Fehler gefunden?
Jetzt meldenFehler gefunden?
Jetzt melden
Ambra und Yves treten im Circus Knie mit «Golden Dream» auf.
Circus Knie
Tagsüber bauen sie Kulissen, trainieren Akrobatik oder stehen in der Manege. Abends kehren sie in denselben Wohnwagen zurück. Beim Circus Knie entstehen Beziehungen unter Bedingungen, die ausserhalb der Zirkuswelt kaum vorstellbar sind. Vier Paare erzählen von ihrer Liebe zwischen Tourneealltag, Applaus und dem Leben auf engstem Raum.
Sie reisen gemeinsam durch die Schweiz, arbeiten Tür an Tür und stehen teilweise sogar zusammen in der Manege. Beim Circus Knie entstehen Beziehungen unter ganz besonderen Bedingungen.
Vier Paare erzählen, wie sie sich kennengelernt haben – und weshalb die Liebe im Zirkus manchmal ebenso anspruchsvoll ist wie die Show selbst.

Laura und Valentin heiraten diesen Sommer.
blue News / Sven Ziegler
Laura leitet beim Circus Knie die Schreinerei und ist seit diesem März erstmals auf der ganzen Tournee dabei. Valentin aus Nancy (F) ist seit 2019 im Bereich Logistik und Backstage tätig. In wenigen Wochen heiraten die beiden.
«Wir haben uns während Corona kennengelernt», erzählt Laura. «Es war Ende Februar, Anfang März 2020, als klar wurde, dass der Zirkus nicht auf Tournee geht. Valentin hatte in der Logistik plötzlich kaum mehr zu tun und ist dann in die Schlosserei gekommen, um auszuhelfen. Ich war neu in der Schreinerei.» Valentin ergänzt: «Unser Werkstattchef Thomas hat uns dann immer wieder so eingeteilt, dass wir zusammen arbeiteten.» Laura lacht: «Zufällig, natürlich.»
Am Anfang seien sie beide sehr schüchtern gewesen, er noch viel mehr als sie. Dass keiner der beiden damals gut Englisch konnte, habe der Sache keinen Abbruch getan. «Es hat einfach geklickt, auch ohne viele Worte», sagt Laura. Die beiden arbeiteten zusammen und trafen sich danach auch ausserhalb. Der Rest ist Geschichte.
Bis diesen Frühling arbeitete Laura noch von der Basis in Rapperswil aus, Valentin war auf Tournee. «Das war manchmal kompliziert: Wer fährt zu wem, wann sieht man sich überhaupt?», erinnert sie sich. «Jetzt, wo ich mitreise, ist das viel einfacher. Wir leben auf unserem Arbeitsplatz – das ist etwas Spezielles. Man ist nie allein, hat ständig Kontakt mit Menschen aus aller Welt.» Valentin nickt: «Morgens hört man Buongiorno, Bonjour und Guten Tag. Diese Vielfalt ist wirklich wunderschön.»
Dass Arbeit und Privatleben so eng beieinander liegen, habe aber Fingerspitzengefühl gebraucht. «Am Anfang haben wir Diskussionen manchmal nach Hause mitgenommen, die dort nicht hingehörten», gibt Laura zu. «Mit den Jahren lernt man, sich abzugrenzen. Wenn es mal kracht, dann zwei, drei Minuten – und danach arbeiten wir weiter. Man hat wirklich keine Zeit und Energie, um lange aufeinander sauer zu sein.»
Die Liebe zwischen den beiden ist geblieben: Im Juli heiratet das Zirkuspaar – mit der eigenen Familie und der Zirkusfamilie gemeinsam.

Anna und Vitalii bauen beim Circus Knie gemeinsam ihr erstes Solo-Programm auf.
blue News / Sven Ziegler
Anna begann mit vier Jahren in der rhythmischen Gymnastik, wechselte später zur Schlangenmensch-Akrobatik und absolvierte erste Engagements in deutschen Variety-Theatern. Vitalii war Profisportler im akrobatischen Turnen – Welt- und Europameisterschaften inklusive – bevor er zum Circus-Theater Bingo wechselte. Beim Circus Knie bauen sie ihr erstes gemeinsames Duo-Programm auf.
«Wir haben uns beim dritten Engagement in Deutschland kennengelernt, im GOP Varieté-Theater», erzählt Anna. Vitalii ergänzt: «Für mich war der Wechsel in den Zirkus eine bewusste Entscheidung. Im Profisport fehlen die Emotionen, der Tanz – das gibt es dort nicht. Deshalb bin ich zum Circus-Theater Bingo gegangen.» Zur Bühne zusammengefunden haben sie erst danach: «Es war umgekehrt – zuerst die Beziehung, dann das Duo», stellt Anna klar. Zusammen sind sie seit fast fünf Jahren.
Zum Circus Knie kamen sie zunächst getrennt. Vitalii trat im Knie zunächst mit einer Hand-auf-Hand-Akrobatiknummer auf. Anna stiess im Jahr darauf dazu. Zunächst arbeiteten beide im Rahmen des Circus-Theater Bingo – mit Handstand-Nummern, Tanz, Livemusik. «Dann hat Géraldine Knie uns vorgeschlagen, mit Pegasus aufzutreten, in grossen Städten wie Zürich und Lausanne», erzählt Vitalii. «Und da haben wir gemerkt: Wir wollen unser eigenes Duo.» Ihr erster gemeinsamer Act entstand beim Circus Knie.
Dass man als Paar nun auch als professionelles Duo arbeitet, sei nicht immer einfach. «Manchmal ist es sogar schwieriger als mit einem fremden Partner», sagt Anna offen. «Man nimmt die Arbeit nach Hause – in einen kleinen Wohnwagen, ohne Raum für individuellen Rückzug.» Ihr Rezept: klare Trennung. «Was bei den Proben passiert, bleibt dort. Was zuhause passiert, nehmen wir nicht mit zur Arbeit. Das klingt einfach – aber man muss es wirklich lernen.» Vitalii sagt: «Als ich hier früher noch ohne Anna war, habe ich mich manchmal sehr einsam gefühlt. Man lebt in einem Wagen und hat niemanden zum Teilen. Zusammen ist es einfach leichter.»
In die Zukunft schauen beide offen: Anfragen von anderen Zirkussen und Theatern gibt es bereits. Ihr Ziel ist klar: Sie wollen das eigene Duo weiterentwickeln.

Kimberly & Nicol begeistern das Publikum mit ihrer Schiessnummer.
blue News / Sven Ziegler
Kimberly ist in Spanien geboren, ihre Familie ist italienisch – und sie steht in der siebten Generation einer Zirkusdynastie. Ihr Mann Nicol kommt aus der fünften Generation einer grossen spanischen Zirkusfamilie. Im Circus Knie schiesst Nicol mit der Armbrust auf Kimberly – die dabei in der Luft hängt.
«Wir haben uns 2019 an einem Festival in Italien zum ersten Mal gesehen», erzählt Nicol. «Aber bei einem Festival kennt man hundert Menschen, sagt kurz Hallo – und das war's.» Was danach folgte, war ein Zufall: Kims Eltern betreiben einen Zirkus in Spanien und luden Nicol für den Sommer ein. «Und dort, in ihrem Familienzirkus, ist dann alles passiert», sagt Nicol. Kim ergänzt: «Dieses Gefühl der Liebe... es war sofort da. Ich hatte das wirklich nicht erwartet.» 2023 heirateten sie in einem Schloss in Tarragona.
Dass beide aus Zirkusfamilien stammen, mache vieles selbstverständlicher. «Für uns ist Reisen normal», sagt Kim. «Wenn wir in ein neues Land kommen, denken wir nicht: Wie wird das sein? Und wenn die Familie weit weg ist, kaufen wir eben Flugtickets. Das ist für uns keine grosse Sache.» Nicol: «Wir haben das Zirkusleben im Blut. Das schweisst zusammen – von der Direktion bis zum Techniker zieht hier wirklich jeder am gleichen Strick.»
Wie ihr gemeinsamer Act entstanden ist, hat eine eigene Geschichte. Nicol fing während der Pandemie mit dem Bogenschiessen an – er hat auch eine offizielle Schiesslizenz. Als Kim dann beim Elternzirkus mitmachte, fragte sie ihn: «Was wäre, wenn du schiesst, während ich in der Luft hänge?» Nicol lachte zuerst – und stimmte dann zu. Dass er für die Schweiz auch einen Apfel ins Programm aufgenommen hat, war bewusst: «Ich kannte natürlich die Legende von Wilhelm Tell. Dieser Act kommt eigentlich von dieser Geschichte – das ist ein wichtiger Teil des Programms.»
Vertrauen sei dabei das Allerwichtigste, sagt Nicol. «Ich bin der Erste, der sicherstellt, dass alles stimmt. Wenn irgendetwas nicht passt, hören wir sofort auf. Es ist meine Frau, da kann ich nichts riskieren.» Nicol, der laut Kim im Privaten wenig Geduld hat, ist in der Armbrust-Nummer die absolute Ruhe selbst. «Vielleicht habe ich zwei Persönlichkeiten», sagt er lachend. «Eine als Artist und eine im Privaten.»

Ambra überlebte einen schweren Unfall und steht jetzt wieder mit Yves in der Manege.
blue News / Sven Ziegler
Yves stand mit 6 Jahren das erste Mal auf einer Bühne. Ambra wuchs als Tochter eines grossen spanischen Zirkusdirektors auf – Circus Americano – und arbeitete als Tiertrainerin, unter anderem mit Elefanten. Beim Circus Knie treten sie als «Golden Dream» auf: vollständig goldfarben angemalt, ihre Akrobatik in Zeitlupe. Den Silbernen Clown aus Monte Carlo haben sie bereits gewonnen.
«Ich habe Ambra durch einen Freund kennengelernt, bei einem Besuch in ihrem Familienzirkus», erzählt Yves. «Sie war die Zirkus-Prinzessin, und trotzdem hat es sofort gefunkt. Alle dachten, das kann nie funktionieren – die Tochter des Direktors geht nicht mit einem fahrenden Artisten aus.» Dann ging es rasend schnell: Nach einem Monat stellte Yves die Frage. «Ich habe sie spontan gefragt, ob sie mich heiraten wolle.» Ambra sagte Ja. Kurz darauf liess sie sich ein Tattoo stechen – «Yves und Ambra» mit einem Herz. «Sie hatte vorher Beziehungen von vier, fünf Jahren – nie ein Tattoo. Da wusste ich, das ist etwas Ernstes», sagt Yves. Elf Monate nach dem Antrag heirateten sie. Das ist jetzt knapp zwanzig Jahre her.
Die Idee zum «Golden Dream» kam buchstäblich aus einem Traum. «Eines Morgens hat Ambra mich geweckt», erzählt Yves. «Sie sagte: Ich habe geträumt, dass wir einen Act als vollständig angemalte goldene Statuen machen, in Zeitlupe. Ich habe gesagt: Ambra, du spinnst – schlaf weiter.» Aber sie liess nicht locker, und schliesslich setzten sie die Idee in die Tat um. Fünf, sechs Stunden trainierten sie täglich, um ihren Körper in Statuen zu verwandeln. Und sie testeten dutzende verschiedene Goldfarben, ehe sie die Richtige fanden. «Ich habe ihr gesagt: Wenn wir das machen, dann richtig. Wir hatten unseren Ruf bereits mit dem anderen Act aufgebaut – ich wollte ihn nicht riskieren», erzählt Yves. In zwanzig Tagen filmten sie ein Demo, schickten es ab. Zwei Wochen später kam ein Angebot vom Circus Roncalli, dieses Jahr sind sie mit dem Circus Knie unterwegs.
Dennoch stand das Paar beruflich mehrmals am Scheideweg. Nach Jahren auf Tournee, nach Las Vegas, nach Covid hatten die beiden fast aufgehört. Dann kam ein Anruf aus Ungarn – ein neues Engagement. «Wir haben uns angeschaut und unsere Augen haben geleuchtet», erinnert sich Yves. «Eigentlich wollten wir etwas ganz anderes machen, ich war als Personal Trainer unterwegs und Ambra hat gebacken. Doch wir haben uns angeschaut und gesagt: Lass uns zurückgehen.»
Dann kam es zu einem tragischen Unfall: Ambra fiel aus zehn Metern Höhe bei einer Probe auf den Boden. Gebrochener Rücken, beide Arme und die Ellbogen wurden zerstört. «Wir wussten nicht, ob sie wieder laufen würde», sagt Yves leise. «Ich habe ihr gesagt: Das war's. Wir hören auf.» Doch davon wollte Ambra nichts wissen: «Ich habe ihm gesagt, dass das auf keinen Fall das Ende ist. Ich werde gesund – und wir machen weiter.» Und so kam es auch: «Danach hat sie noch verrücktere Sachen gemacht», sagt Yves lachend.
Mit bald 51 Jahren stellt sich bei Yves langsam die Frage, wie lange er noch weitermachen will. «Normalerweise hört man bei dieser Art von Act mit 40 Jahren auf – das ist schon viel. Aber wie lange wir genau weitermachen, weiss ich nicht», sagt er. «Wir machen jetzt Jahr für Jahr, wie ein Fussballtrainer. Wir haben bereits unterschriebene Verträge für die kommenden zwei Jahre – und dann sehen wir weiter.»
Was ihn antreibt, ist das Gefühl in jenen sieben Minuten auf der Bühne: «Du stehst dort draussen, vor 2000, 3000 Menschen. Der Rücken schmerzt, du bist müde – aber wenn du rausgehst, vergisst du alles. Es ist ein Cocktail aus Gefühlen, den man nicht erklären kann. Und wenn ich damit aufhöre, werde ich schnell alt. Das weiss ich.»
Der Circus Knie gastiert noch bis zum 7. Juni in Zürich und zieht dann weiter nach Basel.