Wanderparadiese: 9 einsame, aber wunderschöne Schweizer Täler

12.8.2018 - 10:00, Bruno Bötschi

Kaltbrunntal: Ein verwunschener Ort, so verträumt und zauberhaft, dass es nicht verwundern würde, wenn Feen hinter den moosbewachsenen Felsen hervorkämen.
Bild: Schweiz Tourismus

Nein, die Alpen sind nicht überlaufen. Nur Teile davon. In der Schweiz gibt es nach wie vor Täler, die unberührte Natur und Ruhe bieten. Wir stellen Ihnen 9  besonders schöne davon vor.

Der Berg ruft und alle kommen, unter den Gipfeln herrscht emsiges Treiben. Wandern, der grösste Schweizer Volkssport erlebt gerade wieder einen Boom. Zu Fuss durch die Natur zu gehen, bietet vielen Menschen einen Gegenpol zum hektischen Alltag.

Und so kommt, was kommen muss: Auf besonders beliebten Wegen stehen Wanderer sich immer öfter auf den Füssen herum. An schönen Tagen herrscht Gedränge, Geschiebe, Gewürge.

Bevorzugen Sie Ruhe und Besinnlichkeit beim Wandern? Wir stellen Ihnen 9 einsame, aber umso schönere Schweizer Täler vor.

Val Calnègia: Rauer Charme

Mit viel Lärm stürzt im Val Calnègia ein Wasserfall über eine Felswand hinab. Kaum zu glauben, dass es einen Weg gibt, der diese Wand hinauf ins abgelegene Seitental des Val Bavona führt.

Gewaltige Naturkräfte haben das Tessiner Tal geprägt: langsames Gletscherfliessen, Erdrutsche, Erosionen, Lawinen und Überschwemmungen. Trotzdem ist es den Menschen gelungen, der Natur eine bescheidene Existenzgrundlage abzuringen. Überreste dieser Zeit finden sich von den Weilern der Talsohle bis hin zu den entlegensten Alpweiden.

Calnegiatal: Die Splueia Bela, die aus einer riesigen Granitplatte besteht, wurde bis 1987 vom Alphirten Arnoldo Dado und seinen Tieren als Alphütte genutzt.
Bild: Keystone

Mauern, alte Urbarmachungen, landwirtschaftliche Gebäude oder Treppen wurden alle mit Trockenmauern hergestellt. Die Hohlräume zwischen den Felsen wurden so zu Unterständen für das Vieh oder als Behausung hergerichtet.

Das Val Calègia ist von hohen Berggipfeln umgeben. Im Winter erreicht kein Sonnenstrahl das Tal, deshalb ist es nur im Sommer bewohnt.

Kaltbrunnental: Verwunschener Ort

Das Kaltbrunnental ist ein verwunschener Ort, nicht nur des dichten urchigen Waldes wegen. So verträumt und zauberhaft, dass es nicht verwundern würde, wenn Feen hinter den moosbewachsenen Felsen hervorkämen. Und auch wenn dies nicht passiert, das Tal birgt einige Geheimnisse.

Das Tal liegt in den Kantonen Solothurn und Baselland. Es erstreckt sich mit bis zu 60 Meter hohen, steilen Felswänden von Meltingen entlang des Ibach bis zu dessen Mündung in die Birs beim Chessiloch.

Kaltbrunnental: Drei prähistorisch besiedelte Höhlen liegen in dem engen, schattigen Tal. Die Höhlen boten den Menschen Schutz vor wilden Tieren und Unwetter.
zVg

Steinzeitliche Wildbeuter haben sich im Laufe der Jahrtausende immer wieder hier aufgehalten. Drei prähistorisch besiedelte Höhlen liegen in dem engen, schattigen Tal. Die Höhlen boten Schutz vor wilden Tieren und Unwetter.

Heute informiert der lokale Höhlenforscherverein auf dem «Karstlehrpfad» über dieses geologisch interessante Gebiet. Zum Beispiel über die 48 Tier­arten,  die in den Höhlen leben, die Eigenheiten der unterirdischen Landschaft und weitere Details der Höhlenforschung.

Sagenmülital: Wässerfälle und Orchideen

Das aargauische Dorf Linn ist bekannt für seine uralte Berühmtheit: die Linner Linde, im Volksmund «d’Lende vo Lenn» genannt.  Der Baum ist mit rund 11 Metern Stammumfang und 25 Metern Höhe die mächtigste Linde der Schweiz. Man schätzt das Alter es Baumes auf 800 Jahre.

Spaziert man von der Linde durch das Dorf weiter ins wildromantische Sagenmülitäli, erwartet einen bald die nächste Überraschung: der Steinbruch-Wasserfall.

Sagenmülital: Spaziert man von der mächtigen Linner Linde ins wildromantische Täli, erwarten einen bald noch mehr Überraschungen.
Bild: Schweiz Tourismus

Eigentlich sind es drei Wasserfälle, denn im Täli fliessen drei Bäche zusammen; der Gallenkircher Bach, das Bächli und der Linner Bach, und keiner lässt es sich nehmen, vor der Vereinigung über einen Wasserfall zu stürzen.

Der Wasserfall des Linner Bachs ist mit fünfeinhalb Metern der höchste im Kanton Aargau. Der lichte Föhrenwald ist zudem Lebensraum für zwei Dutzend Orchideenarten.

Vallon de Nant: 1000 Pflanzen

Von Bex im Kanton Waadt aus führt eine Strasse ins wilde Vallon de Nant. Dieses liegt unterhalb der Bergketten Dent de Morcles – Grand Muveran (im Osten) und Pointe des Savolaires – Pointe des Martinets (im Westen). 

So klein das Tal, so reich seine Vegetation: Laub- und Tannenwald, Beeren und mehr als 1000 Pflanzen wurden auf den unterschiedlichen Höhenstufen gesichtet. Dieser Reichtum an Pflanzen war der Grund, warum das Tal 1969 unter Schutz gestellt wurde.

Vallon de Nant: Laub- und Tannenwald, Beeren und mehr als 1000 Pflanzen wurden auf den unterschiedlichen Höhenstufen gezählt.
Bild: Keystone

Einen Einblick in diese Pflanzenvielfalt eröffnet der 1891 angelegte Alpengarten «Thomasia» in Le Pont de Nant. Auch die Fauna ist äusserst vielfältig, besonders die Vogelwelt. Und auch traumhafte schöne Wanderungen können im Gebiet unternommen werden.

Hinteres Lauterbrunnental: 72 Wasserfälle

Das Hintere Lauterbrunnental im Berner Oberland fasziniert mit seiner grossartigen Hochalpenlandschaft und den unzähligen Wasserfällen. Und doch ist es noch immer ein Geheimtipp und nicht überlaufen. Ein kleines Paradies, momoll.

Wildbäche, die am Rande des Gletschers entspringen, passieren unter grossem Tosen mehrere Geländestufen auf ihrem Weg ins Tal. 72 Wasserfälle zählt das Lauterbrunnental. Besonders sehenswert: der Holdribach- und der Talbachfall.

Hinteres Lauterbrunnental: Auf dem Weg zum Berghotel Obersteinberg begegnet man kaum einer Menschenseele.
Bild: swiss-image.ch / Marcus Gyger

Das Hochtal besticht mit einer abwechslungsreichen Vegetation, einem schönen Hochmoor und vielen Bergwiesen. Steinböcke und Gemsen können an den Hängen beobachtet werden. 

Im Hinteren Lauterbrunnental ist die Welt noch in Ordnung. Während der Wanderung begegnet man kaum einer Menschenseele – ein Geheimtipp für diejenigen, die Ruhe und eine faszinierende Landschaft suchen.

Und wer im Berghotel Obersteinberg übernachtet, unternimmt eine Reise in die Vergangenheit: In dem gastlichen Haus gibt es weder Elektrizität noch Duschen. Wenn es dunkel wird, werden Kerzen angezündet – «Kerzenhotel» heisst das dann.

Weisstannental: Wenig Menschen, viel Natur

In eine andere Welt begibt sich, wer vom Walensee her kommend bei Mels ins St. Gallische Weisstannental abbiegt. Steil kurvt die enge Bergstrasse durch hohen Tannenwald hinauf ins abgeschiedene Tal, in dem, verteilt auf die beiden Weiler Schwendi und Weisstannen, 300 Menschen leben und arbeiten.

Heute versuchen die Weisstanner, ihre Natur und Ruhe mit interessanten, der Talkultur angepassten Angeboten zu ergänzen: Eine alte Sägerei am Dorfbach in Weisstannen wurde wieder zum Leben erweckt, daneben ein Kräutergarten angepflanzt. Im «Bachüsli» entsteht feines Holzofenbrot und auf der Alp würziger Käse.

Weisstannental: Hier gibt es keine Hektik, keinen Durchgangsverkehr, dafür viel Natur und die rauschende Seez.
Bild: swiss-image.ch/Roland Gerth

Abgelegener könnte der Ort kaum sein. Schöner ebenfalls nicht. Lavtinabach, Piltschinabach, Sässbach, Muttenbach, Guetentalbach: Sie alle fliessen in der Wasserfall-Arena Batöni im Weisstannental zusammen und sorgen mit dem 81 Meter hohen Piltschinabachfall, dem Sässbachfall (86 Meter) und der Muttenbachfall (45 Meter) für ein berauschendes Gefühl. Es ist ein spezieller Energie-Ort.

Auch Adler und Steinböcke gehören zu den Attraktionen im Tal. Ein Geheimtipp ist die Wanderung über den langgezogenen Übergang des Foopasses hinüber ins glarnerische Elm.

Maderanertal: Knorriger Wald und wilde Blumen

Nur eine halbe Stunde fern der Hektik und des Lärms der Gotthard-Autobahn liegt ein Naturparadies, wo Kuhglocken statt Autohupen den Ton angeben: das Maderanertal im Kanton Uri. Wer ein wildes Bergtal mit reicher Pflanzenwelt und romantischer Bergkulisse sucht, ist hier richtig.

Das im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler eingetragene Tal wurde berühmt durch seinen Reichtum an hochalpinen Szenarien, an schönen Mineralien und Edelwild, wie auch an malerischen Wasserfällen.

Maderanertal: Wer ein stilles, wildes Bergtal mit reicher Pflanzenwelt und romantischer Bergkulisse sucht, ist hier richtig.
Bild: Keystone

Das Auto bleibt in Bristen, eine Seilbahn erleichtert den Aufstieg zur Sonnenterrasse Golzernalp über dem Maderanertal. Eng drängen sich die Häuser des Weilers Golzern unter den steilen Hängen der Grossen Windgällen und dunkel träumt der Golzerensee vor sich hin.

Durch knorrigen Bergwald und wilde Blumenpracht geht es hinunter zur Balmenegg, wo einst in einem Prachthotel internationale Kundschaft fürstlich betreut wurde. Tempi passati. Geblieben ist die Romantik, die Ruhe und die Grossartigkeit. Und der Glanz der Bergkristalle, die im Strahlerparadies Maderanertal überall am Weg angeboten werden.

Brecca: Grandiose Panorama-Wanderung

In eine wilde und zugleich verwunschene Gegend führt der Breccaschlund oberhalb des Schwarzsees im Kanton Fribourg. Es ist die Heimat einer Vielzahl von Alpenblumen und Alpentieren und Inspiration zahlreicher Sagen. Alptraditionen werden nach wie vor gelebt und Wanderer sind gern gesehene Gäste in den Sennereien.

Besonders grandios: Die Panorama-Wanderung von der Riggisalp über die Alp Brecca hinunter zum zauberhaft schönen Schwarzsee. Die Gipfel entlang der Wanderroute gehören zwar nicht zu den höchsten und bekanntesten im Land, aber sie formen eine durchaus imposante Silhouette.

Urlandschaft Brecca: Eine wilde und zugleich verwunschene Gegend oberhalb des Schwarzsees.
BIld:  swiss-image.ch / Pascal Gertschen

Je westlicher die Gipfel, desto französischer klingen ihre Namen (Combiflue, Patraflon). Beide wachen hoch über dem landschaftlich äusserst reizvollen Breccaschlund.

Entlang des Wanderwegs kann man sich in den drei gemütlichen Alphütten St. Antoni-Brecca, Marbach-Brecca und Cerniets verpflegen. Und am Ende der Wanderung lädt der See zum Bad.

Val Frisal: Der höchstgelegene Urwald

Das Val Frisal, behauptet manch einer, sei das schönste Hochtal der Alpen. So oder so: Das drei Kilometer lange Tal auf 1885 Meter über Meer mit muldenförmigem Gletscherabschluss und wunderbar mäandrierenden Wasserläufen ist definitiv ein einzigartiger Ort.

Auch die Gebirgspracht, welche das Tal im Bündnerland umrahmt, ist traumhaft. Es scheint alles perfekt, um die Seele baumeln zu lassen. Der offizielle Weg führt nur bis zum Taleingang, von da an ist jede und jeder auf sich selbst gestellt.

Val Frisal: Manch einer behauptet, es sei das schönste Hochtal der Alpen.
Bild:  Keystone

Der Aufstieg ins Val Frisal führt dem Flem (deutsch Dorfbach) entlang und bei Chischarolas am Scatlè vorbei, dem kleinsten aber höchstgelegenen Urwald der Schweiz. Hier sind die Fichten zum Teil bis 600 Jahre alt und über 30 Meter hoch.

Und noch ein wichtiger Tipp zum Schluss, der für alle Wanderungen gültig ist: Gutes Schuhwerk ist immer von Vorteil.

Noch mehr versteckte Schweizer Täler finden sich auf der Internetseite von Schweiz Tourismus. 

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