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Schweiz im Strick-Fieber

Darum lismet jetzt Jung und Alt

Viele finden heute über Social Media zum Stricken – suchen dann aber Gesellschaft in analogen Stricktreffs.

Viele finden heute über Social Media zum Stricken – suchen dann aber Gesellschaft in analogen Stricktreffs.

KEYSTONE

Stricktreffs, Strickfestivals und gemeinsame Strickrunden im Kino schiessen im ganzen Land aus dem Boden. Immer mehr Menschen greifen zu Nadeln und Wolle. Warum das Hobby gerade jetzt so beliebt ist, welche gesundheitlichen Vorteile es haben kann und weshalb Social Media den Trend zusätzlich antreibt.

Britta Gfeller

Britta Gfeller

17.07.2026, 23:31•18.07.2026, 08:37

Darum geht’s

  • Lismen erlebt in der Schweiz einen Boom – mit Stricktreffs, Festivals und Events im ganzen Land.
  • Studien zeigen, dass Stricken Stress reduzieren, das Wohlbefinden fördern und sich positiv auf die psychische Gesundheit auswirken kann.
  • Social Media, der Wunsch nach Entschleunigung und der Trend zu mehr Nachhaltigkeit machen das Handwerk wieder beliebt.
Zusammenfassung erstellt mitmyAi

Stricken in der Badi, Stricken im Kino, Stricktreffs, Strickfestivals: Ob in Schaffhausen, Aarau, Uerikon, Bern oder Zürich – die Schweiz ist im Strick-Fieber. Und ist damit in bester Gesellschaft.

Das Hobby boomt in vielen Ländern. Während die Strick-Community in der Schweiz mehrheitlich weiblich ist, ist das Hobby in den nordischen Ländern auch bei Männern beliebt.

Rebecca Nappo sieht den Ursprung des Strick-Hypes zum Teil in der Covid-Pandemie. Nappo ist selbst begeisterte Strickerin und hat zusammen mit ihrer Freundin Emelie Ottosson das Strickfestival «Knitfest» in Zürich ins Leben gerufen.

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Ein von @strickino geteilter Beitrag

Tausende Strickbegeisterte aus dem In- und Ausland pilgerten letzten November zur ersten Ausgabe nach Zürich, um Kurse zu belegen, an Diskussionen teilzunehmen, die neusten Garne zu testen und sich mit anderen Stricker*innen auszutauschen.

Kennengelernt haben sich Rebecca Nappo und Emelie Ottosson – natürlich – an einem Stricktreffen.

Stricken gegen Demenz, Essstörung oder Stress

«Während Covid haben alle viel Zeit zu Hause verbracht», sagt Nappo. «Es fand eine Entschleunigung statt. Viele hatten das Bedürfnis, sich handwerklich zu betätigen und etwas zu kreieren.»

Auch hätten in dieser Zeit viele Menschen Trost gesucht und in der Handarbeit gefunden. «Stricken holt einen herunter und ins Hier und Jetzt», so Nappo. «Es kann helfen, mehr Ruhe und Frieden zu finden – gerade auch für Menschen, die mentale Probleme haben oder neurodivergent sind.»

Dass Lismen positive Effekte auf das Wohlbefinden haben kann, zeigen verschiedene Studien. Demnach kann es zur Stressreduktion beitragen und das subjektive Wohlbefinden fördern.

Zudem gibt es Hinweise darauf, dass regelmässiges Stricken mit einer Linderung von Symptomen psychischer Krankheiten verbunden sein kann und leichten kognitiven Beeinträchtigungen vorbeugt.

Am letzten Knitfest in Zürich kamen Tausende Menschen zusammen, um sich über ihr Hobby auszutauschen und Neues zu entdecken.

Am letzten Knitfest in Zürich kamen Tausende Menschen zusammen, um sich über ihr Hobby auszutauschen und Neues zu entdecken.

KEYSTONE

Einige Stricker*innen geben an, dass das Stricken ihre chronischen Schmerzen lindert. Eine Erklärung dafür ist, dass das Gehirn nur eine bestimmte Menge an Informationen auf einmal verarbeitet. Ist es mit Stricken beschäftigt, verdrängt es die Schmerzwahrnehmung vorübergehend.

Auch das Fortschreiten von Demenz kann durch das Hobby verlangsamt werden, vor allem, wenn komplizierte Muster gestrickt werden. Sogar bei Essstörungen kann Stricken helfen, wie eine kanadische Studie zeigt.

Drei Viertel der Studienteilnehmenden berichteten, dass das Stricken eine beruhigende, therapeutische Wirkung habe und ihre Ängste und Gedanken rund um die Essstörung massiv reduziere.

Strick-Influencer und analoge Stricktreffen

Gestrickt wird seit rund 1000 Jahren. Über Instagram und Tiktok findet jetzt eine Generation zu einem Handwerk, das lange als altmodisch galt. «Social Media erleichtert heute unter anderem den Zugang und ermöglicht es vielen jungen Menschen, mit dem Stricken anzufangen.» Rebecca Nappo hat das Handwerk noch von ihrer Urgrossmutter gelernt.

«Heute stehen einem auf Instagram, Youtube oder Tiktok alle Türen offen», sagt sie. «Man kann Techniken lernen, Muster entdecken und Gleichgesinnte kennenlernen, was allein im stillen Kämmerlein niemals möglich gewesen wäre.»

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Ein Beitrag geteilt von lesfillesducoeur® - Lilly & Julia (@lesfillesducoeur)

Manche Strick-Influencer*innen und Strick-Designer*innen können heute vom Verkauf von eigenen Strickanleitungen, eigenen Produkten oder von Kursen leben. «Heutige Anleitungen und Designs kommen frischer daher, sind verständlicher und einfacher umzusetzen. Die Kleidungsstücke sind cool und tragbar und werden auch von grossen Modehäusern kopiert», sagt Rebecca Nappo. Das spricht ein jüngeres Zielpublikum an und motiviert sie, mit dem Hobby anzufangen.

Doch warum gibt es immer mehr Stricktreffs oder Events wie Lismen in der Badi? Das habe mit der digitalen Ermüdung zu tun: Viele finden heute den Zugang zum Stricken und ihre Anleitungen zwar über die sozialen Medien. Allerdings sehnen sie sich nach dem Analogen, nach Entschleunigung.

«Sie wollen ihre Freude über das Hobby teilen. Und gerade für introvertierte Menschen sind Stricktreffs eine gute Möglichkeit, mit anderen in Kontakt zu kommen und Freundschaften zu knüpfen», erklärt Nappo. In nördlichen Ländern, wo Stricken zum Alltag gehört, gebe es solche Treffen und Events schon lange. Jetzt schwappt der Trend auch in die Schweiz über.

«Stricken wird immer bleiben»

Der Trend wirft aber auch die Frage auf, wer sich dieses Hobby überhaupt leisten kann. Hochwertige Wolle ist teuer. «Es kostet Geld, wie jedes Hobby. Aber es gibt auch günstigeres Garn», meint Rebecca Nappo.

Garn-Outlets oder Restgarn, das im Brocki oder über Secondhand-Plattformen verkauft oder bei Stricktreffs geteilt wird, würden Stricken auch Menschen mit kleinerem Budget zugänglich machen. Manche kaufen sich auch günstige alte Wollpullover, ribbeln sie auf und verwenden das so gewonnenen Garn für neue, modernere Projekte.

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Und das Hobby habe für viele Stricker*innen einen Nebeneffekt, der Geld spart: «Bei mir hat das Stricken dazu geführt, dass ich viel weniger Kleidung kaufe. Weil ich jetzt weiss, was es braucht, bis so ein Pullover im Laden hängt, und ich den Wert wirklich erkenne.»

Stricken sei auch eine Gegenbewegung zu Fast Fashion. Viele würden für ihre Strick-Projekte bewusst zu nachhaltigen Materialien greifen.

Rebecca Nappo glaubt nicht, dass Stricken einfach ein Trend ist, der wieder geht. «Wir Menschen brauchen etwas, das wir mit den Händen machen können. Und wir brauchen persönliche Begegnungen im Alltag. Viele wollen nicht einfach nur ins Handy sprechen und AI-Prompts schreiben. Es kann sein, dass der Hype etwas abflacht. Aber Stricken wird immer bleiben.»


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