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«Es gibt kaum etwas, was den Familienfrieden so stören kann wie eine versaute Ferienwoche. Der emotionale Schaden durch einen Betrug, ist teilweise so hoch wie der finanzielle»: Abzocke-Jäger Peter Giesel.
Joyn /Robin Ahne
Die Sommerferien sind Hochsaison für Betrüger*innen. Peter Giesel, bekannt aus der TV-Sendung «Achtung Abzocke», verrät welche Fallen derzeit häufig zuschnappen und warum Reisende bei Online-Buchungen besonders vorsichtig sein sollten.
Peter Giesel, am Wochenende geht die Fussball-WM in den USA, Mexiko und Kanada. Schauen Sie die Spiele auch während der Dreharbeiten zur neuen Staffel «Achtung Abzocke»?
Ja, wenn es der Zeitplan zulässt, auf jeden Fall. Hier in London geht das mit der Zeitverschiebung zum Glück, da schauen wir uns Spiele an. In die Pubs kommt man nach zehn Uhr abends allerdings nicht mehr rein. Viele Pubs machen nach 22 Uhr dicht. Aber: Das Land ist ganz schön fussballverrückt.
Sind Sie in London schon erkannt worden?
Ja, gestern habe ich hier sechs Selfies gemacht (lacht).
Privat werden Sie sicher auch oft angesprochen. Stört Sie oder Ihre Familie das?
Vor ein paar Tagen sass ich mit meinen Töchtern im ICE, da haben sie schon gesagt: «Papa, bitte setz die Sonnenbrille und die Basecap auf!» Ich bin natürlich kein Boyband-Mitglied, aber ich werde schon oft angesprochen und bleibe dann auch meistens stehen, weil ich ungern Nein sage, wenn jemand mit Begeisterung vor mir steht. Selfies in den Ferien findet meine Familie meistens noch okay, aber wenn es mehr als drei am Tag werden, dann nicht mehr so sehr.
Sie drehen gerade in London. Wovor müssen sich Tourist*innen dort in Acht nehmen?
Taschendiebstahl ist hier ein grosses Thema, da sollte man aufpassen. In jedem Pub warnen Zettel und Sticker, dass man auf seine Sachen achten muss. Aus gutem Grund: Es werden in London jeden Tag um die 300 Handys und ungefähr genauso viele Rucksäcke geklaut. Ausserdem ist die Stadt natürlich unglaublich teuer – wenn man es nicht richtig macht. Bei Tickets zum Beispiel – egal, ob für Konzerte, Sightseeing-Touren oder Musicals – muss man wahnsinnig aufpassen. Online kann man schnell an die Falschen geraten, sogar auf offiziellen Plattformen. Dort sind längst nicht alle Angebote verifiziert. Ich buche so etwas für meine Ferien deshalb nicht im Internet. Lieber direkt vor Ort buchen, auch wenn man dann noch einmal eine halbe Stunde anstehen muss. Wenn man im Internet bucht: doppelt und dreifach überprüfen.
Das ist sicherlich nicht nur in London ein Problem?
Nein, definitiv nicht. Wir waren für die neue Staffel auch in Kroatien, unter anderem in Dubrovnik. Es gibt wirklich kaum eine Stadt, die so – man muss es leider sagen – unverschämt teuer ist: Es gibt kaum eine Pizza unter 20 Euro. Man wird in jedem dritten Laden abgezogen. Und: Dort werden viele «Game of Thrones»-Führungen angeboten, weil ja ein Teil der Serie in Dubrovnik gedreht wurde. Gerade die amerikanischen Touristen buchen das gerne im Voraus online und zahlen dann über 100 Euro für 90 Minuten. Da bekommen sie ein paar Fotos gezeigt, werden ein bisschen herumgeführt, und das war es – kein Scherz. Die richtige Tour gibt es für 20 Euro, und die dauert drei Stunden.
Findet der meiste Betrug heutzutage also eher im Netz statt?
Die Leute würden sich die Sendung wahrscheinlich nicht so gerne ansehen, wenn ich den ganzen Tag am Computer hängen würde. Und deswegen brauchen wir natürlich etwas Greifbares und Darstellbares. Aber ohne Frage – die Online-Betrügerei hat wahnsinnig zugenommen.
Gleichzeitig wird im Internet aber auch immer mehr vor Betrug gewarnt. Sind die Leute mehr auf der Hut vor Betrügern als früher?
Wird man wirklich so viel gewarnt? Ich habe das Gefühl, dass die Leute wahnsinnig sorglos und bequem geworden sind und ihr Geld unbedacht im Netz ausgeben – obwohl es Sendungen wie «Achtung, Abzocke» oder auch die Stiftung für Konsumentenschutz gibt. Die wenigsten nehmen soziale Medien als etwas Gefährliches oder Negatives wahr und sind mit ihrem Geld viel unvorsichtiger.

«Die wenigsten nehmen soziale Medien als etwas Gefährliches oder Negatives wahr und sind mit ihrem Geld viel unvorsichtiger»: Peter Giesel.
Joyn
Auf welche Maschen fallen die Leute online rein?
Es gibt zum Beispiel derzeit eine Masche, da glauben Menschen, sie würden Geld dafür bekommen, wenn sie irgendwelche Videos anschauen. Aber um da ranzukommen, müssen sie hinterherzahlen. Da geht es nicht mehr nur um 20 oder 30 Euro, sondern um grosse Vermögensschäden. Ich habe schon Leute gesehen, die hatten Familie und Kinder, die haben ihr letztes Sparbuch aufgelöst, weil sie dachten, jetzt würden sie endlich an das grosse Geld kommen. Wenn man so was hört, denkt man sich vielleicht erst einmal, wie man nur auf so was reinfallen kann, aber die Täter sind extrem geschickt darin, Vertrauen aufzubauen. Es haben sich bis heute allein bei mir schon Hunderte Geschädigte gemeldet.
Und wovor müssen sich speziell Ferienreisende im Netz in Acht nehmen?
Der grosse «Ferien-Abzocke-Trend» sind die Fake-Ferienwohnungen. In Kroatien ist das ein massives Problem – da geht auch nicht wirklich jemand gegen vor. Im Süden von Frankreich ist es ebenfalls ein Thema. Auf Mallorca wird mittlerweile mit Registrierungsnummern für die Wohnungen dagegen vorgegangen. Mit diesen kann man vorab auf staatlichen Seiten kontrollieren, ob es das Haus oder die Wohnung auch wirklich gibt.
Also lieber direkt bei einem Reiseveranstalter buchen?
Auch da muss man vorsichtig sein. Es ist zwar kein Massenphänomen, aber genauso eine Straftat: Reisebüros beziehungsweise -portale, die gar nicht existieren. Mein Team und ich sind so einem gerade auf der Spur. Dazu haben wir in drei Wochen 40 Zuschriften bekommen: Ferienreisende haben dort für 3000 oder 4000 Euro ihre Pauschalreise gebucht, haben sogar einen Reiseversicherungsschein bekommen – die sind Pflicht für Reiseveranstalter in Europa im Fall einer Insolvenz. Aber die Reise gab es nicht. Das Geld war letztendlich weg, und die Opfer werden es vielleicht nie wiedersehen.
Können die Behörden in solchen Fällen nicht helfen?
Ich habe das Gefühl, die Behörden sind sehr be- aber auch sehr überlastet mit den Ermittlungen. Das Internet hat die Möglichkeiten für Betrüger potenziert: Sie können die Opfer leichter hinters Licht führen und sich selbst leichter verstecken. Wir haben bei der Recherche teilweise grosse Mühe, Kontoverbindungen nachzuvollziehen, auch wenn es eindeutig eine Straftat ist. Man kann schlicht nicht jedem hinterher ermitteln, der online andere um Geld betrogen hat: Irgendwo wird die Beute schnell zu Krypto gemacht, und dann ist es weg. Die schnellen Ermittlungsgruppen, die so was effektiv verfolgen, auf die warte ich noch, muss ich ehrlich sagen.
Was macht so ein massiver Betrug mit Menschen?
Wenn man so betrogen wird, das geht an die Substanz. Besonders Ferien sind für die meisten eine emotional wahnsinnig aufgeladene Sache. Man arbeitet darauf hin, im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn da etwas schiefläuft, dann sind der emotionale Schaden und das Ärgernis viel, viel größer als im Alltag. Ich glaube, es gibt kaum etwas, was den Familienfrieden so stören kann wie eine versaute Ferienwoche. Der emotionale Schaden durch einen Betrug, ist teilweise so hoch wie der finanzielle.
Warum werden Menschen zu Betrügern?
Viele überschätzen sich. Und ihnen wird der Betrug leicht gemacht. Wenn ein kleines Unternehmen ins Wanken gerät, dann ist es in Deutschland noch immer relativ leicht, weiterzumachen – vielleicht auch betrügerisch. Anstatt vorher zu sagen: «Ich muss aufhören, weil ich mich verkalkuliert habe oder weil ich es einfach nicht kann.» Wir sind in Deutschland schlichtweg gesetzlich nun mal so strukturiert, dass es solchen Firmen und Menschen relativ leicht gemacht wird.
Wo haben Sie für die neue Staffel «Achtung Abzocke» überall ermittelt?
Neben London und Kroatien ging es auch nach Italien, nach Australien, auf Bali sowie nach Kanada und Seattle. In Seattle sind wir zum Beispiel ziemlich dreisten, falschen buddhistischen Mönchen auf die Schliche gekommen. Ich kannte die Masche tatsächlich schon aus New York. Sie haben um Spenden gebettelt und Bilder ihres angeblichen Tempels gezeigt. So haben diese fünf oder sechs Betrüger Ferienreisenden hunderte Dollar aus der Tasche gezogen. Aber wir haben das Videomaterial verglichen, und siehe da: Die angeblichen Mönche aus Seattle haben das exakt gleiche Bild eines Tempels verwendet wie die aus New York City. Sie mochten uns so gar nicht, als wir sie konfrontiert haben. Aber obwohl wir die Beweise hatten, ist so eine Situation immer schwierig. Man will ja keinen religiösen Würdenträger beschuldigen. Allerdings würde ein echter buddhistischer Mönch niemals nach Geld fragen oder gar betteln.
Gab es noch weitere Momente aus der aktuellen Staffel, die Ihnen im Kopf geblieben sind?
In Australien und auch in Kanada haben wir einige Läden gefunden, die gefälschte indigene Kunst verkaufen. Ein echtes, indigenes Souvenir, das bekommt man nicht für unter 20 Euro, das muss jedem klar sein. Authentische Totems oder Boomerangs findet man in Kunstgalerien oder bei den Künstlern selbst, nicht in einem Souvenirshop, in dem auch noch Magnete und Basecaps verkauft werden. In Australien gibt es ausserdem einige Siegel, auf die man achten sollte, dann ist man meistens auf der sicheren Seite.
Das klingt so, als ob die indigenen Künstschaffenden nicht unbedingt profitieren würden ...
Das stimmt leider. Bei unseren Recherchen haben wir einen indigenen Künstler getroffen, der den Fehler gemacht hat, sein Design zu verkaufen – jetzt verdient eine grosse Firma ihr Geld damit, und er bekommt nichts mehr. Er hat nur einmalig ein paar tausend Euro bekommen, und trotzdem steht auf den Souvenirs: All Royalties Paid – alle Tantiemen gezahlt. Zu merken, dass die indigenen Künstler ausgebeutet werden – und das in diesem Jahrhundert –, das war ein schlimmes Gefühl. Gleichzeitig habe ich in Australien auch eines meiner schönsten Erlebnisse dieser Staffel gehabt: In einer Auffangstation konnte ich ein Känguru von ganz nah erleben. Es hat sich einfach neben mich gelegt und in der Mittagssonne entspannt.