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Klettert man auf die «Big Daddy»-Düne, streckt sich die Namib-Wüste bis an den Horizont.
blue News / Noemi Hüsser
Namibia gilt als Sehnsuchtsziel vieler Europäer*innen – als Ort von Weite, Wildnis und Freiheit. Doch hinter dem «African Dream» verbirgt sich auch eine Geschichte von Kolonialismus und Gewalt, die bis heute nachwirkt.
Homecoming. Das Wort hört man immer wieder, wenn man Namibia als Tourist*in besucht. Das Land zu bereisen, sei ein Heimkommen – auch für Menschen, die noch nie in dem Staat im Südwesten Afrikas gewesen sind. «Von hier gehen alle wieder mit einem schmerzenden Herzen fort», sagt beispielsweise ein Angestellter einer Luxusunterkunft. «Namibia ist wie ein Magnet, der einen immer wieder zurückzieht.»
Man versteht schnell, was er damit meint. Namibia hat alles, was sich Europäer*innen vorstellen, wenn sie an «Afrika» denken: Wüsten, wilde Tiere, Schotterstrassen. Gleichzeitig ist das Land fast 20-mal so gross wie die Schweiz – und hat gerade mal 2,5 Millionen Einwohner*innen. Es erwarten einen also auch endlose Weiten und leere Strassen.
Der Tourismus ist nach dem Bergbau Namibias zweitgrösster Wirtschaftszweig. 1,4 Millionen ausländische Tourist*innen haben das Land laut Zahlen des Tourismusministeriums im Jahr 2024 besucht – die meisten kamen aus dem Nachbarland Südafrika, 300'000 aus Europa, davon 20'000 aus der Schweiz. Und der Tourismus ist, das merkt man schnell, stark auf den europäischen Blick ausgerichtet.
Die Reise beginnt meist in Windhuk. Eine Stadt, zusammengewürfelt aus Häusern und Baustilen. Und eine Stadt, die nicht so recht zu leben beginnen will. Es fehlt eine Innenstadt, in der Menschen verweilen. Die grösste Sehenswürdigkeit ist die Christuskirche – sie steht inmitten eines Strassenkreisels.

Die Christuskirche in Windhuk. Die Stadt hat man in einem Tag gesehen.
blue News / Noemi Hüsser
Aber wer die Stadt nach einer Nacht und einem Tag – mehr braucht es hier nicht –, wieder verlässt, erlebt sie immer wieder, diese Momente, in denen man versteht, was die Menschen hier den «African Dream» nennen.
Da ist die Landschaft, die man oft durch ein Autofenster betrachtet und die sich ständig verändert. Jede Stunde ein anderes Bild: Zuerst grüne Bäume, dann steinige Flächen und Berge, sandige Weiten, bis wieder Bäume kommen.
Da ist die Weite, die sich auftut, wenn man frühmorgens die «Big Daddy»-Düne hochwandert, eine der grössten Dünen der Welt. Wenn man nach einem mühsamen Aufstieg, bei dem man im haltlosen Sand immer wieder einsinkt, sich hinsetzt, den Sand aus den Schuhen schüttet und auf die Namib-Wüste blickt, die einfach nicht aufhören will.
Da ist die Freude, die aufkommt, wenn man stundenlang ein Flussbett hochgefahren ist – und dann endlich die Elefanten findet, die dort leben.
Da ist die Ehrfurcht, die man spürt, wenn man durch den Etosha-Nationalpark fährt, eines der bedeutendsten Naturschutzgebiete Afrikas, und sie sieht: die Zebras, die links und rechts am Strassenrand stehen, als hätte sie wer extra dorthingestellt. Die Löwen, die unter Bäumen faulenzen, völlig unbeeindruckt von der Autokolonne, die sich an sie herangepirscht hat.
Der Blick fällt in Namibia oft auf scheinbar endlose Weiten.
Bild: blue News / Noemi Hüsser
Da ist die Mischung aus Abenteuer und Luxus: Man fährt über Schotterstrassen, über Steine, durch Sand und durch Flüsse. Mindestens einen platten Reifen muss man flicken – das gehört dazu. Und am Abend kommt man zu einer «Lodge», wie die Touristenunterkünfte hier heissen, sitzt an Bars und in Pools, überblickt die Wüste und trinkt Weisswein. In der Ferne galoppiert eine Herde Gnus vor der Sonne hindurch, die gerade hinter dem Horizont untergeht.
Aber Namibia lässt einen selten nur eines fühlen. Je mehr Autostunden vergehen, je mehr Kilometer hinter einem liegen, je mehr Platten geflickt werden, desto mehr bekommt das Bild des «African Dream» Risse. Man beginnt zu sehen, auf welchen kolonialen Bildern es aufgebaut ist. Und wie diese Bilder bis heute erhalten bleiben – auch durch Reisen und die Geschichten, die zu Hause aus ihnen entstehen.
Die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie nennt das die «Gefahr einer einzigen Geschichte». Eine Geschichte, die so oft erzählt wird, bis sie zur einzigen wird. «Eine einseitige Darstellung schafft Stereotypen, und das Problem bei Stereotypen ist nicht, dass sie falsch sind, sondern dass sie unvollständig sind», so Adichie.
«Man wartet nur darauf, bis ein Regisseur hinter einer Hausecke hervorspringt und ‹Cut› ruft»
Zum Beispiel in Swakopmund, einer Küstenstadt am Atlantik, wo die Wüste auf das Meer trifft. Hier fühlt sich alles wie eine Kulisse an – als hätte jemand Wände aufgebaut und sie mit einem Foto einer durchschnittlichen deutschen Kleinstadt bedruckt: pastellfarbene Häuser, Satteldächer, verzierte Fassaden. Läuft man durch die Strassen, wartet man nur darauf, bis ein Regisseur hinter einer Hausecke hervorspringt, «Cut» ruft und einen von diesem Unbehagen erlöst, das man in dieser Stadt mit sich rumträgt.
Aber die Menschen hier spielen keine Rollen. Swakopmund wurde während der deutschen Kolonialzeit von 1884 bis 1915 zur bedeutendsten Hafenstadt Namibias ausgebaut. Und alles in Swakopmund erinnert noch heute daran: Im Supermarkt lässt sich Lebkuchen kaufen, in einer Bar am Strand Hansa-Bier trinken.
Spätestens an diesem Ort beginnt man, über Namibias koloniale Vergangenheit nachzudenken.

Die ausgetrockneten Bäume in Deadvlei sind die bekannteste Touristenattraktion Namibias.
blue News / Noemi Hüsser
Die Geschichte beginnt mit einem Betrug. 1884 kaufte der deutsche Kaufmann Adolf Lüderitz von der indigenen Bevölkerung Land ab: fünf Meilen Küste für 200 Gewehre und 100 englische Pfund. Im Vertrag stand nicht, ob es sich um englische oder deutsche Meilen handelte. Als Lüderitz den Spielraum bemerkte, bestand er auf die viermal längeren deutschen Meilen. Das beanspruchte Gebiet wuchs dadurch auf das Sechzehnfache. Es war der Beginn der Kolonie Deutsch-Südwestafrika.
Was darauf folgte, waren jahrelange Spannungen zwischen der indigenen Bevölkerung und den deutschen Kolonialisten: Die Deutschen beanspruchten immer mehr Land, die indigene Bevölkerung wurde immer weiter zurückgedrängt. 1904 wurde der Aufstand der Herero, eines der indigenen Völker, gewaltsam. Sie überfielen Farmen und Festungen, töteten mehr als 100 deutsche Männer. Als Reaktion schickte Deutschland den General Lothar von Trotha nach Deutsch-Südwestafrika. Von Trotha ordnete an, jeden Herero zu erschiessen. Denselben Befehl gab es später für das indigene Volk der Nama.
Wer von den Deutschen gefangen genommen, aber nicht getötet wurde, wurde in Gefangenen- und Arbeitslager gebracht. Es ist das erste Mal, dass der Begriff Konzentrationslager in der deutschen Geschichte erscheint. Wer entkam, wurde in die Wüste getrieben und verdurstete.
Die deutschen Soldaten ermordeten so Schätzungen zufolge zwischen 1904 und 1908 rund 80 Prozent der Herero und 50 Prozent der Nama – zwischen 75'000 und 100'000 Menschen. Es war der erste deutsche Genozid des 20. Jahrhunderts.
Nichts in Swakopmund erinnert daran. Zumindest nicht richtig. Im Stadtzentrum steht ein Denkmal, das dem «Aufstand der Herero» und verstorbenen deutschen Soldaten gedenkt.

Am Stammtisch in Swakopmund trinken die Gäste deutsches Bier.
blue News / Noemi Hüsser
Nur etwas ausserhalb des Zentrums von Swakopmund findet man Orte der Erinnerung an die Opfer der Herero und Nama. Der Herero-Aktivist Laidlaw Peringada hat ein Genozid-Museum eröffnet. Er ist es auch, der auf dem Friedhof im Süden der Stadt regelmässig ein Herero- und Nama-Massengrab aufhäuft, weil der Wind immer wieder Sand wegbläst und Knochen freilegt. Als wolle Peringada damit auch eine Wunde schliessen, die im ganzen Land noch weit offensteht.
Die Kolonialherrschaft Deutschlands über Namibia endete 1915. Die südafrikanische Union übernahm daraufhin die Verwaltung des Landes. Seit 1990 ist Namibia eine unabhängige Republik.
Erst im Jahr 2015 – über hundert Jahre nach dem Völkermord an den Herero und Nama – bezeichnete der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert das Verbrechen als erster offizieller Vertreter Deutschlands als Genozid. 2021 hat Deutschland den Völkermord anerkannt und eine Abmachung ausgearbeitet, die als «Versöhnungsabkommen» bezeichnet wird und Namibia Entwicklungshilfe im Wert von 1,1 Milliarden Euro zuspricht.
Das Abkommen stiess bei der namibischen Bevölkerung jedoch auf Kritik, es ist bis heute nicht unterzeichnet. Nachfahren der Herero und Nama zogen vor Gericht, forderten mehr als Entwicklungshilfe und verlangten Reparationszahlungen und die Rückgabe von Land.
Denn noch heute leben rund 30'000 deutschstämmige Menschen in Namibia. Und nach Angaben des namibischen Statistikamts gehören heute noch 70 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Namibia den Nachfahren weisser Siedler*innen.

In Swakopmund erinnert ein Denkmal an den «Aufstand der Herero» und gefallene deutsche Soldaten, aber nicht an den Genozid an den Herero und Nama.
imago
Namibia gehört zu den Ländern mit einer der höchsten Einkommensungleichheiten weltweit. Auch vom Bergbau – Namibias grösster Wirtschaftszweig – profitieren grösstenteils ausländische Konzerne, denen die Goldminen im Land gehören. Der Reichtum des Landes fliesst nach wie vor ins Ausland ab.
Spätestens in Swakopmund nistet sich also ein Gefühl ein, das immer dann wiederkommt, wenn die Menschen hier vom «African Dream» sprechen. Adichie beschreibt, wie solche Geschichten nicht nur entstehen, sondern Macht haben: Sie bestimmen, wie ein Ort gesehen wird – und was unsichtbar bleibt. Der «African Dream» ist nichts weniger als eine eurozentrische Perspektive auf ein Land und Kontinent, dessen Geschichte nach wie vor von Europäer*innen erzählt wird. Oder von denen, die von ihnen abstammen.
«Namibia ist schwer zu beschreiben – und zu bereisen –, ohne diese Gleichzeitigkeit mitzudenken und auszuhalten»
Das Gefühl ist besonders dann präsent, wenn man in Restaurants sitzt, in denen fast alle Gäste weiss sind und die Angestellten Schwarz. Wenn die einzelne Geschichte des «African Dream» zum Erlebnisprodukt gemacht wird: Wenn man an sogenannten «Living Museums» vorbeifährt, in denen die indigene Bevölkerung den Tourist*innen ihre Kultur vorführt. Oder wenn man als Gruppe weisser Tourist*innen mit sechs Geländewagen in einem Dorf anhält, ein paar Säcke Nahrungsmittel verteilt, Fotos macht – und nach einer halben Stunde wieder weiterfährt.
Es gibt viele Arten, Namibia zu bereisen. Viele Geschichten, die es zu hören gibt. Die beeindruckenden Landschaften, die gastfreundlichen Menschen. Aber auch die koloniale Vergangenheit, die bis heute nicht vollständig aufgearbeitet wurde. Weder von der Regierung, noch von Guides, die nur dann über den Kolonialismus sprechen, wenn man sie fragt. Namibia ist schwer zu beschreiben, ohne diese Gleichzeitigkeit mitzudenken und auszuhalten. Ohne anzuerkennen, dass es immer mehrere Geschichten gibt.
Aber als europäische Reisende*r hat man eben auch das Privileg, daraus auswählen zu können. Rund einen Kilometer entfernt vom Massengrab der Herero und Nama in Swakopmund lässt sich hervorragend Gin tasten. Auch das ist wahr – und genau darin liegt das Unbehagen.
Dieser Artikel entstand im Rahmen einer von Edelweiss organisierten Medienreise in Zusammenarbeit mit dem Namibia Tourism Board und Defender Experience.