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Jetzt meldenJutta Stiehler war 16 Jahre lang Dr. Sommer. In der ARD-Doku «BRAVO – Headlines, Hypes und Herzschmerz» werden Aufstieg und Fall des einst mächtigsten Jugendmagazins der Welt erzählt. Auf die Sexualberatung ihres Teams ist die Therapeutin heute noch stolz.
Jutta Stiehler, Sie arbeiteten von 1998 bis 2014 als Dr. Sommer im Bravo-Team. Wie kamen Sie zu dem Job?
Ich war und bin noch immer mit Margit Tetz befreundet, der damaligen Dr. Sommer. Das war jedoch deutlich vor 1998, damals habe ich noch Sozialpädagogik studiert. Margit hat mir einen Praktikumsplatz angeboten, der lief über ein Semester. Ich wusste sofort: Das ist mein Traumjob. Als ich fertig studiert und noch einen meinen zweiten Sohn bekommen hatte, ging es für mich danach ins Berufsleben: Die BRAVO wurde zum festen Job.
Wie gross war Ihr Team damals?
1998 waren wir zu viert. Zu Boom-Zeiten – das war um die Wende herum, als unfassbar viele Briefe aus den neuen Bundesländern unsere Redaktion erreichten, bestand das Team sogar einmal aus sechs Personen. Und selbst die haben es kaum geschafft, alle Briefe zu beantworten.
Gab es denn mal einen echten Dr. Sommer?
Ja und nein. Natürlich hat jemand die Rubrik begründet – das war Dr. Martin Goldstein. Er startete 1969 die legendäre Rubrik «Was Dich bewegt». Martin Goldstein war der Meinung, man müsse Sexualität aus der Schmuddelecke herausholen. Er wollte da aber nicht mit Klarnamen auftreten, weil er dazu noch in einer evangelischen Beratungsstelle tätig war. So entstand der Name Dr. Sommer.

Jutta Stiehler und ihr Dr. Sommer-Team von der Zeitschrift BRAVO war die vielleicht wichtigste informelle Anlaufstelle für Sexualberatung von Jugendlichen im deutschsprachigen Europa.
Bild: ARD Kultur/Looks Media/Benjamin Kahlmeyer
Jüngeren Menschen muss man erklären, wie vor Internet und Social Media Kommunikation ablief: Man konnte Dr. Sommer über Briefe und per Telefon erreichen. Gab es eine richtige Hotline?
Ja, das Telefon war jeden Tag eine Stunde besetzt. Als E-Mail immer populärer wurde, haben wir die Telefonsprechstunde auf zweimal die Woche verkürzt. Man muss sagen: Allzu viele Anlaufstellen für Jugendliche und ihre Fragen zur Sexualität existierten damals nicht. Wir waren ein Fachteam, das sich mit den Themen auskannte und den Jugendlichen sehr offen begegnete. Ich bin heute noch stolz auf unsere Arbeit, weil ich denke: Sie hat viel Gutes bewirkt.
Glauben Sie, dass viele Kinder und Jugendliche die BRAVO wegen der Dr. Sommer-Seiten kauften?
Auf jeden Fall, das wusste auch jeder im Haus. Es war ein Dreiklang an Themen, der die Leserinnen und Leser an der BRAVO interessierte: Stars, Musik und Dr. Sommer. Bei einer Umfrage zeigte sich, dass die Dr. Sommer-Seiten oft als erste aufgeschlagen wurden.
Die Dr. Sommer-Seiten in der BRAVO zeigten komplett nackte Jugendliche in einem naturalistischen Look. Hatten Sie nie Probleme mit der Zensur oder anderen Sittenwächtern?
In meiner Zeit kann ich mich nicht daran erinnern, dass es einmal Ärger gab. Einmal war die BRAVO auf dem Index, als Dr. Goldsein etwas über Selbstbefriedigung geschrieben hatte. Ich kann mich aber nicht mehr daran erinnern, in welchem Jahr das war. Im Lauf der 1970-er ist die Gesellschaft sehr viel liberaler geworden. Ich würde sagen: Unser Look war «korrekt». Es ging darum, alles klar zu zeigen, aber nicht irgendwelche Fantasien anzuregen.
Wie sind Sie an Ihre Models gekommen?
Man konnte sich ab 16 Jahren bewerben. Lange Zeit gab es mehr als genug Bewerberinnen und Bewerber. Wichtig war uns, dass wir die Jugendlichen nicht vorführen und sie rein zu jugendgerechten Themen befragen: Wie war dein erstes Mal? Hast du immer noch Regelschmerzen? Dies waren Fragen, die unsere Leser interessierten. Ausserdem wollten sie sehen, wie Körper von Gleichaltrigen denn so ausschauen. Wir gaben uns deshalb Mühe, eine möglichst grosse Bandbreite junger Menschen zu zeigen und sie damit zu unterstützen. Nach dem Motto: Es gibt viele Körper und Körperformen. So und so können Brüste, Penisse oder Hoden aussehen. Das ist alles in Ordnung so, und jeder Körper ist schön.
Wie kann man sich ein Foto-Shooting mit 16-jährigen Nacktmodellen vorstellen. Gab es da nicht viel Scham im Raum?
Überraschenderweise nicht. Erst mal brauchten wir ja die Einverständniserklärung der Eltern. Es geschah nicht selten, dass Eltern während der Fotoaufnahmen im Hintergrund dabei waren. Nicht nur der Look der Bilderstrecken sollte naturalistisch sein. Auch die Atmosphäre rund um das Foto-Shooting sollte natürlich sein. Alle Sorgen wurden direkt und verständnisvoll angesprochen. Es ist ja immer so: Peinlich oder belastend werden die Dinge erst dann, wenn man nicht drüber spricht. Unser Motto war: Sprechen wir sofort drüber, dann kann sich gar keine Anspannung aufbauen. Und man muss natürlich sagen: Es waren in der Regel eher selbstbewusste Mädchen und Jungs, die sich als Models beworben haben.
Sie sagen, dass es lange Zeit mehr als genug Bewerberinnen und Bewerber gab. Hat das irgendwann nachgelassen – und wenn ja, warum?
In den Nuller- und Zehnerjahren wurde es tatsächlich weniger. Ich glaube, mit dem Internet und vor allem Social Media hat sich viel verändert. Man wurde auf einmal viel leichter auffindbar – und auch erreichbar. Man lebt nicht mehr so anonym. Trotzdem blieb die Dr. Sommer-Rubrik an sich für die Jugendlichen sehr, sehr wichtig.
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Wie sind Sie mit Telefonanrufen oder Mails umgegangen, die alarmierend waren?
Immer dann, wenn es in Richtung Übergriffigkeit und sexualisierte Gewalt ging, haben wir die Jugendlichen darin bestärkt, dass sie sich jemand anvertrauen sollen. Wir haben ihnen klargemacht, dass die anderen, die Täter, sich auf der Unrechtsseite befinden. Und wir haben versucht, ihr Selbstwertgefühl zu stärken. Wir erklärten den Jugendlichen auch, dass Schweigen – gerade wegen der Scham – solche Taten erst möglich macht.
Blieben die Jugendlichen anonym?
Nur die garantierte Anonymität beim Dr.-Sommer-Team ermöglichte es den Jugendlichen, sich uns anzuvertrauen. Weil sie wussten, dass wir nicht tätig werden können, es aber auch nicht ohne ihr Einverständnis tun würden. In der Regel ist es genau diese Angst vor möglichen Aktionen, warum viele mit ihren Erlebnissen alleine bleiben. Jugendliche fürchten sich davor, dass man ihnen nicht glaubt, dass man das Erlebte umdeutet – nach dem Motto: Das könnte doch auch ein Versehen gewesen sein – oder dass die Erwachsenen gleich Aktionen starten: die Polizei rufen, Anzeige erstatten, den Täter stellen. Dass etwas über ihren Kopf hinweg oder hinter ihrem Rücken passiert, ist eine unermesslich grosse Überforderung und ein erneuter Missbrauch für ein betroffenes Mädchen oder einen Jungen.
Wie ging es weiter, wenn sich die Jugendlichen Ihnen anvertraut haben?
Wir hörten ihnen zu, glaubten ihnen und bestätigten sie darin, dass ihre Gefühle und Ängste stimmen. Dass sie wahrhaftig sind und keine Einbildung. Wir gaben ihnen Informationen, dass sexuelle Übergriffigkeit bei Blicken, Worten, Sprüchen oder Pfiffen beginnen. Wir glaubten ihnen uneingeschränkt, wenn Mädchen berichteten, dass der Täter ein Vater, Stiefvater, Onkel oder jemand anderes aus dem nahen familiären Umfeld war. Denn so ist das in den meisten Fällen. Den Fremden im Park gibt es viel seltener. Wir unterstützten die Jugendlichen dabei, sich jemanden zu suchen, der oder dem sie sich anvertrauen können. Die Mutter, die Tante, die Mutter der besten Freundin, eine Lehrerin. Wichtig ist, dass die Jugendlichen nicht alleine bleiben, sich Hilfe suchen und Schutz bekommen. Wenn uns die Mädchen sagten, in welcher Stadt sie leben, haben wir ihnen Adressen von Beratungsstellen geschickt. Wissen Sie, ich habe viele Jahre mit jugendlichen Mädchen und auch erwachsenen Frauen zu diesem Thema gearbeitet und Erfahrung gesammelt. Ich habe unzählige Ängste, Sorgen, Zweifel, Bauchschmerzen, Depressionen und andere Folgen mitbekommen. Es ist kaum vorstellbar, wie sehr so ein Erlebnis oder – schlimmer noch – mehrere Erlebnisse die Welt eines jungen Menschen verändern und verstören kann.

«Nur die garantierte Anonymität beim Dr.-Sommer-Team ermöglichte es den Jugendlichen, sich uns anzuvertrauen»: Therapeutin Jutta Stiehler war 16 Jahre lang Dr. Sommer beim Jugendmagazin BRAVO.
Bild: Mary Reich
Haben sich die Themen der Jugendlichen während Ihrer Zeit bei der BRAVO verändert?
Viele Themen rund um Jugend und Sexualität sind immer gleich. Es geht ums Verliebtsein, Verhütung oder Fragen wie: Ist mein Penis oder mein Busen gross genug? Ein paar Themen haben aber auch gewechselt. Zum Beispiel alles, was mit Piercing, Intimschmuck und Tattoos zu tun hat, das ist schon eher zeitgeistig und in meiner Ära mehr geworden. In manche Themen mussten wir uns als Team auch erst mal selbst reinarbeiten (lacht).
Ist Dr. Sommer heute nicht mehr so wichtig wie früher?
Persönliche Sexualberatung wird immer wichtig sein, aber früher gab es für Jugendliche kaum vertrauenswürdige Anlaufstellen. Heute fragen junge Mädchen oft ihre Mütter, und es ist toll, dass das möglich ist, denn es zeigt: Wir sind als Gesellschaft offener geworden, die Generationen mehr miteinander im Dialog. Dazu sind viele Themen öffentlich nicht mehr so stark tabuisiert wie früher. Im Internet gibt es alle Informationen, jedoch fällt es oft schwer, den Überblick zu bekommen. Die Fragen an Dr. Sommer gingen oft in Richtung: «Ich weiss schon, dass ... aber wie ist das bei mir?». Die richtige Antwort lässt sich nur über individuelle Beratung finden, sicher nicht über KI.
Kommen wir zu Ihrer Entlassung bei der BRAVO. Die Auflage brach irgendwann massiv ein – wohl wegen der Digitalisierung. Die erreichte junge Leser natürlich früher als ältere. Die Dr.-Sommer-Redaktion wurde massiv heruntergefahren. Wie blicken Sie auf Ihr Ende dort?
Es ist schon zwölf Jahre her, aber ich bin immer noch ein bisschen traurig. Wir haben eine wichtige Arbeit gemacht, denn es gibt immer noch Fragen, mit denen möchte man eben nicht zur Mama oder zu einer Freundin gehen. Da will man in der Anonymität bleiben und jederzeit das Telefongespräch abbrechen können, wenn es einem zu viel wird. Dafür war Dr. Sommer eine tolle Institution.
Hat die BRAVO damit nicht ein Alleinstellungsmerkmal aufgegeben?
So würde ich es auch sagen. Damals ist vieles schiefgelaufen. Ich habe danach wieder als Sozialpädagogin gearbeitet, bin nach der Entlassung in die Sozialarbeit gegangen. Das war jene Zeit, als viele unbegleitete minderjährige Jugendliche in Zeiten der Flüchtlingswelle nach Deutschland kamen. Einige Jahre arbeitete ich als Coach für Langzeitarbeitslose, dann bin ich in Rente gegangen. Ich arbeite aber noch in freier Praxis in München weiter und biete auch Online-Beratung an. Die ARD-Doku tut mir gerade in Hinsicht auf das Ende bei der BRAVO sehr gut, merke ich. Weil das Nachdenken und Reden über unsere Arbeit mir zeigt: Wir haben vielen jungen Leuten geholfen – und das ist ein sehr gutes Gefühl.
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