich nehme ich jede Beiz. Natürlich liebe ich es, wenn der Wirt oder die Wirtin kochen kann, was nicht immer der Fall ist. Grässlich finde ich es, wenn die Hausspezialität Chicken Wings sind. Und geschätzt wird eine gute Heizung. Einmal wanderten wir bei minus 15 Grad durchs Luzerner Hinterland. Wir sehnten uns nach dem Zmittag. Wir kamen in die Wirtschaft, setzten uns, zogen die Jacken aus und merkten: Das ist ja eiskalt hier. Die Wirtin sagte, die Heizung sei ausgestiegen. Das war bitter. Die Pizza allein wärmte nicht wirklich.

Habe Sie etwas gegen den Schweizer Alpen-Club (SAC) oder warum übernachten Sie nur im Notfall in Berghütten?

Die vom SAC sind schon recht. Ich bin einfach nicht der Asket. Ich will selber entscheiden, wann ich ins Bett gehe und das Licht lösche. Und auch, wann ich aufstehe. Bergsteigerfrühstück so zirka um vier, das ist für mich der Alptraum. Und vor dem WC anstehen, das muss ich auch nicht haben. Ausserdem liebe ich frische Bettwäsche. Oder solche, die von mir persönlich versaut wurde.



Welches sind Ihre drei absoluten Lieblings-Winterwanderungen?

Vom Jakobsbad auf den Kronberg. Diese Appenzeller Route ist steil, man macht doch gut 800 Höhenmeter. Sie ist aber jeweils sauber gespurt, und man bekommt spätestens auf der Scheidegg eine grossartige Aussicht auf den Säntisriegel. Oben gebe ich mir jeweils die Appenzeller Nationalspeise, Südwoescht mit Chäshörndli und Epfelmues. Route zwei? Das Goms, der oberste Teil des Rhonetals, ist grossartiges Winterwanderterrain. Von Oberwald nach Niederwald sind es zirka 21 gepistete Kilometer. Da kann man sich so richtig sattwandern. Das ist im Winter nicht immer einfach, manche Routen sind doch eher kurz. Was ich an der Gomsroute auch mag: Es geht die meiste Zeit sanft abwärts. Sanft. Das heisst: Ich kann das Gehen sozusagen ausblenden und mich auf die Berge rundum konzentrieren.

Und Ihr Tipp Nummer drei?

Auch eine lange Route. Eine im Unterengadin. Von Lavin nach Schuls. Da kommt man durch diese Schellen-Ursli-artigen Bilderbuchdörfer. Man denkt dann jeweils: Haben sie diese Dörfer für uns Touristen fabriziert? Oder gibt es sie wirklich?


Ist Wandern im Winter eigentlich eine Reaktion auf den Klimawandel?

Hm. Je nach Höhenlage hat das was. Tourismusorte, die nicht besonders hoch oben liegen und auch nicht auf Teufel komm raus beschneien wollen, müssen sich in der Tat überlegen, ob sie mittelfristig Skifahrer ansprechen wollen. Winterwanderer sind einfacher zu bedienen.

Im Winter fahren Wanderer gern in die Höhe über die Nebelgrenze an die Sonne. Sie wandern aber oft auch unter der Nebelgrenze, in der gerupften, farblosen, eher eintönigen Winternatur – meine Meinung. Was fasziniert Sie daran?


Gerupft? Ha, das gefällt mir, Sie erlauben, dass ich das Wort bald selber irgendwo einbaue. Im Winter wollen alle in die Höhe. An Wochenenden ist der Zug von Zürich nach Chur oder von Thun ins Simmmental oder von Gossau nach Appenzell die einfachste Art, Hölle zu erleben. Dafür sind die Felder und Wälder des Mittellandes wundersam leergeräumt. An solchen Tagen fühle ich mich zum Beispiel im Zürcher Weinland oder im Aargauer Reusstal wie der Grossgrundbesitzer zur Zeit der Zaren. Ganze Landstriche gehören mir, keiner bestreitet sie mir.

Sind selbst Städte für Sie Wandergebiete?

Absolut. Kürzlich wanderten wir von Winterthur via Bassersdorf, Wallisellen und Schwamendingen nach Zürich. Von HB zu HB. Das war hochoriginell. Was wir alles sahen und erlebten? Zum Beispiel eine historische Mühle, die von einem Verein Freiwilliger unterhalten wird. Die Freiwilligen waren grad am Werk. Ihr Chef sagte, ins Mühlerad sperre man Hamster und ungehorsame Hausfrauen. Der Chef wurde von den Frauen in meinem Grüppli mal kurz zur Ordnung gerufen.



Wird Wandern zum letzten Wintersport, wenn die Schnellfallgrenze noch weiter in die Höhe klettert?

Wandern kann man immer. Und es ist ökologischer als Skifahren. Aber natürlich nehme auch ich immer wieder mal eine Bergbahn. Und die fährt im Winter wegen der Skifahrer. Die reine Unschuld gibt es bei keiner Wintersportart.

Würden Sie gern einmal mit Greta Thunberg wandern gehen?

Nein, danke, merci! Ich bin mir des Klimawandels bewusst, er macht mir Angst. Ich glaube aber, man soll mit solchen globalen Bedrohungen dialektisch umgehen. Das heisst: Sie zur Kenntnis nehmen, also sich umweltfreundlich verhalten, und sie umgekehrt auch immer wieder ausblenden und verdrängen. Wie wollte man sonst noch lächeln oder gar lachen? Einen schwedischen Antismiley brauche ich nicht beim Wandern. Da will ich Freude spüren.

Zur Person: Thomas Widmer

Thomas Widmer ist studierter Islamwissenschaftler und Arabist. Nach einem Intermezzo als IKRK-Kriegsdolmetscher wurde er Journalist. Viele Jahre war er Redaktor beim «Tages-Anzeiger», seit 2017 ist er für die «Schweizer Familie» als Reporter unterwegs. Für den Echtzeit Verlag hat er mehrere Bücher über das Wandern verfasst. Sein neuestes Werk «Hundertundein Stein» erschien im vergangenen Sommer. Dank seiner beliebten Wanderkolumne gilt Widmer als «Schweizer Wanderpapst» («Der Spiegel»). Auf Widmer wandert weiter bloggt er täglich übers Wandern.

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