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«Mich nervt das ständige EU-Bashing der Kritiker der Bilateralen III und auch, dass es uns noch zu wenig gelingt, der Bevölkerung aufzuzeigen, dass die Kritik stark überzeichnet ist und dass dabei Fakten geleugnet werden»: Jürg Grossen.
Bild: Keystone
Jürg Grossen ist seit 2017 Präsident der GLP Schweiz. Ein Gespräch mit dem Berner Nationalrat über Macht, den Streit um die Bilateralen III, die Zürcher Politikerin Sanija Ameti – und über seine Familie.
Jürg Grossen, ich stelle Ihnen in den nächsten 45 Minuten möglichst viele Fragen. Und Sie antworten bitte möglichst kurz und schnell. Wenn Ihnen eine Frage nicht passt, können Sie auch einmal «Weiter» sagen.
Tip-top.
Tag oder Nacht?
Tag.
Berg oder Tal?
Berg. Ich wohne im Kandertal, bin aber gerne in den Bergen unterwegs. Die Aussicht von einem Gipfel gibt mir ein unbeschreiblich gutes Gefühl.
Blau oder Grün?
Blaugrün.
Auf einer Skala von eins bis zehn, wie glücklich sind Sie im Moment?
Neun Punkte.
Was fehlt für das Maximum von zehn Punkten?
Heute bin ich persönlich sehr glücklich, doch angesichts der aktuellen Weltlage komme ich nicht auf zehn Punkte.
Ihr revolutionärster Gedanke als Teenager?
Ich träumte davon, Fussballprofi zu werden. Heute bin ich immerhin Mitglied des FC Nationalrats – und hie und da treffe ich das Tor und war auch schon Torschützenkönig. Fussball ist immer noch meine Leidenschaft (lacht).

Bild: blue News
blue News-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland. Er stellt ihnen ganz viele Fragen – immer direkt, oft lustig und manchmal auch tiefsinnig. Dabei bleibt bis zur allerletzten Frage immer offen, wo das rasante Pingpong hinführt.
Welcher Fussballclub war Ihr Favorit als Teenager?
Ich war Fan der Grasshoppers Zürich.
Ich hätte gedacht, im Berner Oberland wurde in den 1980er Jahren für die Young Boys mitgefiebert.
Während meiner Jugend fieberte die halbe Schweiz für die Grasshoppers. Die Zürcher waren damals der mit Abstand erfolgreichste Fussballclub des Landes. Ich war besonders Fan von Roger Berbig, Claudio Sulser und Heinz Hermann.
Wieso nochmals klappte es mit der Karriere als Gitarrist nicht?
Bald zeigte sich, dass mein sportliches Talent für die Karriere als Fussballprofi nicht ausreicht und ich gründete mit einigen Schulkollegen zusammen die Mundart-Rockband Sigma. Wir waren beliebt, aber mit der Musik kam es wie mit dem Fussball: Ich zeigte grossen Einsatz, war aber zu wenig talentiert.
Ihre Erklärung, warum Menschen unter der Dusche singen?
Keine Ahnung, ich mache das nie – dafür singe ich manchmal im Auto und abends im Büro. Aber natürlich erst, wenn alle anderen Mitarbeitenden nach Hause gegangen sind. Ich mag die Musik aus den 1970ern und 1980ern, zum Beispiel von Eric Clapton. Und ich bin Fan von Pink Floyd, Dire Straits und Genesis.
Welche Frauenstimmen inspirieren Sie zum Mitsingen?
Janis Joplin und Tina Turner.
Die riskanteste, mutigste Entscheidung in Ihrem bisherigen Leben?
Ich war 25 Jahre alt, als mein Chef bei einem Helikopterabsturz ums Leben gekommen. Damals brachen komplizierte Jahre an. Die Erben übergaben meinem Kollegen und mir die Firma. Dafür waren wir zu jung und zu unerfahren – auch weil das Geschäft noch nicht richtig gut lief und uns das Netzwerk fehlte. Was damals mutig und riskant erschien, ist aus heutiger Sicht die beste Entscheidung. Geduld und Ausdauer haben mich stark gemacht. Wenn mir heute jemand etwas nicht zutraut, werde ich doppelt angestachelt – ich will es versuchen und schaffen.
Welches war Ihre erste politische Handlung – und wann?
Seit ich volljährig bin, habe ich kaum je eine Abstimmung oder Wahl verpasst – ausser ich war länger im Ausland unterwegs. Besonders politisiert hat mich das Nein zum EWR im Jahr 1992. Ich hielt den Entscheid für falsch und wollte auswandern. Ein Ja hätte der Schweiz viele Umwege erspart. Die drei EWR-Länder Island, Norwegen und Liechtenstein sind wirtschaftlich hervorragend aufgestellt und haben im Verhältnis ein ähnlich hohes BIP wie die Schweiz.
Die Gegner des Abkommens behaupten, die Schweiz habe dies auch ohne EWR-Beitritt geschafft.
Wäre die Schweiz Mitglied im EWR, stünden wir vielleicht gar besser da und der EWR hätte sich in unsere Richtung entwickelt. So müssten wir aktuell nicht um die Bilateralen III streiten. Sorry, wir führen eine Auseinandersetzung um unseren Erfolg und ob wir auf anderem Weg noch erfolgreicher gewesen wären. Zentral ist es doch, wie wir den Erfolg auch für die Zukunft sichern können.
Als sie 2011 in den Nationalrat gewählt wurden, sagten Sie in der «Berner Zeitung»: «Ich fühle mich im Moment oft so, als müsste ich auf zwei Hochzeiten tanzen.» Wie fühlt es sich heute an?
Unsere Vizepräsidentin Katja Christ ist die gute Tänzerin in der GLP. Sie hat früher professionell getanzt. Ich habe im Verlaufe der Zeit gelernt, meine verschiedenen Engagements unter einen Hut zu bringen.
Haben Sie schon herausgefunden, mit welcher Ausrede man sich am besten von langweiligen Sitzungen entschuldigt?
«Ich habe keine Zeit» ist nach wie vor die beste aller Ausreden – und sie trifft ja meist auch zu.
Ihr Lieblingsfluchwort?
Ich fluche nur selten … und darum: weiter bitte.

«Ich war 25 Jahre alt, als mein Chef bei einem Helikopterabsturz ums Leben gekommen ist. Damals brachen prägende Jahre an»: Jürg Grossen.
Bild: Keystone
Gleichzeitig ökologisch und wirtschaftsfreundlich: Die politischen Schwerpunkte der GLP passen für manche Menschen nicht zusammen. Wie leid sind Sie es, diesen Vorwurf in Interviews widerlegen zu müssen?
Wissen Sie, wir stehen in engem Austausch mit vielen Schweizer Unternehmen. Diese sind – natürlich auch aus wirtschaftlichen Gründen – enorm aktiv in Sachen Ökologie. Sie zeigen, dass wirtschaftlicher Erfolg und Umweltschutz Hand in Hand gehen. Ehrlich gesagt, manchmal nervt es mich deshalb, wenn teilweise noch behauptet wird, Ökologie und Wirtschaft liessen sich getrennt betrachten. Dabei liegt doch auf der Hand: Wer langfristig wirtschaftlich erfolgreich sein will, muss auch der Umwelt Sorge tragen.
«Ich möchte die Energiewende zementieren und aktiv umsetzen» sagten Sie im Oktober 2011 im «Sonntagsblick». Kurz und knapp: Warum lehnen Sie die Klimafonds-Initiative ab, über die die Schweizer*innen am 8. März abstimmen?
Die Vorlage ist ökologisch gut gemeint, aber ökonomisch problematisch: Sie würde der nächsten Generation hohe Schulden aufbürden. Meiner Meinung nach sollten wir generell nie kommenden Generationen Kosten übertragen. Ausserdem sehe ich als Nationalrat und Unternehmer: Einfach Steuergelder zu verteilen ist nicht die effektivste Massnahme. Besser ist es, wenn die Politik den Rahmen so setzt, dass private Investitionen in die richtige Richtung gehen.
Bei welchem Wahlkampfthema müssen Sie aufpassen, nicht so richtig wütend zu werden?
Mich nervt das ständige EU-Bashing der Kritiker der Bilateralen III und auch, dass es uns noch zu wenig gelingt, der Bevölkerung aufzuzeigen, dass die Kritik stark überzeichnet ist und dass dabei Fakten geleugnet werden. Bleiben wir bei der Realität: Unsere Nachbarländer sind wirtschaftlich und gesellschaftlich wichtig für die Schweiz und auch von ihren Werten her unsere Verbündeten. Natürlich läuft in der EU nicht alles perfekt, aber dieser extreme Negativismus stört mich kolossal.
Wie gut waren Sie in der Schule im Fach Mathematik?
Neben Physik gehörte es zu den wenigen Fächern, in denen ich richtig gute Noten bekam.
Was sagen Ihnen die Ziffern 3, 12, 7, 16 und 10?
Das ist die Anzahl der gewonnen Sitze der GLP seit 2007, als unsere Partei erstmals in den Nationalrat einzog.
Richtig. Wie erklären Sie sich dieses unschweizerische Auf und Ab Ihrer Sitzzahl im Nationalrat?
Das ist eine logische Entwicklung: Unsere politische Landschaft ist seit Jahrzehnten stabil gewachsen. Kommt eine neue Kraft dazu, die alte Denkmuster hinterfragt, kann ein Auf und Ab die Folge sein. Für die GLP geht es aufwärts, wenn Fortschrittliches dominiert, und eher abwärts, wenn drohende Probleme die Menschen konservativ stimmen lässt. Es mag sein, dass wir immer etwas vor der allgemeinen Entwicklung vorneweg marschieren, aber natürlich freue ich mich, dass die Entwicklung letztlich der GLP folgt: Der allgemeine Trend bei unseren Parlamentssitzen zeigt nach oben.
Wo waren Sie am 9. November 1989?
Das war der Tag des Mauerfalls in Berlin. Ich hatte gerade die Rekrutenschule abgeschlossen. In der Armee hatten wir noch gelernt, dass die Russen unsere Feinde sind. Nach dem Fall der Mauer spürte man plötzlich: Der Kalte Krieg ist vorbei, es gibt Weltfrieden. Ein befreiendes Gefühl, das mich sehr bewegte. Rückblickend muss ich zugeben, dass wir die Zeiten damals wohl etwas zu rosig gesehen haben. Dennoch halte ich fest: Grosse politische Umwälzungen können auch friedlich ablaufen. Das gibt Hoffnung.
Wo waren Sie am 11. September 2001?
Als ich im Radio von den Anschlägen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington D.C. erfuhr, war ich gerade mit dem Auto unterwegs. Ich war so aufgewühlt, dass ich rechts anhalten und einen Moment durchatmen musste. Danach rief ich meine Frau an. 9/11 hat mich aus der Bahn geworfen, das räume ich unumwunden ein.
Wo waren Sie am 26. August 2017?
An diesem Tag wurde ich im zürcherischen Rüschlikon zum GLP-Präsidenten gewählt. Es war ein unglaublich freudiger Moment für mich – und natürlich war ich ein bisschen stolz, dass ich als einfacher Berner Oberländer eine nationale Partei führen darf.

«Dank meiner langjährigen Erfahrung als Parteipräsident kann ich heute mehr bewegen als in meinen Anfangsjahren»: Jürg Grossen.
Bild: sda
Wie veränderte Sie die Macht als Parteipräsident?
Ich bin kein Machtmensch, doch ich übe gerne Einfluss aus, um meinen Beitrag zu leisten. Mir ist es aber fremd, Macht in dem Sinne auszuüben, dass ich anderen meinen Willen aufdrängen will. Ich sehe in mir vor allem ein Motivator und gebe meinen Weggefährtinnen den Raum, sich zu entfalten. Ich bin überzeugt: Ein Team trifft stärkere und bessere Entscheidungen als eine Einzelperson.
Sie sind der amtsälteste Parteipräsident in der Schweiz. Wie stolz sind Sie auf diese Leistung?
Ehrlich gesagt empfinde ich das nicht als grosse Leistung, auch wenn es durchaus oft sehr anstrengend ist. Manch einer wird wahrscheinlich behaupten, ich sei ein Sesselkleber …
Das wollte ich Ihnen gerade entgegenhalten.
Fakt ist: Ich mache den Job als Parteipräsident nach wie vor sehr gerne – und die grosse Mehrheit der GLP ist zufrieden mit meiner Arbeit. Erneuerung ist wichtig, Kontinuität aber auch.
In der Neuzeit gab es in der Schweiz nur zwei Politiker – Christian Levrat von der SP und Ueli Maurer von der SVP mit je 12 Jahren – die länger als Sie Parteipräsidenten waren. Woher nehmen Sie Ihre Ausdauer?
Diese verdanke ich meinem familiären und beruflichen Umfeld, das mir diesen Job überhaupt erst ermöglicht hat. Dank meiner langjährigen Erfahrung als Parteipräsident kann ich heute mehr bewegen als in meinen Anfangsjahren. Klar ist aber auch: Ich werde nicht ewig Präsident der GLP bleiben.
Wahlen bedeuten für eine*n Parteipräsident*in ganz besonders viel Arbeit – werden Sie sich diesen Stress im Herbst 2027 nochmals antun?
Ja – aus voller Überzeugung und mit viel Motivation. Ich habe ein grossartiges Team um mich herum und unsere Bundesfraktion funktioniert hervorragend. Dieses gute Einvernehmen spornt mich an, die nationalen Wahlen 2027 mit viel Energie und noch mehr Einsatzbereitschaft anzugehen.
Sie sind der amtsälteste Parteipräsident der Schweiz und gehören zu den Nationalräten mit der längsten parlamentarischen Erfahrung. Was halten Sie von Amtszeitbeschränkungen?
Ich wehre mich dagegen, Arbeitskolleginnen und -kollegen, die über 55 Jahre alt sind, als alte Eisen abzustempeln. Auch über dem Pensions-Referenzalter können viele Leute einen wichtigen Beitrag leisten. Dennoch kann ich solche Überlegungen gut nachvollziehen. Erst kürzlich haben wir in der GLP im Kanton Bern ebenfalls über dieses Thema gesprochen, weil es wichtig ist, auch die Jungen zum Zuge kommen zu lassen.
Sind Sie für Amtszeitbeschränkungen?
Ja, das macht Sinn für eine etablierte Partei. Bei uns ist die Arbeitslast so gross, dass die Gefahr nicht besteht, dass jemand ewig das Präsidium bekleiden möchte.
Sie selbst wollen von einer Beschränkung aber nichts wissen?
Wir sind eine junge Partei. Das heisst, wir mussten zu Beginn vielerorts – vor allem in den Kantonen und Gemeinden – darum kämpfen, genügend Nachwuchs für Wahllisten zu finden. Heute sind wir ein gutes Stück weiter. Deshalb müssen auch wir innerhalb der GLP das Thema «Amtszeitbeschränkungen» diskutieren. Ich gebe Ihnen recht: Erneuerung ist wichtig.
Verstehe ich Sie richtig, dass Sie im Verlaufe der Legislaturperiode 2027 bis 2031 als Parteipräsident und Nationalrat zurücktreten werden?
Das weiss ich wirklich nicht. Was ich aber weiss: Es macht mir grosse Freude, aktuell in der Energie-, Wirtschafts- und Verkehrspolitik viel Einfluss zu nehmen. Dennoch: Fast 80-jährige Präsidenten wie in anderen Ländern finde ich befremdlich.
Ihr Vorgänger als Parteipräsident war Fan von Excel. Laut einem Sketch von Viktor Giacobbo plante er sogar seine Friseurtermine mit Excel. Wofür brauchen Sie Excel?
Ich benötige Excel für unterschiedlichstenTätigkeiten – am meisten wohl für das Erstellen von Statistiken zum Thema «Energie». Und ich kann Ihnen versichern, dass Martin Bäumle nicht jedes Haar in der Suppe zählt (lacht).
Wie viel Geld geben Sie aus für Online-Abos wie Netflix, blue Sport und Microsoft Excel?
Über den Daumen geschlagen, werden es jährlich ein paar hundert Franken sein für Apple Music, blue Sport …
… demnach schauen Sie oft Fussball am TV und sind immer noch GC-Fan?
Nein, diese Zeiten sind lange vorbei. Ich bin seit vielen Jahren Fan des FC Thun – also nicht erst, seit die Mannschaft an der Spitze der Super League steht. Thun ist nicht nur sportlich erfolgreich, ich finde den Club auch sonst sehr sympathisch.

«In unseren Nachbarländern hingegen werden wir zunehmend unbeliebter, weil wir in Politik und Wirtschaft immer öfter als Trittbrettfahrer auftreten»: Jürg Grossen.
Bild: sda
Wie fühlt sich Heimweh nach Frutigen BE an?
Heimweh kenne ich nur, wenn ich längere Zeit im Ausland weile und weit und breit keine Berge sehen kann. Dann meldet sich dieses Gefühl: «Ich will auf einen Gipfel.» Es ist unangenehm, aber aushaltbar.
Welcher typische Schweizer Minderwertigkeitskomplex geht Ihnen auf die Nerven?
Mich ärgert, dass sich die Schweizer oft selbst übermässig zurücknehmen, also unnötigerweise klein machen.
Sind die Schweizer eher beliebt oder unbeliebt im Ausland?
Als Touristen sind wir Schweizer fast überall beliebt. In unseren Nachbarländern hingegen werden wir zunehmend unbeliebter, weil wir in Politik und Wirtschaft immer öfter als Trittbrettfahrer auftreten. Zur internationalen Sicherheit tragen wir nur wenig bei und verstecken uns lieber hinter unserer Neutralität. Diese ist zwar wichtig, aber kein Grund zur Gleichgültigkeit. Wenn wir doch einmal Initiative zeigen, geschieht das häufig ohne Abstimmung mit den anderen Ländern. Geht es darum, solidarisch zu sein und zu helfen, zeigen wir uns zu oft zu zurückhaltend. Ich bin nicht grundsätzlich gegen Opportunismus, doch ich finde, die Schweiz hat es in den letzten Jahren damit übertrieben.
Ihr grösster Erfolg als Politiker war …
Im Nationalrat habe ich eingebracht, dass sich Mehrparteiengebäude und Quartiere mit Photovoltaikanlagen zum Eigenverbrauch zusammenschliessen können. Heute ist das schweizweit der Fall. Ein Antrag von mir sorgte zudem dafür, dass der Bau von Schnellladestationen für Elektroautos an den Autobahnrastplätzen umgesetzt wurde.
Sind Sie ein guter Verlierer?
Ich denke ja. Natürlich ärgere ich mich im Moment der Niederlage, aber das legt sich schnell wieder. Ich schaue dann lieber nach vorne und konzentriere mich darauf, was als Nächstes kommt.
Welches war die erfolgreichste Intrige, die Sie selbst im Bundeshaus gesponnen haben?
Intrigen sind nichts für mich.
Bitte kurz und knapp: Ihr Urteil über die Zusammenarbeit mit den Grünen?
Gut.
Mit der SP?
Solide.
Mit der Mitte?
Gut bis sehr gut.
Mit der FDP?
Gut bis sehr gut.
Mit der SVP?
Manchmal funktioniert die Zusammenarbeit gut bis sehr gut, manchmal sehr schlecht.
Ich nenne Ihnen drei Jürg-Grossen-Sätze und Sie sagen, was sie bedeuten: «Manchmal brauche ich einfach Zeit für mich, ohne andere Menschen.»
Hin und wieder allein unterwegs zu sein, ist wichtig für mich. Aber zu lange will ich dann doch nicht einsam bleiben.
«Wir pflegen in der GLP eine Kultur, in der wir auch mal streiten und trotzdem anständig miteinander sprechen können.»
In der Vergangenheit wurde ich in den Medien immer wieder als zu anständiger Politiker dargestellt. Wer mich kennt weiss: Ich starte immer wieder bewusst da und dort einen Ausbruch – zum Beispiel indem ich innerhalb eines parteiinternen Gremiums einen provozierenden Vorstoss lanciere oder eine prägnante Aussagen mache. Reibung erzeugt ja bekanntlich Wärme. Grundsätzlich halte ich Anstand aber für sehr wichtig.
«Ich höre meist zu, wie die andern ihr Pulver verschiessen. Und schiesse erst dann.»
Ich nehme mir diese Weisheit immer wieder zu Herzen – aber ich gebe zu, mir gelingt es nicht immer, danach zu handeln.
Haben Sie mit der Hobbyschützin Sanija Ameti nach ihren Schüssen auf ein Maria-Bild gesprochen?
Es gab ein Gespräch zwischen ihr und mir – mehr möchte ich dazu nicht sagen.
Sind Sie froh, dass Sanija Ameti die Partei verlassen hat?
Das war ihre Entscheidung – und ich habe diese zu akzeptieren.
Die Sympathiewelle aus dem linken Lager nach dem Gerichtsurteil des Bezirksgerichts Zürich war gross. Haben Sie Angst, dass Frau Ameti jetzt bei den echten Grünen nun abräumt?
Auch das ist die Entscheidung von Frau Ameti. Ich kommentiere das nicht weiter.
Welches Buch haben Sie zuletzt fertiggelesen?
Oh mein Gott, ich gebe offen und ehrlich zu: Ich lese neben den politischen Dossiers jeden Tag die unterschiedlichsten Zeitungen und Online-Medien, aber Bücher lese ich ausschliesslich in den Ferien.

«In der Vergangenheit wurde ich in den Medien immer wieder als zu anständiger Politiker dargestellt»: Jürg Grossen.
Bild: sda
Glauben Sie an Schicksal?
Ich glaube an Schicksal, jedoch nicht aus religiösen Gründen. Mein Grossvater hat immer gesagt: «Wer gibt, dem wird gegeben.» Ich versuche in meinem Leben nicht darauf zu hoffen, dass andere mir viel geben, sondern darauf, was ich anderen geben kann. Bisher bin ich damit recht gut gefahren, und das Schicksal war mir wohlgesinnt. Aber auch hier gilt: Holz anfassen – man weiss nie, wie lange es einem gut geht.
Glauben Sie an Gott?
Ja. Aber ich nehme die Bibel nicht wortwörtlich, die wichtigen Elemente des Christentums habe ich aber durchaus verinnerlicht.
Demnach gehen Sie nur an christlichen Festtagen wie Weihnachten in die Kirche?
Ehrlich gesagt, nicht einmal dann (lacht).
Mit welchem Bundesrat würden Sie lieber ein Woche Ferien auf einer einsamen Insel verbringen: Ignazio Cassis oder Albert Rösti?
Albert Rösti kenne ich besser, weil er aus derselben Region stammt wie ich. Wir haben viele gemeinsame Bekannte und können durchaus auch einmal miteinander lachen – selbst wenn ich mit seiner Politik in vielen Punkten überhaupt nicht einverstanden bin. Das möchte ich klar sagen. Aber ich finde: Das Politische und das Menschliche sollte man trennen können.
Mit wem würden Sie lieber auf die 2470 Meter hohe Wyssi Flue wandern – mit Lisa Mazzone oder Philipp Matthias Bregy?
Ich würde lieber mit Philipp Matthias Bregy hinaufwandern, weil er wie ich im Kern ein Bergler ist und wahrscheinlich nicht so schnell oben wäre wie ich (lacht).
Mit wem würden Sie lieber einen Kaffee trinken – mit Jacqueline Badran oder Andrea Gmür-Schönenberger?
Bin ich streitlustig drauf, trinke ich mit Jacqueline einen Kafi, wenn ich versöhnlichere Töne anschlagen möchte, gehe ich mit Andrea.
Wir kommen zum Schluss und damit zum Self-Rating-Test: Sie benoten Ihr eigenes Talent von null Punkten, kein Talent, bis zehn Punkte, maximales Talent: Koch?
Fünf Punkte. Meine Frau und meine drei Kinder kochen alle wahnsinnig gut. Ich kann kochen, komme aber mit meiner Leistung nicht annähernd an sie heran. Pasta, Risotto und Älplermagrone kriege aber auch ich ganz passabel hin.
Gärtner?
Ich arbeite gerne körperlich, auch wenn ich nicht der geborene Handwerker bin – im Garten zudem meistens auf Anweisung von meiner Frau. Sie ist gelernte Gärtnerin.
Fussballer?
Fünf bis sechs Punkte. Ich kann den Ball nicht hundertmal jonglieren, aber zehn- bis fünfzehn Mal kriege ich hin.