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Höchste Zeit, ein paar Kilos abzuspecken – aber wie? blue News hat bei Ernährungs-Doc Matthias Riedl nachgefragt.
imago/Westend61
Ob Keto, Low Carb oder Intervallfasten – kaum eine Diät hält, was sie verspricht. Ernährungsmediziner Dr. Riedl erklärt, warum der Körper oft nicht mitspielt und welche Strategien langfristig funktionieren.
Herr Riedl, warum scheitern so viele Menschen beim Abnehmen?
Die meisten scheitern nicht am Willen, sondern daran, dass sie ihren Körper falsch einschätzen. Abnehmen ist kein reines Kalorienspiel. Leber, Darm, Muskeln, Fettgewebe und Hormone arbeiten zusammen. Wenn man das ignoriert, hat man schnell das Gefühl, der Körper arbeite gegen einen – dabei zeigt er nur, dass etwas aus dem Gleichgewicht ist. Dazu kommt Ungeduld: In den ersten Wochen passiert oft wenig, viele brechen genau dann ab, obwohl danach häufig die besten Fortschritte kommen.
Welche Fehler gibt es sonst noch?
Viele greifen zu radikalen Lösungen: Mono-Diäten, Light-Produkten oder Appetitzüglern. Das klingt logisch, ist aber überwiegend kontraproduktiv. Man verliert Muskelmasse, senkt den Energieverbrauch und landet im Jo-Jo-Effekt. Light-Produkte enthalten manchmal sogar mehr Zucker, und Appetitzügler können auch gefährlich sein.
Dr. Matthias Riedl zählt zu den bekanntesten Ernährungsmedizinern Deutschlands und ist Experte der NDR-Sendung «Die Ernährungsdocs». In seinen Büchern verbindet er medizinisches Fachwissen mit alltagstauglichen Tipps und Rezepten – von Diabetes-Ernährung über Anti-Aging-Lebensmittel bis zur 28-Tage-Power-Kur.
Wie stehen Sie zu Intervallfasten?
Intervallfasten kann für viele Menschen ein guter Einstieg sein. Durch längere Esspausen stabilisiert sich der Blutzucker, Heisshunger nimmt ab und der Körper greift vermehrt auf Fettreserven zurück. Entscheidend ist aber, was in den Essensphasen gegessen wird. Wer dort überkompensiert, verliert den Effekt. Als langfristige Lösung taugt Intervallfasten nur dann, wenn es mit einer ausgewogenen Ernährung kombiniert wird.
Wie stehen Sie zur Trennkost – also Eiweiss und Kohlenhydrate strikt trennen?
Die Grundidee der Trennkost ist wissenschaftlich nicht haltbar. Unser Körper ist problemlos in der Lage, gemischte Mahlzeiten zu verdauen. Wenn Menschen mit Trennkost abnehmen, liegt das meist daran, dass sie automatisch weniger Kalorien essen und stärker verarbeitete Lebensmittel meiden – nicht an der Trennung der Nährstoffe. Langfristig ist das Konzept oft kompliziert und alltagstauglich nur begrenzt.
Low Carb gilt für viele als der Klassiker unter den Diäten. Zu Recht?
Low Carb kann durchaus sinnvoll sein – vor allem für Menschen mit Insulinresistenz, Prädiabetes oder starken Hunger-Attacken. Weniger Kohlenhydrate bedeuten oft stabilere Blutzuckerwerte und bessere Sättigung. Problematisch wird es, wenn zu viel Fleisch und tierisches Fett auf dem Teller landen oder ganze Lebensmittelgruppen wegfallen. Moderate Varianten sind deutlich nachhaltiger als extreme Formen.
Und was ist mit der ketogenen Ernährung – besonders streng, aber effektiv?
Ketogene Diäten können kurzfristig sehr effektiv sein, etwa bei starkem Übergewicht oder Typ-2-Diabetes. Sie führen häufig zu schnellem Gewichtsverlust und verbessern bestimmte Stoffwechselwerte.
Langfristig sind sie jedoch schwer durchzuhalten und bergen Risiken wie Nährstoffmängel, erhöhtes Risiko für Arterienverkalkung oder ungünstige Cholesterinveränderungen. Deshalb sollten sie – wenn überhaupt – zeitlich begrenzt und medizinisch begleitet eingesetzt werden.
Gibt es eine Diät, die allen anderen überlegen ist?
Nein. Keine dieser Diäten ist langfristig klar besser als die andere. Der anfängliche Erfolg entsteht fast immer durch eine reduzierte Kalorienzufuhr – nicht durch ein «magisches» Diätprinzip. Entscheidend ist, ob eine Ernährungsweise alltagstauglich ist, satt macht und dauerhaft durchgehalten werden kann.
Ihr Fazit zum Diät-Hype: Gibt es wirklich die eine bessere Diät – oder ist das alles nur Marketing?
Die entscheidende Frage ist nicht, welche Diät die beste ist, sondern welche Ernährung zum eigenen Alltag und Körper passt. Langfristig zeigen Studien, dass sich die Ergebnisse der verschiedenen Diäten nach etwa einem Jahr weitgehend angleichen. Der anfängliche Erfolg entsteht fast immer dadurch, dass insgesamt weniger Schlechtes und mehr Gesundes wie Gemüse gegessen wird – nicht wegen eines speziellen Diätprinzips. Das eigentliche Problem ist deshalb weniger die einzelne Diät, sondern das Prinzip Diät an sich.
Nachhaltiger Erfolg entsteht durch eine ausgewogene, flexible Ernährung, die satt macht, alltagstauglich ist und ohne extreme Verbote auskommt.
Gibt es Diäten, die für manche Menschen ungeeignet sind?
Ja. Diäten, die ständig Hunger erzeugen, strenge Verbote verlangen oder nicht zum Leben passen, scheitern fast immer. Der Körper reagiert darauf mit mehr Hunger und effizienterer Fettspeicherung. Nachhaltig ist eine Ernährung, die satt macht und sich flexibel anpassen lässt.
Viele sagen: Mein Stoffwechsel ist einfach langsam. Stimmt das oder ist das eine Ausrede?
Unterschiede gibt es, ja – aber sie sind erklärbar. Muskelmasse, Alter, Hormone und Essverhalten spielen eine Rolle. Was viele als langsamen Stoffwechsel bezeichnen, ist oft ein dauerhaft hoher Insulinspiegel durch häufiges Snacken. Die gute Nachricht: Der Stoffwechsel lässt sich beeinflussen – durch Bewegung, Muskelaufbau und stabile Mahlzeiten.
Warum fällt Abnehmen manchen leicht und anderen extrem schwer?
Das hat wenig mit Disziplin zu tun. Manche starten mit Rückenwind, andere mit Gegenwind. Hormone, Stress, Schlaf, Lebensumfeld und Gewohnheiten machen einen riesigen Unterschied. Wer viel Stress hat oder schlecht schläft, hat es deutlich schwerer – selbst bei gleicher Ernährung. Ausserdem gibt es verschwenderische Stoffwechsel, die nehmen besser ab, als der sparsame Typ. Das ist genetisch beeinflusst.
Wie gelingt Abnehmen langfristig, ohne sich ständig zu quälen?
Indem man satt isst. Viel Gemüse, ausreichend Eiweiss, gesunde Fette und eine moderate Menge Kohlenhydrate. Das verhindert Hungerattacken. Wichtig ist, Veränderungen klein zu halten. Mini-Gewohnheiten funktionieren besser als radikale Umstellungen.
Gibt es eine Erfolgsformel, die für fast alle funktioniert?
Ja, stabile Blutzuckerwerte, starke Sättigung und eine einfache Drei-Mahlzeitenstruktur. Wenige Mahlzeiten, keine Snacks, keine Verbote. Und Veränderungen nach dem 20:80-Prinzip – Schritt für Schritt, nicht perfekt.
Das 20 zu 80-Prinzip, was meinen Sie damit?
Jeder Kaufmann weiss, dass er mit seinen wichtigsten Kunden 80% seines Gewinns macht. Auf das Essen bezogen heisst, wer seine zwei bis fünf wichtigsten Ess-Fehler kennt, der kann allein damit 80% Erfolg erzielen. Ich kenne Patienten, die haben mit einer einzigen Fehlerkorrektur 20 Kilo abgenommen.
Was raten Sie Menschen, die nach vielen Diäten das Vertrauen verloren haben?
Nicht sich selbst die Schuld geben. Die Methode war falsch. Das Problem ist fast nie mangelnde Disziplin, sondern ein System, das biologisch nicht funktioniert. Der Neustart beginnt damit, Diäten loszulassen, seine Fehler analysieren, die zu ändern, sich satt zu essen und mit kleinen Schritten wieder Kontrolle zu gewinnen. Vertrauen entsteht durch erste Erfolge.
Und wie sehr hilft Sport bei der Abnahme?
Leider ist Sport nur der kleine Bruder der Gewichtsabnahme. Er ist eine gute Hilfe. Niemand sollte glauben, allein mit Sport abzunehmen. Für ein Zimtbrötchen muss man über eine Stunde intensiv Sport machen.
Gibt es geeignetere Sportarten, um die Kilos purzeln zu lassen? Wie oft pro Woche?
Ich empfehle Kraftsport, der ist für das Gewicht effektiver als Ausdauer, weil er die Muskelmasse steigert. Das erhöht den Energieverbrauch – auch in Ruhe. Ideal ist 2 Mal pro Woche eine Stunde – gern mehr.
Wie wichtig ist das richtige Mindset?
Sehr wichtig. Wer sich auf Genuss und Sättigung konzentriert statt auf Verzicht, bleibt eher dran. Abnehmen sollte sich nicht wie ein Kampf anfühlen, sondern wie eine ruhige Umstellung.
Was hilft bei Rückfällen?
Rückfälle sind normal. Sie sind keine Niederlage, sondern kann passieren. Manchmal durch eine Stressreaktion des Körpers. Wichtig ist, nicht alles infrage zu stellen, sondern einfach zur nächsten guten Mahlzeit zurückzukehren und weitermachen.
Was raten Sie Menschen, die beim Abnehmen völlig überfordert sind?
Nur eine Sache ändern. Zum Beispiel heute keine Snacks mehr zwischendurch. Besser gleich mit der Hauptmahlzeit einnehmen. Oder mehr Eiweiss zum Frühstück oder jede Mahlzeit mit Gemüse beginnen. Langsam auf 500 g Gemüse pro Tag zu steigern. Sich aber nicht überfordern und keine Zwänge ausüben. Das Leben soll auch Spass machen. Kleine Schritte wirken sofort – und motivieren.
Wenn Sie nur einen Tipp für 2026 geben dürften – welcher wäre das?
Am Ende geht es um stabile Blutzuckerwerte. Einfach gesagt: Jede Mahlzeit sollte aus Gemüse, Eiweiss und guten Fetten bestehen. Und dann nicht alles auf einmal umstellen, sondern zuerst schauen, wo es hakt, und das Schritt für Schritt verbessern. Nicht schnell, sondern so, dass man es wirklich durchhält. Übrigens liefern hochverarbeitete Lebensmittel wenig Gesundes. Sie sind eines der Hauptgründe für Übergewicht – besonders solche mit Zucker.