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Jetzt meldenMit Milliarden, Megabauten und maximaler Aufmerksamkeit inszeniert sich Saudi-Arabien als globales Zukunftslabor. Das Herzstück des Grossprojekts NEOM: eine 170 Kilometer lange Spiegelstadt. Doch die wird so nun nicht gebaut. Was bedeutet das für das gesamte Vorhaben?
Die spektakulären Bilder der 170 Kilometer langen Spiegelstadt gingen um die Welt – und machten Saudi-Arabien über Nacht zum globalen Gesprächsthema. Der Werbeeffekt lässt sich kaum beziffern, dürfte aber gewaltig sein.
Doch: War «The Line» am Ende vor allem ein gigantischer PR-Coup?
Es gab von Beginn an Zweifel: Forschende nannten das Projekt einen «Werbegag», Experten warnten vor unrealistischen Dimensionen, Analysten sahen vor allem eine Vision, die mehr Aufmerksamkeit generiert als Investoren überzeugt.
Ein Blick auf die Vision: Saudische Besucher bestaunen im November 2022 in Riad ein Modell von «The Line». Schon früh wird klar, wie stark das Projekt auf Inszenierung setzt – und wie sehr es weltweit Aufmerksamkeit erzeugt.
Bild: IMAGO/ABACAPRESS
Hinter «The Line» steht das Milliardenprojekt NEOM – ein gigantisches Zukunftsvorhaben im Nordwesten Saudi-Arabiens, initiiert vom saudischen Kronprinz Mohammed bin Salman, das ganze Städte, Industriezonen und Luxusdestinationen umfasst.
Seit der Präsentation von NEOM im Oktober 2017 wird «The Line» als radikale Vision einer Stadt der Zukunft propagiert. Hochglanz-Renderings hielten das Projekt über Jahre im Gespräch – auch bei blue News war «The Line» immer wieder Thema.
Doch Recherchen – insbesondere der «Financial Times» aus dem Jahr 2025, die auf Gesprächen mit Mitarbeitenden und Projektinsidern basieren, zeichnen ein deutlich nüchterneres Bild.
In der Folge griffen auch andere internationale Medien die Kritik auf und begannen, verstärkt über Probleme und mögliche Kurskorrekturen bei NEOM zu spekulieren. Sie stellen die grundlegende Frage:
Verschieben sich bei NEOM gerade die Prioritäten?
Was sich konkret abzeichnet, bleibt in vielen Punkten noch offen. Sicher ist jedoch: Das Projekt steht unter Druck. Zentrale Entscheidungen sollen politisch vorgegeben worden sein – oft gegen technische Bedenken. Vor allem die schiere Länge der Megacity von 170 Kilometern sorgte intern für Diskussionen.

So unreal ist «The Line» nicht: 2025 entstehen erste Betonfundamente und Versorgungstunnel entlang der Trasse. Doch wie weit das Projekt tatsächlich gebaut wird, ist offen.
NEOM
Offiziell wurde argumentiert, nur eine lineare Stadt ermögliche schnelle Verbindungen per Hochgeschwindigkeitsbahn. Kritiker hielten von Anfang an dagegen, dass auch kompaktere oder kreisförmige Modelle kurze Wege ermöglichen könnten – ohne eine derart extreme Ausdehnung.
Fachleute und interne Stimmen warnten zudem früh, dass Bau, Infrastruktur und Betrieb einer 170 Kilometer langen Stadt enorme technische und logistische Herausforderungen mit sich bringen würden.
Gleichzeitig explodierten die Kosten.
Während internationale Investoren zögern, trägt vor allem ein Akteur das Projekt weiter – der saudische Staatsfonds PIF. Hinter den Kulissen scheint die Frustration zuletzt gewachsen zu sein. Planungen mussten immer wieder angepasst werden, Vorgaben änderten sich kurzfristig. Mitarbeitende, so die Recherchen der «Financial Times», wurden auf andere NEOM-Projekte verschoben. Ein klares Signal, dass sich die Prioritäten innerhalb des NEOM-Gesamtprojekts tatsächlich verschieben.
Damit stellt sich eine neue Frage: Wenn «The Line» wankt – was passiert dann mit dem Rest von NEOM?
Offiziell hat Saudi-Arabien seine Vision nie beerdigt: «The Line» gilt weiterhin als Herzstück von NEOM. Doch auffällig ist, was bislang fehlt: eine klare, verbindliche Stellungnahme zu den zunehmenden Berichten über Verzögerungen, Kürzungen und mögliche Kurswechsel.
Was sich allerdings beobachten liess: Wie sich das Jahrhundertprojekt schrittweise veränderte.
Zunächst klang die Korrektur noch technokratisch. In einer Zwischenphase der Berichterstattung war nicht von einem Aus für das Projekt die Rede, sondern von einer drastisch verkürzten Umsetzung: Berichten zufolge – unter anderem gestützt auf Recherchen der Financial Times – könnte bis 2030 statt grosser Baufortschritte lediglich ein kurzer Abschnitt entstehen — international kursierte dabei die Zahl von rund 2,4 Kilometern.
Die Vision selbst blieb aber offiziell unangetastet, auch wenn sich das Projekt in der Praxis auf einen Bruchteil seiner ursprünglichen Grösse verkleinerte.

Gigantisch geplant, wohl stark verkleinert: Dieses Rendering zeigt den spektakulären Eingang von «The Line» am Roten Meer. Statt 170 Kilometern könnte bis 2030 nur ein rund 2,4 Kilometer kurzer Abschnitt entstehen – aus der Megastadt wird ein Pilotprojekt.
NEOM
Hier zeigt sich der eigentliche Wendepunkt: Denn mit der Verkürzung änderte sich nicht nur der Zeitplan, sondern auch der Charakter des Projekts. Aus der geplanten Megastadt für Millionen wird ein Pilot-Abschnitt. Die Realität ist ernüchternd: Kosten, Technik, Logistik und Nachfrage lassen die ursprünglichen Pläne an praktischen Hürden scheitern.
Inzwischen weisen Recherchen und Gespräche mit projektnahen Insidern auf eine noch grundsätzlichere Neubewertung hin. Hinter den Kulissen wird demnach scheinbar nicht nur über Tempo und Bauabschnitte gesprochen, sondern über die künftige Funktion des Projekts selbst.
Im Raum stehen pragmatischere Nutzungen, etwa als Standort für Datenzentren, KI-Infrastruktur oder andere energieintensive technologische Anwendungen. Bestätigt ist das nicht. Aber schon die Tatsache, dass solche Szenarien überhaupt plausibel erscheinen, zeigt, wie weit sich die Debatte von der ursprünglichen Wohnutopie entfernt hat.
So betrachtet war die Verkürzung auf wenige Kilometer keine Randnotiz, sondern der Moment, in dem «The Line» ihre Rolle als klares Leitprojekt verlor. Seither steht nicht mehr nur ihre Grösse zur Debatte, die zentrale Frage ist mittlerweile vielmehr: Wie tragfähig ist NEOM noch als Gesamtprojekt?
NEOM – das muss man wissen – ist kein einzelnes Projekt, sondern ein milliardenschweres Gesamtvorhaben mit mehreren parallel entwickelten Teilprojekten in den Bereichen Technologie, Industrie und Tourismus. Lange wurde dieses Gesamtprojekt jedoch fast vollständig über ein einziges Bild erzählt: die spektakuläre Spiegelstadt.
Nun scheint sich der Fokus zu verschieben: NEOM landet in der Realität. Teilprojekte, die konkreter, wirtschaftlich greifbarer und politisch leichter vermittelbar sind, rücken stärker in den Vordergrund.
Wie unterschiedlich weit diese Projekte tatsächlich sind – und wo die Probleme beginnen – zeigt ein Blick auf eines der am weitesten fortgeschrittenen Bauvorhaben.
Das wohl deutlichste Beispiel für den strategischen Kurswechsel bei NEOM ist OXAGON.
Die geplante Industrie- und Hafenstadt am Roten Meer gilt als wirtschaftliches Rückgrat des gesamten NEOM-Projekts. Anders als «The Line» setzt OXAGON weniger auf spektakuläre Bilder, sondern auf eine konkrete Nutzung: Logistik, Produktion, Energie.

Oxagon aus der Vogelperspektive: Das Rendering zeigt die geplante Hafen- und Industriestadt am Roten Meer. Der Hafen ist teilweise bereits in Betrieb, der Ausbau läuft weiter.
NEOM
Der Bau ist hier weiter fortgeschritten als bei vielen anderen NEOM-Teilen. Der Hafen – hervorgegangen aus dem bereits bestehenden Port of Duba – ist bereits teilweise in Betrieb, erste Frachtschiffe wurden – zumindest Testweise – abgefertigt. Der Ausbau läuft parallel weiter.
Gleichzeitig entsteht in der Hafenstadt mit dem NEOM Green Hydrogen Project eines der weltweit grössten Wasserstoff-Kraftwerke – ein Gemeinschaftsvorhaben mit internationalen Partnern, das schon in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts Energie produzieren soll.
Gerade hier wird der Kurswechsel greifbar: Während viele Teilprojekte noch in der Konzeptphase stecken oder neu justiert werden, ist OXAGON bereits im Bau und teilweise in Betrieb. Damit rückt ein Modell in den Fokus, das nicht primär durch Vision, sondern durch Nutzung überzeugt – Industrie, Energie, Dateninfrastruktur.
OXAGON wird so zum Gegenentwurf zu «The Line» – und zum bislang deutlichsten Hinweis darauf, dass sich bei NEOM zunehmend die Frage durchsetzt: Was funktioniert – und was nicht?
Auch die Luxusinsel Sindalah gehört zum NEOM-Projekt – wurde aber erst 2022 vorgestellt. Nebenbei bemerkt zeigt das auch: NEOM ist kein starres Konzept, sondern wird laufend erweitert und neu ausgerichtet.
Rund fünf Kilometer vor der Küste im Roten Meer soll Sindalah zu einem Treffpunkt für Superreiche werden. Ein grosser Teil der Infrastruktur steht bereits: Jachthafen, Anlagen, geplante Hotels und Residenzen.

Für einmal kein Rendering: Die Luxusinsel Sindalah im Roten Meer im Bau. Im Oktober 2024 feierte sie ein spektakuläres Soft-Opening – der reguläre Betrieb lässt dennoch weiter auf sich warten.
Giles Pendleton/LinkedIn
NEOM spricht von rund 440 Zimmern, 88 Villen und über 200 Apartments. Marken wie Marriott und Four Seasons sind involviert. Allerdings ist auch hier vieles davon noch nicht im regulären Einsatz. Ein funktionierender Tourismusbetrieb lässt weiter auf sich warten.
Trotzdem erfolgte Im Oktober 2024 das grosse Soft-Opening mit prominenten Gästen wie Alicia Keys, Tom Brady und Will Smith. Die Bilder gingen um die Welt. Doch kurz darauf folgte die Ernüchterung: Laut Berichten – unter anderem der Financial Times – soll das Management NEOM entzogen werden.
Der Schritt kommt wohl nicht ohne Grund. Trotz Glamour-Auftritt war die Insel noch nicht bereit für den regulären Betrieb. Offenbar fehlte es weniger am Bau – als an der Fähigkeit, das Luxusprojekt tatsächlich zu betreiben. Berichten zufolge soll Red Sea Global, das bereits funktionierende Resorts aufgebaut hat, das Management übernehmen.
Ähnlich steht es um den Immobilienverkauf auf der Luxusinsel: Der bleibt auffällig verhalten. Konkrete Zahlen fehlen gänzlich, und auch prominente Käufer sind nicht bekannt.
Während Sindalah verdeutlicht, wie weit NEOM beim Bau kommen kann, werden zugleich die Grenzen sichtbar: Betrieb und Vermarktung hinken hinterher.
Der Wandel des Gesamtprojekts NEOM wird bei einem anderen Teilprojekt noch klarer.
MAGNA steht für eine rund 120 Kilometer lange Küstenregion am Golf von Akaba. Dahinter steckt ein Bündel aus mehreren kleineren Luxusdestinationen – darunter Leyja, Epicon oder Norlana.

Eines von vielen Renderings für das MAGNA-Projekt: Entlang der Küste entstehen kleinere, modulare Luxusdestinationen. Im Gegensatz zu «The Line» wirken diese Konzepte deutlich greifbarer – und passen zur neuen, pragmatischeren NEOM-Strategie.
NEOM
Viele dieser Anlagen wurden erst 2023 und 2024 einzeln vorgestellt und später unter dem Namen MAGNA zusammengefasst. Offiziell als Teil des NEOM-Gesamtprojekts präsentiert wurde die Region im Juni 2024 – und damit deutlich später als die ursprünglichen NEOM-Kernprojekte.
Das dürfte kein Zufall sein, sondern tatsächlich ein Hinweis auf eine sich ändernde Strategie. Statt auf eine gigantische Vision wie «The Line» zu setzen, baut NEOM zunehmend auf modulare Einzelprojekte, die sich einfacher finanzieren, flexibler umsetzen und gezielter vermarkten lassen.
Doch auch hier zeigt sich ein bekanntes Muster. Die Konzepte sind spektakulär, die Bilder eindrücklich, doch konkrete Baufortschritte bleiben begrenzt. Zudem fehlen bislang transparente Angaben zur Nachfrage – konkrete Käufer sind kaum bekannt.
Ob NEOMs neue Strategie funktioniert, wird sich wohl an einem Projekt besonders klar zeigen: Trojena, das geplante futuristische Skiresort in den Bergen im Nordwesten Saudi-Arabiens.
Das Winter-Resort sollte mit den Asiatischen Winterspielen 2029 weltweit Aufmerksamkeit erzeugen. Doch genau diese zentrale Deadline für die Eröffnung des Resorts ist nun weggefallen – eine Entwicklung, die erst kürzlich bekannt wurde. Im Januar 2026 hiess es zunächst, die Spiele würden auf unbestimmte Zeit verschoben. Nur einen Monat später fiel die Entscheidung: Die Winterspiele gehen neu nach Almaty, der grössten Stadt Kasachstans.

Riesige Baukräne prägen die Baustelle von Trojena im Nordwesten Saudi-Arabiens. Doch im März 2026 wurden überraschend zentrale Ausbauprojekte gestoppt – ein deutlicher Hinweis darauf, wie stark das Prestigeprojekt unter Druck geraten ist.
NEOM
Im März 2026 folgte der nächste Rückschlag: Mehrere zentrale Bauaufträge wurden gestoppt, darunter milliardenschwere Infrastrukturprojekte rund um einen künstlichen See und ein komplexes Wassersystem. Besonders einschneidend ist die Kündigung eines 4,7-Milliarden-US-Dollar-Vertrags für den Bau von drei Staudämmen, einem künstlichen Hochgebirgssee und dem spektakulären Hotelprojekt «The Bow», obwohl bereits rund 30 Prozent der Arbeiten umgesetzt waren.
Damit fällt nicht nur das internationale Schaufenster weg – sondern auch die Grundlage für zentrale Teile des Projekts. Ohne festen Termin als Druckfaktor wird sich zeigen, wie belastbar Planung, Finanzierung und Umsetzung wirklich sind.
Trojena wird zum Lackmustest für NEOM: Funktioniert das Projekt auch ohne den Druck eines globalen Events? Zugleich stellt sich auch eine grundsätzliche Frage: Woran entscheidet sich künftig, welche Projekte bestehen – und welche fallen gelassen werden?
In den Fokus rückt dabei ein entscheidender Faktor: Geld. Der saudische Staatsfonds PIF finanziert den Grossteil von NEOM – gespeist vor allem durch Öleinnahmen. Doch diese schwanken zusehends. Gleichzeitig investiert und investierte Saudi-Arabien parallel Milliarden in andere Grossprojekte.
Erst Anfang 2025 ging in der Hauptstadt Riad ein komplett neues U-Bahn-System in Betrieb. Gleichzeitig nimmt Saudi-Arabien für die Fussball-WM 2034 schätzungsweise 26 bis 27 Milliarden US-Dollar allein für den Bau von Stadien und Infrastruktur in die Hand.
Das Geld ist da – aber nicht unbegrenzt. Und genau deshalb werden Projekte neu priorisiert, gebündelt oder – und das leiser – zurückgefahren.
Dabei zeichnet sich – zumindest in Ansätzen – ein neues Gesamtbild ab: NEOM ist nicht gescheitert, aber es verändert sich grundlegend.
Die grosse Vision von «The Line» verliert an Strahlkraft, während wirtschaftlich tragfähigere Projekte in den Fokus rücken. Aus dem spektakulären Zukunftstraum wird zunehmend ein Baukasten aus Vorhaben, die funktionieren müssen – nicht nur beeindrucken.
Die entscheidende Phase beginnt jetzt: Nicht mehr die Vision zählt, sondern das Resultat. Und diesmal schaut die Welt nicht nur fasziniert zu – sie wartet auf Beweise.