Wenn Autobauer mal aus der Rolle ausbrechen

dpa

4.12.2020

Ein neuer Sportwagen von Porsche oder ein Offroader von Jeep? Das ist vorhersehbar. Doch immer wieder versuchen die Hersteller etwas Neues und überraschen mit Unerwartetem.

Le-Mans-Rennwagen mit Strassenzulassung, radikale Roadster und ein 911 im Safari-Trimm. Als die Porsche-Designer vor Kurzem ihre Asservatenkammer öffneten und einige bis dahin geheime Studien aus den letzten Jahren ans Licht holten, war die Begeisterung gross.

Klar: Sportwagen-Konzepte von einem Sportwagenhersteller – das ist erwartbar. Bis Designchef Michael Mauer plötzlich, knallrot und für einen Porsche viel zu hoch, doch noch eine Überraschung aus dem Hut zauberte: den Renndienst-Porsche als erste Grossraumlimousine aus Zuffenhausen.

Wenige Tage später präsentierte auch Mini den Entwurf eines für sie eigentlich untypischen Autos: die Studie eines Vans namens Vision Urbanaut. Als Tiny House auf Rädern soll er in der Stadt auch dann Spass machen, wenn an Fahren nicht zu denken ist, erläutert Markenchef Bernd Körber.



Die beiden Studien zeigen nicht nur, dass die Autoindustrie offenbar händeringend auf der Suche nach einer Alternative oder zumindest einer Ergänzung zum SUV ist. Da werden mal wieder neue oder zumindest andere Wege ausprobiert, um Kunden mehr Raum und mehr Variabilität zu bieten, sagt Design-Professor Lutz Fügener.

Vor allem seien solche Studien aber wichtige Ventile für die Kreativität im Unternehmen: «Viel zu oft scheitern Designer und Entwickler in den Unternehmen wie die Kuh vorm neuen Tor an den selbstgesetzten Marketingschranken», klagt Fügener und schreibt diesen vermeintlich abwegigen Konzepten die Kraft zu, solche Schranken auch mal niederzureissen.

Ein Blick in den Rückspiegel

Dazu ist es in den letzten Jahrzehnten immer wieder mal gekommen: So hätte zum Beispiel niemand VW einen Supersportwagen auf Ferrari-Niveau zugetraut, bis die Firma Ende der 1990er plötzlich ihre W12-Studien auf die Motorshows stellte. Genauso wenig übrigens wie eine Oberklasse-Limousine, die mit dem 1999 als Concept D angekündigt und dann ab 2002 als Phaeton gebaut wurde.



Nicht minder überraschend: ein minimalistisches Stadtauto für die damals ausschliesslich auf grosse Limousinen abonnierte Luxusmarke Mercedes. Das nahm 1994 das Micro Compact Car den Smart vorweg. Genauso wenig wie man Renault in den Nullerjahren zu Zeiten des VelSatis die Eignung für die Oberklasse zugeschrieben hätte, konnte man sich bei Peugeot Hardcore-Geländewagen wie den Hoggar oder bei Audi Stadtmobile wie das Urban Concept vorstellen.

Längst nicht alles geht in Serie

Es sei grandios, sagt Fügener, wenn Hersteller sich trauen, vermeintlich sicheres Terrain zu verlassen und einen Sprung in die Zukunft zu wagen. «Anders wäre eine DS von Citroën nie entstanden. Und übrigens auch kein iPhone.»

Und selbst wenn solche Autos nicht in Serie gehen, haben sie einen wichtigen Einfluss auf aktuelle Projekte, sagt Porsche-Designchef Mauer: Im Grossen, weil sie dabei helfen, Möglichkeitsräume zu erkunden, gewohnte Denkmuster und Konventionen infrage zu stellen und das Rad immer wieder neu zu erfinden. Und im Kleinen, weil sie immer wieder Inspirationen für Design-Details liefern. Nicht umsonst gibt es unverkennbare Ähnlichkeiten zwischen den Renndienst-Scheinwerfern und dem Lichtbild des elektrischen Taycan.

Ein Porsche als Geländewagen – kaum vorstellbar?

Mini-Designchef Oliver Heimer pflichtet seinem Kollegen bei: So soll der Urbanaut der Marke eben nicht nur den Weg in ein neues Segment weisen, sondern die Mini-Kundschaft innen wie aussen auch auf eine neue Designsprache einstimmen, die bereits in zwei, drei Jahren zu sehen sein werde. Dann allerdings erst einmal an einem eher konventionellen Konzept: dem nächsten Dreitürer.



Als bei Porsche vor über 20 Jahren zum ersten Mal über einen Geländewagen gesprochen wurde, war die Irritation ähnlich gross wie beim Renndienst-Van. Doch mittlerweile gibt es bereits drei Generationen Cayenne sowie den kleinen Bruder Macan – und Porsche baut längst mehr SUV als Sportwagen. Deshalb sollte man vielleicht auch die neuen Van-Studien nicht gleich wieder vergessen oder zurück in die Asservatenkammer schieben.

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