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Eine Depression lässt die Welt oft sehr düster erscheinen. Ist die Krankheit ansteckend? (Symbolbild)
Emmi Korhonen/Lehtikuva/dpa
Können psychische Erkrankungen ansteckend sein? Studien aus Skandinavien zeigen, dass Depressionen, Angst- und Essstörungen sich im sozialen Umfeld häufen.
Neue Studien aus Skandinavien werfen eine provokante Frage auf: Können psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen ansteckend sein? So wie ein Schnupfen zum Beispiel? Ganz so einfach ist es nicht. Aber der soziale Einfluss scheint grösser, als bisher gedacht.
Depressionen, Essstörungen oder Ängste sind keine Grippe, das ist den meisten Leuten bekannt. Und trotzdem haben Forscherinnen und Forscher in Finnland etwas Bemerkenswertes beobachtet: Wer in der Schule mit betroffenen Jugendlichen in der Klasse sitzt, hat ein höheres Risiko, selbst psychisch zu erkranken. Besonders wenn es gleich mehrere Mitschüler*innen betrifft.
Das Forschungsteam um Jussi Alho von der Universität Helsinki wertete Daten von mehr als 700'000 Schüler*innen aus. Das Ergebnis: Je mehr psychisch belastete Jugendliche in einer Klasse, desto häufiger auch neue Fälle. Vor allem Ess- und Angststörungen zeigten einen auffälligen Zusammenhang.
Ein ähnliches Muster fanden Forschende der TU Dänemark in der Berufswelt. Sie analysierten die Daten von 250'000 Angestellten aus 17'000 Firmen. Dort zeigte sich: Wenn neue Mitarbeitende aus Firmen kamen, in denen viele Kolleg*innen psychisch erkrankt waren, stieg die Zahl der Diagnosen auch im neuen Betrieb.
Dies geschah besonders dann, wenn Führungspersonen betroffen waren. Vermutung dahinter: Diese haben oft viele Kontakte und können unbewusst Stimmung und Belastung weitertragen.
Die Forschenden sprechen sogar von einer «Epidemie psychischer Erkrankungen». Eine provokante Formulierung, die viele zum Widerspruch reizt.
Mehrere Expert*innen warnen jedoch davor, die Ergebnisse zu dramatisieren. Einer von ihnen ist Andreas Bjerre-Nielsen von der Universität Kopenhagen.
Er sagt: Nur weil Menschen häufiger eine Diagnose erhalten, nachdem sie mit psychisch Kranken in Kontakt waren, heisst das nicht, dass sie sich bei ihnen «angesteckt» haben. Vielleicht hatten sie schon vorher Probleme, oder sie leben einfach in einem ähnlichen sozialen Umfeld.
Auch Faktoren wie gemeinsame Lehrpersonen, Schulumfeld oder familiäre Belastung wurden in den ursprünglichen Studien nicht immer mit einbezogen.
Ein Forschungsteam aus Norwegen versucht es nun genauer. In einer laufenden Studie mit über 230’000 Jugendlichen zwischen 16 und 19 Jahren wurden viele dieser Einflussfaktoren besser berücksichtigt. Etwa der sozioökonomische Hintergrund, die Wohngegend oder die schulischen Leistungen.
Laut Julian Johnsen von der Universität Bergen zeigt sich dabei: Ja, es gibt einen sozialen Einfluss. Aber er ist sehr klein. Wenn in einer Klasse zehn Prozent der Jugendlichen eine psychische Diagnose hatten, stieg die Wahrscheinlichkeit für einen Arztbesuch bei den anderen Schüler*innen gerade einmal um 0,7 Prozentpunkte.
Die Leistungen der betroffenen Klassen litten im Durchschnitt. Dies ist ein Hinweis darauf, dass es sich nicht nur um mehr Diagnosen handelt, sondern dass sich die Belastung auch wirklich negativ auswirkt.
Die Idee, dass psychische Erkrankungen «ansteckend» sind, klingt erst einmal dramatisch. Und ist wissenschaftlich so auch nicht ganz korrekt. Aber: Menschen beeinflussen sich emotional stark durch Gespräche, Körpersprache, Stress oder Rückzug.
Wer viel mit Belasteten zu tun hat, übernimmt manchmal deren Gefühle. Besonders Jugendliche sind dafür empfänglich, weil ihr soziales Umfeld in dieser Lebensphase besonders wichtig ist.
Depression ist keine Grippe. Aber der Umgang mit betroffenen Menschen kann Spuren hinterlassen. Wer anderen begegnet, die kämpfen, muss keine Angst vor Ansteckung haben, aber darf auch sich selbst nicht vergessen. Und wer merkt, dass es einem selbst nicht gut geht, sollte nicht aus Angst schweigen, sondern Hilfe suchen.