Fehler gefunden?
Jetzt meldenDie Schweiz ist ein Bergland. Seit dutzenden von Jahren ziehen die Höhenlandschaften Touristen aus aller Welt an. Das Problem: Sie werden fast schon überrannt. Auch im Kanton Uri. Ein Augenschein vor Ort.
Die Sonne reicht noch nicht ganz über den Gipfel des Rinderstocks. Im Schatten ist es noch kühl, obwohl es Juli ist. Nichtsdestotrotz sammeln sich im kleinen Urner Ort Silenen bei der Seilbahn Chilcherberg die Wanderfans. Denn die Wanderroute über den Chli Windgällen ist ein Geheimtipp – noch. Genauer gesagt zieht der Seewlisee, hinter dem Chli Windgällen, die Touristen an – und langsam aber sicher von der ganzen Welt.
In der Schweiz boomt seit Corona das Wandern wie schon lange nicht mehr. Vor allem Social Media spielt dabei eine grosse Rolle. Kein Weg scheint für die Wander*innen zu weit zu sein, um das perfekte Foto für Instagram und Co. zu schiessen. Ganz zum Entsetzen der Älpler.

Die Idylle ist einmalig, doch das lockt viele Tourist*innen an.
Samuel Walder
Auch im Kanton Uri nimmt der Zulauf an Wanderinnen und Wanderern zu. Zugegebenermassen ist der Seewlisee ein fast schon mystischer Ort, der eine Kulisse bietet, die in ein Märchen passen würde. Doch die Natur, die Tiere und auch die Betreiber der Alp haben zunehmend Ärger mit den Tourist*innen. Abfall, laute Musik, Respektlosigkeit: Spuren von Wanderfans in einer vorher unberührten Landschaft.
blue News trifft Jörg und Conny. Sie sind die Betreiber der Seewlialp, auf 2021 Meter über Meer. «Letztes Wochenende waren es 20, vorletztes sogar 53», sagt Conny zu blue News. Sie spricht von den Wildzelter*innen am See. «Das sind zwischen 150 und 170 Personen», erklärt Jörg. Ein Rekord in den Augen der Älpler, die die zweite Saison nun auf der Alp sind.
Der Ansturm von Touristen habe stark zugenommen. «Social Media ist der Hauptgrund, wieso immer mehr hierhin wandern», sagt Conny. Es sei ja nicht so, dass man sich über viel Besuch nicht freuen würde. Es gehe um den Respekt gegenüber der Natur. «Seit Corona haben wir beobachtet, dass die Zahlen steigen. Zum Glück funktioniert es dieses Jahr bis jetzt besser mit dem Abfall. Letztes Jahr war es schlimm», sagt die Älplerin.

Jörg und Conny betreiben die Alp unterhalb vom Seewlisee.
Samuel Walder
Denn neben den Unterkünften beim Seewlisee weiden Kühe, die die Alp abgrasen sollen. Die Kühe gelangen zum See, weil die Weide so abgesteckt ist. Die Tourist*innen zelten also da, wo die Kühe weiden. «Die Kühe sind neugierig und fangen an, Abfall, Kleider und Zelte zu zertrampeln oder sogar zu fressen. Das schadet den Tieren», erklärt Jörg. Die Touristen kämen sich dann bei Jörg und Conny beschweren. Das sei falsch, denn die Touristen sind in das Revier der Kühe eingedrungen und nicht umgekehrt.
Die Sicherheit und Erfahrung der Wanderer fehlt. Der Weg zum Seewlisee ist steil, teilweise nicht gut gesichert und mit Wurzeln und grossen Felsen überhäuft. «Wir haben schon Wanderer gesehen, die mit Turnschuhen, Sommeroutfit, Gepäck, Soundboxen und ohne Ausrüstung gekommen sind. In den Bergen ändert sich das Wetter schnell», sagt Conny. So könne es immer wieder zu Unfällen kommen.

Maximal dürfen vier Personen auf die Bergbahn steigen. Bei einem Ansturm steht man also Schlange.
Samuel Walder
Jörg sagt: «Letztes Mal hat es plötzlich angefangen zu regnen. Da standen plötzlich 20 Leute hier bei uns unter dem Dach, weil sie keine Regenjacke oder kein Zelt hatten.» Das sei mühsam, weil die Alp eigentlich nicht für so viele Menschen eingerichtet sei.
Klar ist, im Kanton Uri ist es noch gestattet frei zu campieren. Manch einer sieht das als ein Privileg, wenn man bedenkt, dass immer mehr Älpler Geld fürs Zelten verlangen, oder gar das Campieren verbieten. Kurt Schuler, Präsident der Korporation Uri sagt zu blue News: «In den letzten Jahren hat der Touristenfluss stark zugenommen.» Der Seewlisee soll bereits einem Hotspot gleichen. «Wir freuen uns sehr über Besucherinnen und Besucher. Wir hoffen aber trotzdem auf den respektvollen Umgang mit der Natur», sagt er.

Kurt Schuler freut sich über Touristen, appeliert aber an Vernunft und Respekt.
Korporation Uri
Der Abfall sei zwar das eine Problem, aber wenn Leute ihr Geschäft in den Bergen verrichten, hat das nicht nur eine negative Auswirkung auf andere Wanderer, sondern es schade auch der Tier- und Pflanzenwelt. Den Ansturm müsse man in den Griff bekommen.
«Die Bergbahn ist nicht für grosse Massen konzipiert und auch der Weg nach oben bietet wenig Ausweichmöglichkeiten», sagt Schuler. Falls der Ansturm in den nächsten Jahren zunehmen werde, müsse man entsprechende Massnahmen treffen. «Das wollen wir zwar nicht, aber wir müssen unsere Umgebung schützen», erklärt er. Schuler appelliert an die Vernunft der Touristen. «Die Absprache mit den Leuten, also Älpler vor Ort, ist wichtig. Die Touristen sollen nachfragen, wo sie die Zelte hinstellen dürfen.» So käme es nicht zu Streitigkeiten.
Auch Schuler sieht die sozialen Medien als Hauptantrieb für den Ansturm auf die Berge. Dennoch erhofft er sich, dass die Besucher*innen den nötigen Respekt mitbringen und so Hand in Hand mit der Umgebung und der Natur einen schönen Aufenthalt geniessen können.