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Jetzt meldenHeinz fährt gerne mit seinem E-Bike herum und besichtigt auch mal die Gegend, Osaka liegt rund 80 Kilometer von seinem Zuhause entfernt.
Bild: zVG
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«Die Schweiz meiner Jugend existiert nicht mehr. Hier in Japan habe ich sie wiedergefunden.» Diesen Satz hört man nicht oft von einem Schweizer Auswanderer in Japan. Heinz Schlagenhauf sagt ihn trotzdem.
Denn der 74-jährige Thurgauer lebt seit 2021 in der Präfektur Wakayama. Was ihn dort hält, sind weder die Millionenstädte noch die Tempel. Es sind die Menschen.
Punkt fünf Uhr morgens. Heinz Schlagenhauf ist bereits wach. Den Sonnenaufgang über den Bergen, nah am Meer direkt vor seinem Haus mit dem grossen Garten lässt er sich nicht entgehen. Mit einem Espresso in der Hand sitzt der 74-Jährige auf seiner Terrasse und blickt in die Ferne. «Wir leben hier im Countryside», sagt er im Gespräch mit blue News und lacht. Immer wieder streut Schlagenhauf englische Begriffe in seine Sätze ein. Vielleicht ein Überbleibsel seiner vielen internationalen Reisen und Jahre im Ausland.
Touristen verirren sich kaum in die Region südlich von Osaka. Wer hier unterwegs ist, begegnet vor allem Einheimischen. Genau das gefällt dem gebürtigen Thurgauer. «Ich mag dieses beschauliche, ruhige Leben hier.» Dichtestress wie in Tokio ist ihm ein Gräuel.

Wakayama liegt im südlichsten Teil Japans. Der Schweizer Auswanderer Heinz hat sich hier niedergelassen.
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An Japan schätzt er vor allem den respektvollen Umgang miteinander. «Die Leute kümmern sich um ihre Eltern und Grosseltern. Diese Einstellung gegenüber älteren Menschen beeindruckt mich immer wieder», sagt Schlagenhauf. Das Leben auf dem Land erinnert ihn an seine Jugend im Thurgau. Damals hätten sich die Menschen noch auf der Strasse gegrüsst, alles sei kleiner, familiärer und persönlicher gewesen.
«Genau das finde ich hier wieder», sagt er im Gespräch mit blue News. Dass er einmal in Japan landen würde, ist Schicksal.
Aufgewachsen in einem kleinen Dorf am Bodensee, zieht es Heinz Schlagenhauf schon mit 17 Jahren nach Genf. Seine Heimat wird ihm zu eng: ein Konsum, eine Molki, eine Bäckerei, eine Metzgerei – und jeder kennt jeden. Die offene Mentalität der Romandie fasziniert ihn. Es ist der Beginn eines Lebens, das ihn später in mehr als 50 Länder führen wird.
Reisen wird für Schlagenhauf zur Konstante. Amerika, die Philippinen, Thailand, Malaysia, Hongkong, Australien, Südafrika, Mexiko, Brasilien, Tahiti: Immer wieder zieht es ihn in die Ferne. Oft bleibt er mehrere Monate am selben Ort. Die Schweiz dient ihm dabei vor allem als Homebase, als Durchreise-Eldorado. Heinz Schlagenhauf sagt: «Die Schweiz war für mich immer ein Land, um gutes Geld zu verdienen.»
Der Thurgauer ist ein Berufs-Chamäleon, arbeitete schon als Sanitäter, Spengler, Postbeamter, Sachbearbeiter für die Stadtpolizei Zürich, viele Jahre als Campingplatzleiter, zuletzt als Nachtportier eines Luxushotels. Doch es zieht ihn immer wieder ins Ausland. «Die Schweiz entwickelt sich zur Ellbogengesellschaft. Neid und Missgunst wachsen. Hier gönnt kein Bauer dem anderen den grösseren Härdöpfel», sagt Schlagenhauf.
Immer wieder setzt sich der Auswanderungsgedanke bei ihm fest. Aber ein Schicksalsschlag durchkreuzt 2013 seine Pläne: Darmkrebs. Schlagenhauf krempelt sein Leben um, ernährt sich fortan vegetarisch – und entscheidet sich gegen eine Chemotherapie. Stattdessen setzt er auf sein geliebtes Rennvelo. «Das bringt mich wenigstens nicht um.»
2020 sitzt Schlagenhaufs japanische Frau Chiho (60) – die er bezeichnenderweise 1986 auf einer Weltreise kennenlernte – wegen der Pandemie in Japan fest. Sie besucht ihre Familie und kann nicht mehr ausreisen.
«Die Schweiz war für mich immer ein Land, um gutes Geld zu verdienen»
Im September 2021 verlässt Heinz Schlagenhauf die Schweiz und zieht ins Land seiner Frau. «Dieser Schritt fühlt sich für mich aber nicht wie ein Abenteuer an. Und Japan ist nicht mein Traum-Auswandererland. Mir gefallen Portugal, Thailand oder die Philippinen eigentlich besser», sagt der Weltenbummler zu blue News.
Trotzdem bleibt er. Japan ist für Ausländer kein einfaches Pflaster. Ein dauerhaftes Visum zu erhalten, ist schwierig. Das Land verfolgt eine restriktive Einwanderungspolitik und vergibt langfristige Aufenthaltsbewilligungen meist nur bei klaren Voraussetzungen wie Arbeit, Studium oder einer Ehe mit einer japanischen Staatsbürgerin oder einem japanischen Staatsbürger. Schlagenhauf kann dank der Bürgschaft seines Schwiegervaters bleiben – für viele andere Auswanderungswillige wäre das komplizierter.
Japan war lange Zeit eines der teuersten Länder der Welt. Doch heute sei das Land nicht mehr so teuer wie früher, sagt Schlagenhauf. Der schwache Yen habe das Leben für viele Ausländer deutlich günstiger gemacht.
Auch finanziell sollte eine Auswanderung gut geplant sein, sagt Schlagenhauf. Wer noch keine AHV bezieht, müsse sich rechtzeitig um die freiwillige AHV kümmern. Mit AHV, Rente oder Pension lasse es sich in Japan gut leben – besonders auf dem Land und fernab der grossen Touristenorte.
Wer ebenfalls mit dem Gedanken ans Auswandern spielt, dem rät der 74-Jährige vor allem zu Offenheit und Gelassenheit. «Man darf nicht erwarten, dass alles so funktioniert wie zuhause. Man muss sich anpassen und die Menschen respektieren.»
Ebenso wichtig sei es, die Gesetze, Gepflogenheiten, die Sprache und die Kultur des neuen Landes kennenzulernen. Heinz kann sich im Alltag auf Japanisch verständigen, lernt die Sprache aber weiterhin. «Das ist mein Anti-Demenz-Training», sagt er. Fit hält sich der 74-Jährige mit Garten- und Hausarbeit. «Mir ist es aber wichtig, auch mal das Dolcefarniente zu zelebrieren», fügt er an.
Und eines sei elementar: Man dürfe kein Heimweh haben. Auf seinen Reisen habe er schon viele andere Auswanderer und Auswanderinnen daran scheitern sehen. Zahlreiche Träume seien letztlich am Heimweh zerbrochen.
Heinz ist in Wakayama angekommen. Im Land seiner Frau. Die Ruhe, die Höflichkeit und das Gemeinschaftsgefühl erinnern ihn an die Schweiz seiner Jugend. «Die habe ich hier – ein Stück weit – wiedergefunden», sagt er.
Nur eines fehlt dem Thurgauer manchmal. «Für den cheibe feinen Siedfleischsalat in meinem Lieblingsrestaurant im Thurgau würde ich jederzeit einen Zwischenstopp machen.»
Dann lacht er und ergänzt: «Aber vermissen tue ich die Schweiz sonst nicht.»
Nach Jahrzehnten voller Reisen wanderte Heinz Schlagenhauf endgültig aus. Heute lebt der 74-jährige Thurgauer in Japans Provinz – und findet dort Werte wieder, die er in der Schweiz verloren glaubt.