Wo die Rocky Mountains noch wild und einsam sind

dpa

11.8.2019 - 08:00

Wem es in den kanadischen Nationalparks im Sommer zu überlaufen ist, der kann im Geopark Tumbler Ridge noch echte Wildnis erleben – und dabei sogar in Dinosaurier-Spuren laufen.

Die Sensation ereignete sich an einem Herbsttag vor knapp 20 Jahren in der kleinen kanadischen Gemeinde Tumbler Ridge. Daniel Helm und ein Freund trieben mit einem aufgeblasenen Reifenschlauch einen Fluss hinunter, als einer der Jungen ins Wasser fiel und die beiden ans Ufer schwimmen mussten.

Erleichtert und neugierig gingen sie auf eine kleine Entdeckungstour und machten dabei in einigen Felsplatten am Ufer seltsame Einbuchtungen aus. Die Verformungen sahen zackig aus und wiederholten sich alle paar Schritte. Was nur konnte das sein?

Ungläubige Erwachsene

Zwei Buben machten 2001 eine sensationellen Zufallsfund.
Charles Helm/dpa-tmn

Man zog Experten zu Rate. Danach war in Tumbler Ridge nichts mehr so, wie es einmal war. Was die Jungs in den nördlichen Rocky Mountains gefunden hatten, waren versteinerte Trittspuren von Dinosauriern. «Wir hatten von Anfang an die Vorstellung, dass es sich um Dino-Fussabdrücke handeln könnte», erinnert sich Helm, der heute 27 Jahre alt ist. «Allerdings hat es eine Weile gedauert, bis auch die Erwachsenen davon überzeugt waren.»

Die Trittspuren stammen aus der Oberkreidezeit vor knapp 100 Millionen Jahren, als die Landschaften im Nordosten der Provinz British Columbia noch sumpfige Urwälder waren, gelegen an einem urzeitlichen Ozean. Heute liegt die Region in den Bergen und gilt als Geheimtipp abseits der grossen Besucherströme.

Dutzende weitere Spuren

«Die Dino-Spuren haben Tumbler Ridge aus dem Dornröschenschlaf geweckt», erzählt der Geologe Cameron Drever, während er mit seiner Hand vorsichtig Staub vom Felsgestein streicht. Als er mit einer Taschenlampe Licht auf die Verformungen wirft, werden die dreizackigen Fussabdrücke klar als solche erkennbar.

Drever arbeitet als Forscher in Tumbler Ridge und hat gerade Besucher über einen zwei Kilometer langen Wanderweg zum Flatbed Creek geführt, in die Nähe jenes Ortes, an dem die Kinder erstmals Spuren fanden. Seitdem hat man in der Region Dutzende weitere Spuren verschiedener Dinosaurierarten entdeckt, dazu mindestens 40 Knochenfelder.

Cameron Drever weiss genau, wo man am Flatbed Creek echte Dinospuren finden kann.
Jörg Michel/dpa-tmn

Die anderen Rockys

Wegen ihrer geologischen Bedeutung haben die Vereinten Nationen die Region um Tumbler Ridge zu einem globalen Geopark erklärt, als einer von drei Orten in Kanada und 147 weltweit. Der Park ist der einzige Fleck der Erde, an dem man versteinerte Spuren von Tyrannosaurus Rex vorgefunden hat, die aus mehr als einem Fussabdruck bestehen.

Trotzdem ist Tumbler Ridge alles andere als überlaufen: Während sich eine Tagesreise weiter südlich im Sommer die Besuchermassen in weltbekannten Nationalparks wie Banff, Jasper oder Yoho drängeln und viele Campingplätze über Monate hinweg ausgebucht sind, stehen die Rocky Mountains rund um Tumbler Ridge noch für das einsame Kanada.

Vom Bergbaudorf zum Touristenort

Das hat mit der geografischen Lage zu tun. Tumbler Ridge liegt fern der gängigen touristischen Hauptrouten, welche die bekannten Nationalparks in den Rocky Mountains mit Vancouver und der Pazifikküste Kanadas verbinden. Der Jasper Nationalpark ist 600 Kilometer entfernt, erst 120 Kilometer nördlich von Tumbler Ridge beginnt in Dawson Creek der legendäre Alaska-Highway.

Auch seine Entstehungsgeschichte sprach zunächst nicht für Tumbler Ridge als Touristenort. Entstanden ist die 3'000-Einwohner-Gemeinde in den 1980er Jahren auf dem Reissbrett als ein modernes Bergbaudorf für die Arbeiter einiger naher Kohleminen. Lange fanden nur sehr wenige abenteuerlustige Reisende den Weg bis dorthin.

Rund um den Dino

Seit der Entdeckung der Fussabdrücke hat sich das geändert. Heute gilt Tumbler Ridge als Ziel für Outdoor-Liebhaber und Sehnsuchtsort für Dinosaurier-Fans aus aller Welt. Im Dorf hat man eigens ein schönes Museum gebaut, in dem Besucher Dino-Skelette, Knochenfunde und Versteinerungen aus verschiedenen Epochen bewundert können.

Im Sommer organisiert das Dinosaur Discovery Centre auch geführte Wanderungen zu den Fundorten der markantesten Spuren am Flatbed Creek und am benachbarten Wolverine River. Sogar Nachtwanderungen mit Lampions werden angeboten. Im fahlen Laternenlicht lassen sich die Dino-Spuren manchmal leichter erkennen als am helllichten Tag.

Tourismus ohne Massen

Durch die Dinosaurier-Euphorie ist auch der Outdoor-Tourismus in Tumbler Ridge zum Leben erwacht. «Wir haben hier einige der spektakulärsten Gletscher, Bergseen, Wildwasserflüsse und Wasserfälle der Rockies zu bieten, aber garantiert ganz ohne Massentourismus», sagt Randy Gulick, der im Ort ein Tourunternehmen führt.

Gulick steht unweit des Dorfes am Ufer des Murray River und wirft sein High-Speed-Boat vom Typ Invader an. Die Motoren heulen auf, und schon geht es los auf eine abenteuerliche Tour durch die flachen Arme und Seitenarme des Flusses, der an den Osthängen der Rocky Mountains entspringt und über den Peace River im Arktischen Ozean aufgeht.

Spektakulärer als die Niagarafälle

Das Ziel der Tour ist eines der spektakulärsten Naturdenkmäler in British Columbia: Der Kinuseo-Wasserfall im Monkman Provincial Park ist einige Meter höher als die Niagarafälle und wird doch nur von wenigen Tausend Besuchern im Jahr gesehen. Erreichbar ist er über eine knapp 50 Kilometer lange Schotterstrasse oder mit Booten.

Der Invader pflügt sich mit 50 Stundenkilometern durch das flache Wasser. Erst geht es unter Brücken hindurch, dann mitten durch die Wildnis. Am Ufer grasen Hirsche, am Himmel schweben Weisskopfseeadler. An einer Flussbiegung kämpft sich Gulick durch einen Stau aus Holzstämmen, nach etwa einer Stunde taucht der rauschende Fall im Blickfeld auf.

Geschickt steuert Gulick sein Boot durch Stromschnellen und Haarnadelbiegungen dicht an den Wasserfall heran. Dort fühlt es sich an, als stünde man unter feinem Dauerregen. Das Rauschen der Gischt ist ohrenbetäubend, das Boot wippt auf und ab im aufgewühlten Wasser. Ein Regenbogen spiegelt sich in der Sonne, die es immer wieder durch die Wolken schafft.

Grüsse aus Pangea

Über den Fällen prangen s-förmige Gesteinsfalten, die aus der Trias-Epoche vor 250 Millionen Jahren stammen, als sich der Meeresboden nahe dem damaligen Superkontinent Pangea hob und so die Rocky Mountains formte, die heute von New Mexico in den USA bis ins nördliche British Columbia reichen.

Auf einen Gipfel dieser Bergkette geht es anderntags, allerdings nicht zu Fuss oder per Bergbahn wie in den meisten Nationalparks, sondern mit einem Allradwagen. Das ist rund um Tumbler Ridge erlaubt, auch Quadfahrzeuge oder Motorschlitten im Winter sind üblich. Für abenteuerlustige Urlauber ist das ein zusätzlicher Anreiz, die Region zu besuchen.

Ohne Geländewagen ist in diesem Teil der Rockys oft Ende Gelände.
Jörg Michel/dpa-tmn

Achtung, Grizzlybären

Der Wagen kämpft sich im Schritttempo über alte Feldwege und Forststrassen, die einst von den Bergwerksunternehmen angelegt wurden. Es geht steil bergauf, über matschige Pisten, durch Eis- und Schneefelder, an schwindelerregenden Abhängen und Bergkämmen entlang. «Wir werden schon nicht abstürzen», scherzt Gulick.

Nach einer Stunde Fahrt ist das Ziel erreicht: der Gipfel des Hermann Mountain auf knapp 1'700 Metern. Der Blick auf die nördlichen Rocky Mountains ist umwerfend: Man erkennt ausladende Waldlandschaften, Seen, Schneefelder und Gletscher, ab und zu auch alte Minen. Wild ist es auch: Auf dem Rückweg springen zwei Grizzlybären aus dem Strassengraben.

Wandern in der Wildnis

Weniger Action bieten die Hänge des Mount Babcock, eine Autostunde südlich von Tumbler Ridge gelegen. Hier beginnen einige der schönsten Wanderwege im Geopark, die sich auf eine Länge von insgesamt 300 Kilometer summieren und die zum Teil durch eine Wildnis führen, in der man nur selten auf andere Wanderer trifft.

Das gilt auch für den Weg durch den Boulder Garden mit bizarren Felsformationen und Zinnen, die bei der Entstehung der Rocky Mountains geformt wurden. «Hier waren einst enorme urzeitliche Kräfte am Werk», sagt Geologe Drever. Nicht ganz so viel Kraft benötigen Wanderer, denn mit drei Kilometern ist der Ausflug überschaubar.

Eine Werft in den Bergen

Dafür ist der Weg steil und übersät mit rutschigen Passagen. Doch das Ziel lohnt. Nach einer guten Stunde erreicht Drever den sogenannten Shipyard, eine Serie markanter Felstürme, die optisch Schiffen ähneln sollen. Ein paar Felskletterer versuchen hier ihr Glück, an einem Abhang grast eine Herde zotteliger Bergziegen und blickt hinüber.

Der Shipyard ist ein rauer, abgelegener und vergessener Ort mitten in den unendlichen Weiten der Rocky Mountains, irgendwo am Rande Kanadas, wo das Land heute noch so scheint, wie es einmal überall gewesen sein muss: einsam, ursprünglich und unentdeckt. Man wäre nicht überrascht, wenn an diesem Ort jetzt auch noch Dinosaurier um die Ecke bögen.

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