Wildwuchs erwünscht – hier dürfen Wälder noch wuchern

Jenny Tobien und Göran Gehlen, dpa

7.11.2020 - 14:00

Die Schweiz hat Deutschland erst kürzlich zum Corona-Risikogebiet erklärt. Bleibt zu hoffen, dass wir im kommenden Frühjahr die Schönheiten unseres Nachbarlandes wieder unbeschwert erkunden dürfen, zum Beispiel in Hessen. 

Bei Manfred Bauer darf die Natur noch Natur sein. Er ist Leiter des Nationalparks Kellerwald-Edersee. Über 5'700 Hektar, knapp 8'000 Fussballfelder, ist dieser gross. 95 Prozent der Fläche ist sogenannte Naturzone – also Wildnis ohne menschliche Eingriffe.

«Eine so grosse Naturzone hat sonst kein Nationalpark in Deutschland», sagt Bauer. Seit diesem Donnerstag dürften es noch etliche Hektar mehr sein. Denn Hessens einziger Nationalpark ist offiziell gewachsen.

Um knapp ein Drittel wird das Gebiet grösser. Nun gehören auch die Wälder an den steilen Nordhängen des Edersees im Kreis Waldeck-Frankenberg dazu. So eine Erweiterung sei selten in Deutschland, erklärt Bauer. «In 50 Jahren Nationalpark-Geschichte war das nur dreimal der Fall.» Dabei schlug dem Park bei seiner Einrichtung 2004 auch Argwohn entgegen. Durch die geschützte Wildnis wurden Nachteile für Wirtschaft und Tourismus befürchtet.

Biolgische Vielfalt stärken

Heute gilt er dagegen als Erfolgsmodell. «Dieser Nationalpark Kellerwald-Edersee hat zwei Komponenten», erklärt Hessens Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) am Donnerstag bei einem Festakt auf einem Aussichtspunkt über dem Edersee. Er solle die biologische Vielfalt sichern, aber auch den nachhaltigen Tourismus in der Ferienregion stärken.

Bisher war es nur Wald, was jetzt dazugekommen ist, ist Wald mit Aussicht: Naturpark Edersee.
Bild: Getty Images

Wer an Wildnis denkt, hat oft ferne Steppen, tropische Wälder oder endlose Wüsten vor Augen. Aber auch in Deutschland gibt es wilde Natur. Der Anteil ist allerdings recht gering. Laut aktuellen Schätzungen des Netzwerks für Biodiversität «BioFrankfurt» sind gerade einmal 0,6 Prozent der deutschen Landesfläche Wildnis. Für die Berechnung wurden ausschliesslich zusammenhängende Flächen von mindestens 1'000 Hektar berücksichtigt.

Mehr Wildnis zuzulassen sei in vielerlei Hinsicht richtig und wichtig, sagt Pia Ditscher von «BioFrankfurt». «Wo sich der Mensch zurückzieht, kann die Natur das Steuer übernehmen – und bekommt so Raum, sich frei zu entwickeln.»

Die Initiative «Wildnis in Deutschland», die von der Zoologischen Gesellschaft in Frankfurt (ZGF) koordiniert wird, setzt sich zum Ziel, zwei Prozent Wildnisfläche zu erreichen. «Wir haben so gut wie keine echten Urwälder mehr in Hessen», sagt ZGF-Experte Manuel Schweiger. Bei den anderen Flächen handele es sich vielmehr um «Wildwald im zweiten Anlauf», also Gebiete, die nach Eingriffen wieder der Natur überlassen wurden. Lediglich an den Edersee-Steilhängen gebe es noch solche ganz ursprünglichen Flächen.

Ein Vorteil an Mitteleuropa sei im Vergleich zu tropischen Wäldern, dass sich die hiesigen Ökosysteme wieder relativ schnell regenerieren könnten, wenn der Mensch das zulasse. «Wir müssen nur die Finger davon lassen, dann kommt die Natur von alleine zurück.»

Ein Nebeneinander der Baumarten

Für Wissenschaftler ist dabei spannend zu beobachten, wie sich die Natur anpasst, etwa an veränderte Klimabedingungen. Mit diesem Wissen könnten wichtige Konzepte für nachhaltige Land- und Forstwirtschaft sowie Hochwasser- und Klimaschutz entwickelt werden, so Schweiger.



In Urwäldern gibt es demnach ein Nebeneinander von Bäumen jeden Alters, während in forstwirtschaftlich genutzten Wäldern Bäume in der Regel schon «im jugendlichen Alter gefällt werden. «Dabei können die hiesigen Eichen bis zu 800 Jahre alt und Buchen um die 300 Jahre alt werden.»

Gerade die älteren Bäume sind für die Artenvielfalt wichtig, sagt auch Mark Harthun vom Naturschutzbund Nabu Hessen. Viele Tiere und Pilzarten bräuchten beispielsweise alte Wälder zum Überleben. «Der Schwarzspecht klopft sein Loch nicht in eine junge Buche.» Und allein so ein Schwarzspecht habe 60 Nachmieter unterschiedlicher Arten, die in seine Baumhöhle ziehen würden.

Wie viele Hektar Naturzone nun am Edersee hinzugekommen sind, ist laut Nationalpark-Leiter Bauer noch unklar. Das neue Gebiet sei noch nicht in Zonen eingeteilt. Mit der Erweiterung kämen auch einige Gebiete für das Management des Parks hinzu und viele Wanderwege. Am Ende werde der Nationalpark bei 80 bis 90 Prozent Naturzone liegen, schätzt er.

Viel gewonnen hat der Park auch in den Augen von Jürgen Vollbracht, dem Bürgermeister der nahen Stadt Waldeck. Beim Ausblick vom Steilhang des Edersees sagt er: «Bisher war es nur Wald, was jetzt dazugekommen ist, ist Wald mit Aussicht.»

Coronavirus-Pandemie: Einreise nach Deutschland

Momentan bestehen für Schweizer Touristen besondere Quarantänebestimmungen (Stand November 2020). Aktuelle Informationen gibt es unter anderem auf der Website des Auswärtigen Amtes. 

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