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Seit den Kriegen im Nahen Osten haben die antisemitischen Vorfälle in der Schweiz zugenommen. Einsatzkräfte der Polizei bewachen den Eingangsbereich der Synagoge Agudas Achim in Zürich.
Bild: sda
Wie sicher können sich Jüdinnen und Juden in der Schweiz fühlen? Das zeigt der heute erscheinende Antisemitismusbericht. Jonathan Kreutner vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes erklärt, warum der Hass grösser wird – und er es trotzdem falsch findet, sich zu verstecken.
Herr Kreutner, während der Trauerfeier für meinen Vater im Oktober 2024 entdeckte ich in der evangelischen Kirche Kurzdorf in Frauenfeld TG auf einer Sitzbank ein eingeritztes Hakenkreuz. Es hat mich tief betroffen gemacht – zumal dasselbe Nazi-Symbol schon anderthalb Jahre zuvor bei der Abdankung meiner Mutter an genau derselben Stelle zu sehen war. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie so etwas hören?
Es erschüttert mich, dass ein Mensch ein Hakenkreuz in die Sitzbank eines Gotteshauses einritzt. Dieses Symbol ist untrennbar mit dem Leid, dem Schmerz und dem Tod von Millionen Menschen während des Zweiten Weltkriegs verbunden; es steht für ein Regime, das Millionen ermordet hat – darunter sechs Millionen Jüdinnen und Juden. Das erklärte Ziel dieser Diktatur war es, jüdisches Leben in Europa systematisch auszulöschen.
Der Bundesrat will nationalsozialistische Symbole künftig in der Öffentlichkeit verbieten lassen.
Die Schweiz steht abseits, wenn hierzulande Nazi-Symbole – anders als in vielen anderen Ländern – nach wie vor erlaubt und nicht strafbar sind. Die Politik begründete dies jahrelang mit der angeblichen Komplexität eines Verbots. Erst die aufkommenden NS-Vergleiche und Narrative während der Corona-Pandemie führten dazu, dass die Politik das Problem endlich aktiv anging.
Laut dem heute erscheinenden Antisemitismusbericht 2025 von der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus GRA und dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund SIG gingen die antisemitischen Vorfälle in der Schweiz im vergangenen Jahr in der realen Welt von 221 auf 177 zurück. Trotz Rückgang nicht wirklich eine gute Nachricht, oder?
Es ist ein trauriger Fakt, dass sich die antisemitischen Vorfälle in der Schweiz seit Oktober 2023 auf einem deutlich erhöhten Niveau verfestigt haben. Vor vier Jahren wäre eine derartige Zahl von 177 Fällen in der realen Welt einer regelrechten Explosion gleichgekommen – damals registrierten wir nur ein Drittel so viele Vorfälle pro Jahr. Der Krieg im Nahen Osten wirkt als dominanter Trigger für antisemitische Vorfälle in der Schweiz, und eine Rückkehr auf das Niveau vor dem 7. Oktober 2023, also dem Terrorakt der Hamas, ist derzeit nicht erkennbar.
Im Online-Bereich stieg die Zahl der Vorfälle auf 2185 – ein Anstieg von 37 Prozent.
Bei den Online-Vorfällen wurden der grösste Teil auf Telegram registriert. Hasskommentare werden zudem auf dieser Plattform weiterhin kaum gelöscht. Telegram ist in dieser Hinsicht ein grosses Problem. Wir begrüssen es daher sehr, dass aktuell ein neues Gesetz über Kommunikations-Plattformen und Suchmaschinen in der Vernehmlassung ist, auch wenn es einige Lücken aufweist.

«Vor einigen Monaten hatte ich in meinen privaten Briefkasten einen Drohbrief – umso erschreckender, als diese Adresse nicht öffentlich bekannt ist»: Jonathan Kreutner.
Bild: SIG
Im Antisemitismusbericht ist die Rede von einer Dauerbelastung für die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz. Wie zeigt sich das im Alltag?
Wir stellen fest, dass sich Jüdinnen und Juden zunehmend aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Deutlich wurde dies nach dem Terroranschlag im vergangenen Dezember auf eine Lichterfest-Feier in Sydney, Australien, bei dem die Täter eine Veranstaltung am Bondi Beach überfielen und 16 Menschen erschossen. Gleichentags fand in Zürich ein Lichterfest einer jüdischen Gemeinde statt – die Hälfte der angemeldeten Gäste blieb dem Anlass fern.
Haben Sie aufgrund Ihrer jüdischen Religion in der Schweiz je Hass erfahren – oder sich auf der Strasse unsicher gefühlt?
In meiner Tätigkeit als SIG-Generalsekretär bin ich bereits eine Art Prellbock. Auf unserer Geschäftsstelle erreichen uns immer wieder Hassmails, und es kommt vor, dass ich am Telefon aufs Übelste beschimpft werde.
Wurden Sie auch schon persönlich bedroht?
Ja. Vor einigen Monaten hatte ich in meinen privaten Briefkasten einen Drohbrief – umso erschreckender, als diese Adresse nicht öffentlich bekannt ist. Der wachsende Antisemitismus war einer der Gründe, warum ich vor 17 Jahren die berufliche Herausforderung beim SIG angenommen habe – denn schon während meiner Jugend war ich antisemitischen Vorfällen ausgesetzt.
Der Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund SIG ist der Dachverband von 18 jüdischen Gemeinden in der Schweiz. Er vertritt die Interessen der Jüdinnen und Juden gegenüber Politik, Behörden, Institutionen und Medien. Er repräsentiert die Gemeinschaft in nationalen und internationalen politischen, zivilgesellschaftlichen und interreligiösen Gremien. Der SIG engagiert sich unter anderem für ein starkes Gemeinschaftsgefühl, die Wissensvermittlung, das jüdische Kulturerbe, die Schoah-Erinnerung sowie gegen Antisemitismus.
Können Sie einen konkreten Fall schildern?
Ich erlebte zum Glück nie direkte Gewalt, war aber immer wieder Ziel antisemitischer Äusserungen. Ich besuchte eine öffentliche Schule – ein Erlebnis aus der 3. Klasse werde ich nicht mehr vergessen: Vor dem Turnunterricht band ich meine Schuhe scheinbar nicht schnell genug, worauf meine Lehrerin zur mir sagte: «Hör auf, deine Schuhe auf deine jüdische Art zu binden.»
Am 2. Februar 2026 wurde in Zürich ein als jüdisch-orthodox erkennbarer Mann auf dem Trottoir angegriffen und geschlagen. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von dieser Gewalttat erfuhren?
Gewalt ist immer schlimm, für die Opfer, ihre Familie und auch für die gesamte Gemeinschaft. Bei der Beurteilung solcher Taten gehen wir von der SIG immer äusserst sorgfältig vor. Im vorliegenden Fall wurde schnell deutlich, dass es sich um eine antisemitisch motivierte Tat handelte. Bei mir löste das unweigerlich Erinnerungen an den 2. März 2024 aus: Damals wurde in Zürich ein jüdisch-orthodoxer Mann brutal angegriffen – mit dem einzigen Ziel, ihn zu töten. Das Opfer wurde lebensgefährlich verletzt und leidet bis heute unter den physischen und psychischen Folgen dieses Angriffs. Diese Gewalttat zählt zu den schwerwiegendsten antisemitischen Vorfällen in Europa der letzten Jahre – etwas, das die Schweiz in dieser Form bis dahin nicht erlebt hatte.
In der SIG-Pressemeldung zur Tat vom 2. Februar 2026 steht geschrieben: «Der Angriff war keine Zufallstat, sondern richtete sich gezielt gegen einen jüdischen Menschen.» Sind Jüdinnen und Juden in der Schweiz in Gefahr?
Die Bedrohung war immer präsent, weshalb wir uns bereits vor zehn Jahren für verstärkte Sicherheitsmassnahmen an jüdischen Einrichtungen engagierten.
Im Jahr 2020 sagten Sie in der SRF-Nachrichtensendung «10 vor 10»: «Aus Worten können Taten werden.»
Ich hatte leider recht mit meiner Aussage – dass es aber so schnell Realität würde, hätte ich mir nicht in meinen schlimmsten Träumen vorstellen können. Viel zu lange dachte ich, die Menschen haben aus der Vergangenheit gelernt – würden also wissen, wohin Antisemitismus führen kann.
Haben die Schweizer Behörden Ihre Warnung nicht ernst genug genommen?
Wir wurden ernst genommen und die von uns geforderten Sicherheitsmassnahmen im Umfeld von jüdischen Institutionen in der Schweiz sind auch umgesetzt worden. Einzelne Personen lassen sich hingegen nur schwer schützen. Leider zeigt sich aber immer deutlicher: Wer in der Schweiz als jüdisch erkennbar ist, muss heute häufiger mit Beschimpfungen oder Angriffen rechnen.

«Leider ist es inzwischen eine Tatsache, dass auch in der Schweiz immer mehr Menschen keinerlei Scham zeigen, den Holocaust kleinzureden – etwas, das vor wenigen Jahren völlig undenkbar war»: Jonathan Kreutner.
Bild: SIG
Es gibt Jüdinnen und Juden in der Schweiz, die aktuell öffentlich lieber nicht über Antisemitismus sprechen, weil sie Angst vor Drohungen und Übergriffen haben.
Ich kann das verstehen. Während manche Jüdinnen und Juden gewisse Situationen und Orte meiden, lassen sich andere trotz der angespannten Situation nicht unterkriegen. Besonders traurig wird es dann, wenn das jüdische Leben aus der Öffentlichkeit verdrängt wird.
Im DOK-Film «Antisemitismus – Judenhass in der Schweiz», der im Mai 2025 im Schweizer Fernsehen zu sehen war, sagen Sie: «Man darf sich nicht verstecken, das ist ganz wichtig.»
Wenn wir anfangen, uns zu verstecken und unseren Alltag nicht mehr so zu leben, wie wir es gewohnt sind – wenn wir also keine jüdischen Schulen mehr besuchen oder an Feiertagen nicht mehr in die Synagoge gehen, weil wir Angst haben –, dann haben genau jene Menschen, die uns Jüdinnen und Juden Böses wollen, ihr Ziel erreicht. Das fände ich sehr traurig, und es wäre ein Armutszeugnis für die Gesellschaft in der Schweiz.
Was unternimmt der SIG gegen Tendenzen, die das jüdische Leben bedrohen?
Es ist unsere Aufgabe als Dachverband, die Ängste und Sicherheitsbedenken der Jüdinnen und Juden in der Schweiz ernst zu nehmen. Dabei gilt es, die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse sorgfältig abzuwägen und in jedem Fall dafür zu kämpfen, dass jüdisches Leben in der Schweiz eine gesicherte Zukunft hat.
Und wie tun Sie das konkret?
Wir arbeiten auf mehreren Ebenen: Ein zentraler Bereich ist die Zusammenarbeit mit Bund, Kantonen und Polizei, um die Sicherheit jüdischer Einrichtungen zu gewährleisten. Gleichzeitig bringen wir unsere Perspektive in politische Prozesse ein, etwa bei der nationalen Strategie gegen Rassismus und Antisemitismus oder beim Verbot von Nazisymbolen. Und wir setzen stark auf Prävention und Aufklärung – etwa durch Bildungsprogramme und durch den Antisemitismusbericht, der Entwicklungen sichtbar macht und eine Grundlage für Massnahmen schafft.
Die SRF-Dokumentation «Antisemitismus – Judenhass in der Schweiz»:
Würden Sie sich mehr Solidarität wünschen für die jüdische Community?
Unmittelbar nach dem 7. Oktober 2023, also dem Terrorakt der Hamas, erlebte die jüdische Gemeinschaft weltweit eine unglaubliche Solidarität – etwas, das ich so nicht erwartet hätte. Kurz darauf brach eine Welle des Antisemitismus über uns herein – und das, noch bevor Israel militärisch auf den Hamas-Terror reagierte. Das Absurde daran ist, dass damit der grösste Auslöser für Antisemitismus seit dem Zweiten Weltkrieg ein Angriff war, bei dem jüdische Menschen massakriert wurden. Dies zeigt auf erschütternde Weise, wie tiefgreifend die Bedrohung für jüdisches Leben noch immer ist, selbst Jahrzehnte nach dem Holocaust.
Es gehört zur demokratischen Meinungsfreiheit in der Schweiz, dass Regierungen, Politiker*innen und Behörden kritisiert werden dürfen. Ab wann wird Kritik an Israels Politik antisemitisch?
Kritik wird antisemitisch, wenn das Existenzrecht des jüdischen Staates infrage gestellt wird oder wenn mit Klischees gearbeitet wird, die eine eindeutig antijüdische Tradition haben – zum Beispiel, wenn behauptet wird, Israel strebe nach Weltherrschaft oder es gehe Israel nur um Macht und Geld. Antisemitisch ist es auch, wenn Holocaust-Vergleiche gezogen werden. Solche Vergleiche banalisieren den Holocaust und dienen dazu, auf möglichst provokative und vereinfachende Weise Israel zu delegitimieren. Leider ist es inzwischen eine Tatsache, dass auch in der Schweiz immer mehr Menschen keinerlei Scham zeigen, den Holocaust kleinzureden – etwas, das vor wenigen Jahren völlig undenkbar war.
Kritiker*innen der israelischen Kriegsführung sagen, sie möchten für die Menschen von Gaza eintreten, die zu leiden haben. Bedauern Sie, dass es schwierig zu werden scheint, über den Nahostkonflikt zu debattieren?
Der Nahostkonflikt ist hochgradig komplex. Wer das nicht anerkennt, hat ein ernstes Problem. Wer hingegen versteht, dass diese Komplexität real ist und dass die Debatte hierzulande direkte Auswirkungen auf die jüdischen Menschen in der Schweiz hat, macht einen ersten wichtigen Schritt.
Kritik und Engagement sind …
… selbstverständlich legitim: Problematisch wird es dort, wo daraus eine Obsession entsteht, bei der es nicht mehr um Gaza oder die palästinensische Bevölkerung geht, sondern um Hass auf Israel und letztlich auch auf jüdische Menschen. Leider müssen wir feststellen, dass jüdische Menschen immer häufiger zum Kollateralschaden werden, während der Wille, sie vor den Folgen solcher Debatten zu schützen, zunehmend nachlässt.

«Immer mehr Jüdinnen und Juden in der Schweiz denken darüber nach, das Land zu verlassen»: Jonathan Kreutner.
Bild: Keystone
Wo sehen Sie aktuell die grösste Gefahr für die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz?
Die grösste Gefahr besteht darin, dass sich der Antisemitismus schleichend normalisiert – dass er immer weniger ernst genommen, gesellschaftlich akzeptiert oder als politische Rechtfertigung benutzt werden kann. Dadurch fühlen sich jüdische Menschen in der Schweiz zunehmend verdrängt und unverstanden.
Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?
Meine neunjährige Tochter besucht eine jüdische Schule. Auf ihrem Pullover steht der Name der Schule in hebräischer Schrift. Sie getraut sich damit nicht mehr auf die Strasse zu gehen. Ein anderer Junge erzählte mir kürzlich, dass er mit seiner Grossmutter auf der Strasse aus Angst nicht mehr Hebräisch spricht. Diese zwei Beispiele zeigen, wie tief die Verunsicherung bereits fortgeschritten ist.
Sie arbeiten seit 17 Jahren beim SIG. Wenn Sie auf die Anfangszeit zurückblicken: Wie hat sich die Situation seither verändert?
Die Realität war damals eine völlig andere – schon eine hässiges Mail alle paar Wochen hat mich damals schockiert. Heute ist so etwas leider Alltag geworden. Aber eines ist für mich klar: Wir als Verband werden mit aller Kraft weiter daran arbeiten, jüdisches Leben in der Schweiz aufrechtzuerhalten. Denn sollte das einmal nicht mehr möglich sein, wäre das nicht nur ein Problem für die jüdische Gemeinschaft, sondern wir müssten uns alle fragen: Was sagt das über den Zustand der Gesellschaft in der Schweiz aus?
Sigmount Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde in Berlin, sagte 2022 im Interview mit dem «Tagesspiegel»: «Bis in die 1980er Jahre hinein sassen die meisten Juden sprichwörtlich auf gepackten Koffern. Dann fing man an, sich hier niederzulassen, in die Gesellschaft einzubringen. Man hat die Koffer immer weiter ausgepackt. In den letzten 10, 15 Jahren merke ich, dass die Leute denken: Wo steht der Koffer?»
Das spüren wir auch hier: Immer mehr Jüdinnen und Juden in der Schweiz denken darüber nach, das Land zu verlassen. Es geht dabei nicht darum, dass alle diesen Schritt tatsächlich gehen – aber, dass sie überhaupt darüber nachdenken, zeigt, wie tief die Verunsicherung ist. Wenn sie sich dann fragen, wohin, bleibt für viele nur Israel – trotz der dort bestehenden Risiken und Herausforderungen.
Das wirkt so, als sei es Teil des jüdischen Selbstverständnisses, immer für alle Prüfungen gewappnet zu sein.
Wir Jüdinnen und Juden wissen, dass wir immer wieder auf Ablehnung oder sogar Bedrohung stossen können. Das ist für uns alle nichts Neues. Jede und jeder von uns trägt Familiengeschichten in sich, die von Flucht, Verlust und Unsicherheit geprägt sind. Niemand ist davon ausgenommen. Diese Realität prägt, wer wir sind, und sie macht zugleich deutlich, wie wichtig es ist, das jüdische Leben in der Schweiz zu schützen und zu stärken.