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Autorin stellt Liebesideal infrage «Vielleicht sind Freundschaften das zukunftsfähigere Modell als Beziehungen»
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Autorin stellt Liebesideal infrage

«Vielleicht sind Freundschaften das zukunftsfähigere Modell als Beziehungen»

«Für unser Wohlbefinden ist der direkte Austausch wichtig – gemeinsam Zeit verbringen, Gespräche führen und auch einmal Reibung zulassen»: Michelle de Oliveira.

«Für unser Wohlbefinden ist der direkte Austausch wichtig – gemeinsam Zeit verbringen, Gespräche führen und auch einmal Reibung zulassen»: Michelle de Oliveira.

Bild: Privat

Michelle de Oliveira hat einen Roman über zwei beste Freundinnen geschrieben. Im Interview spricht die blue News Kolumnistin über Freundschaft und Liebe – und warum es mit dem Alter oft schwieriger wird, neue Freund*innen zu finden.

Bruno Bötschi

Bruno Bötschi

07.06.2026, 10:17•07.06.2026, 11:28

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • In ihrem ersten Roman «Bis die Vögel nicht mehr sterben» schreibt blue News Kolumnistin Michelle de Oliveira über das Thema Freundschaft.
  • Für die Autorin, die vor viereinhalb Jahren nach Portugal ausgewandert ist, haben Vertrauen und Nähe weit mehr Gewicht als Likes und Follower*innen.
  • Michelle de Oliveira ist überzeugt, dass eine einzige echte Freundschaft wertvoller sein können als Hunderte Kontakte in sozialen Medien.
  • Zudem zeigt sie im Interview auf, weshalb Freundschaften unser Leben oft genauso stark prägen wie romantische Beziehungen.
Zusammenfassung erstellt mitmyAi

Michelle de Oliveira, hat sich während des Schreibens deines Romans «Bis die Vögel nicht mehr sterben» dein Blick auf das Thema Freundschaft verändert?

Mir ist während des Schreibens noch bewusster geworden, wie wichtig Freundschaften sind. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema hat mir vor Augen geführt, wie prägend und tragend diese Beziehungen sind.

Wie definierst du Freundschaft?

Für mich ist eine Freundin ein Mensch, der über viele Jahre hinweg konstant an meiner Seite bleibt. Es geht weniger darum, wie oft man sich sieht, sondern um Vertrauen, Verlässlichkeit und das Gefühl, füreinander da zu sein. Ich gehöre noch zu den Menschen, die von ihrer besten Freundin sprechen – auch wenn das vielleicht nicht mehr zeitgemäss wirkt.

In den sozialen Medien wird der Begriff Freund*in heute fast inflationär benutzt.

Möglicherweise lässt die Anzahl ihrer Followerinnen und Follower manche glauben, sie hätten besonders viele Freundinnen und Freunde. Reichweite in den sozialen Medien hat aber nichts mit echter Nähe zu tun. Musiker Snoop Dogg sagte einmal: «Berühmt auf Instagram zu sein, ist wie reich sein im Monopoly.» Diesen Vergleich finde ich treffend.

Auch die Wissenschaft zeigt, dass Freundschaften Zeit brauchen. Kommunikationsforscher Jeffrey Hall von der Universität Kansas untersuchte, wie viel gemeinsame Zeit Menschen verbringen müssen, um verschiedene Freundschaftsstufen zu erreichen. Laut seiner Studie braucht es über 200 gemeinsam verbrachte Stunden, bis von einer engen Freundschaft gesprochen werden kann. Mir persönlich geht es deshalb nicht darum, möglichst viele Freundinnen und Freunde zu haben, sondern möglichst gute.

Sind Kontakte in den sozialen Netzwerken richtige Freundinnen und Freunde?

Ich würde das nicht so pauschal beurteilen. Es gibt durchaus Freundschaften, die auch auf Distanz funktionieren. Seit ich mit meiner Familie vor viereinhalb Jahren nach Portugal ausgewandert bin, bin ich selbst täglich auf digitale Kanäle angewiesen, um mit meinen Freundinnen in der Schweiz in Kontakt bleiben zu können.

Trotzdem glaube ich, dass persönliche Begegnungen durch nichts zu ersetzen sind. Für unser Wohlbefinden ist der direkte Austausch wichtig – gemeinsam Zeit verbringen, Gespräche führen und auch einmal Reibung zulassen. Auch die Hirnforschung zeigt, dass uns physische Nähe oft mehr gibt als ausschliesslich digitale Kontakte.

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Bötschi fragt Barbara Bleisch

«Nur wer bereit ist zu verlieren, kann auch wirklich lieben»

Wie viele gute Freund*innen braucht ein Mensch?

Ich glaube, manchmal kann schon eine einzige gute Freundin reichen. Gleichzeitig muss aber auch nicht jede Freundschaft alles erfüllen. Die Freundinnen und Freunde, die mich seit meiner Kindheit begleiten, haben oft eine andere Bedeutung als Menschen, denen ich erst später im Leben begegnete. Deshalb glaube ich nicht, dass es auf eine bestimmte Anzahl ankommt, sondern auf die Qualität der Beziehungen.

Freundschaften folgen meist keinen festen Regeln, wie es eine Ehe tut. Macht sie das stärker – oder gerade verletzlicher?

Ich glaube, die fehlenden Regeln machen Freundschaften einerseits fragiler. Andererseits entsteht genau dadurch eine Freiheit, die ich sehr schätze. Man bleibt befreundet, weil man es möchte – nicht, weil eine gesellschaftliche Erwartung oder ein Vertrag dahintersteht.

Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass vielen Freundschaften etwas mehr Nähe guttun würde. Umgekehrt würde manchen romantischen Beziehungen vielleicht etwas mehr Freiraum nicht schaden.

Dein Roman «Bis die Vögel nicht mehr sterben» handelt von zwei Frauen, die sich seit der Kindheit kennen, aber seit einigen Jahren in unterschiedlichen Städten leben. Mira und Chloe sind einander Familie, Spiegel und Halt. Ist das der Anspruch, den man an eine*n Freund*in – und an sich selbst als Freund*in – stellen muss?

Nein, überhaupt nicht. Ich glaube nicht, dass jede Freundschaft diesen Anspruch erfüllen muss. Aber ich habe das grosse Glück, mehrere Freundinnen in meinem Leben zu haben, mit denen mich eine ähnlich tiefe Verbundenheit verbindet. Wir kennen uns seit vielen Jahren, und daraus ist ein Vertrauen entstanden. Das Schöne daran ist auch, dass man nicht gleich auseinandergeht, wenn es einmal schwierig wird oder sanfter Gegenwind aufkommt.

Während der Lektüre deines Romanes dachte ich immer wieder: Mira ist in Chloe verliebt – zumindest ist immer wieder von Eifersucht die Rede. Wahr oder nicht?

Mira bewundert Chloe sehr und fühlt sich ihr stark verbunden. Dabei zeigt sie auch gewisse Besitzansprüche – allerdings nicht aus romantischen Gefühlen heraus, sondern aufgrund der Intensität ihrer Freundschaft. Eifersucht wird oft automatisch mit romantischen Beziehungen in Verbindung gebracht. Dabei gibt es auch in Freundschaften Neid, Missgunst oder die Angst, einer wichtigen Person nicht mehr so nah zu sein wie früher. Solche Gefühle müssen nicht zwangsläufig romantisch sein.

«Wer keine Partnerin oder keinen Partner hat, wird häufig bemitleidet oder man wünscht dieser Person, dass sie bald jemanden findet»: Michelle de Oliveira.

«Wer keine Partnerin oder keinen Partner hat, wird häufig bemitleidet oder man wünscht dieser Person, dass sie bald jemanden findet»: Michelle de Oliveira.

Bild: Renato de Oliveira

Romantische Beziehungen sind meistens exklusiv, bei Freundschaften spielt das weniger eine Rolle. Was unterscheidet Liebe sonst noch von Freundschaft?

Ich würde tatsächlich sagen, dass ich meine besten Freundinnen ebenfalls liebe – einfach auf eine platonische Art. Die Bedeutung, die sie in meinem Leben haben, ist enorm. Deshalb fällt es mir gar nicht so leicht, eine klare Grenze zwischen Liebe und Freundschaft zu ziehen. Ohne Freundschaften und romantische Beziehungen gegeneinander auszuspielen, glaube ich, dass beides sehr unterschiedlich aussehen kann. So wie jede Liebesbeziehung einzigartig ist, ist auch jede Freundschaft einzigartig. In ihrer Bedeutung und Intensität können Freundschaften durchaus mit romantischen Beziehungen vergleichbar sein.

Viele der Unterschiede existieren vielleicht vor allem in unseren gesellschaftlichen Vorstellungen davon, wie Beziehungen auszusehen haben. Gleichzeitig beobachte ich, dass diese Vorstellungen zunehmend aufbrechen. Es wird heute viel offener über unterschiedliche Beziehungsformen gesprochen – etwa darüber, dass romantische Beziehungen nicht zwingend exklusiv sein müssen. Dadurch wird sichtbarer, wie vielfältig menschliche Beziehungen eigentlich sind. Das finde ich spannend.

Weshalb akzeptieren wir oft, dass Freundschaften hinter Partnerschaften zurückstehen?

Ich glaube, das ist tief in unserer Gesellschaft verankert. Noch immer wird oft angenommen, dass Menschen erst dann wirklich angekommen sind, wenn sie eine romantische Beziehung haben. Wer keine Partnerin oder keinen Partner hat, wird häufig bemitleidet oder man wünscht dieser Person, dass sie bald jemanden findet.

Umgekehrt fragt kaum jemand, ob jemand genügend enge Freundschaften hat. Dabei können die genauso prägend und erfüllend sein. Ich habe Freundinnen in meinem Umfeld, die keine romantische Beziehung haben, damit sehr glücklich sind und nichts ändern möchten. Sie sagen: Ich habe alles, was ich brauche.

Eine exklusive romantische Beziehung hat durchaus einen hohen Preis: Man darf keinen anderen Menschen mehr anschauen. Glauben deshalb viele, sie hätte einen höheren Wert?

Ja, vielleicht spielt das eine Rolle. Exklusivität wird oft als etwas besonders Wertvolles wahrgenommen. Gleichzeitig ist auch die Vorstellung, dass man sich in einer romantischen Beziehung ausschliesslich auf eine Person konzentrieren sollte, ein gesellschaftliches Konstrukt.

Historisch hatte diese Exklusivität soziale und wirtschaftliche Gründe und bot vielen Menschen Sicherheit. Heute werden solche Vorstellungen zunehmend hinterfragt. Mit der angestrebten Gleichstellung der Frauen und neuen Formen des Zusammenlebens verändert sich auch unser Blick auf Beziehungen. Solche Entwicklungen brauchen allerdings Zeit.

Ich möchte romantische Beziehungen nicht abwerten – im Gegenteil, ich führe selbst eine sehr glückliche Partnerschaft. Mir geht es vielmehr darum, dass wir andere wichtige Beziehungen, insbesondere Freundschaften, nicht automatisch als weniger wertvoll betrachten. Für mich muss die romantische Beziehung nicht immer über allem stehen.

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«Weihnachten ist nicht das Problem»

Einsamkeit begleitet viele Menschen das ganze Jahr

Wieso behält die romantische Liebe trotz der vielen Trennungen – in der Schweiz werden gegen 40 Prozent aller Ehen geschieden – ihren Sonderstatus?

Das hat verschiedene Gründe. Einerseits sind romantische Beziehungen und Ehen gesellschaftlich und rechtlich nach wie vor besonders privilegiert. Erst kürzlich habe ich von einem Paar gelesen, das vor allem aus bürokratischen Gründen geheiratet hat, weil vieles staatlich einfacher geregelt ist und man sich zahlreiche Verträge sparen kann.

Dazu kommt, dass mit Kindern oft eine zusätzliche Verantwortung entsteht, die in Freundschaften in den meisten Fällen keine Rolle spielt. Solche Bindungen haben deshalb auch eine soziale und vielleicht sogar evolutionsbiologische Dimension. Trotzdem glaube ich nicht, dass romantische Beziehungen allein der Schlüssel zum Glück sind.

Sind Freundschaften unter Umständen das zukunftsfähigere Modell als romantische Beziehungen?

Vielleicht schon. Zumindest glaube ich, dass wir künftig stärker darüber nachdenken werden, wie wir unser Leben auch ausserhalb des klassischen Familienmodells gestalten können. Nicht jeder Mensch lebt in einer romantischen Zweierbeziehung mit Kindern, und trotzdem brauchen sie oder er Nähe, Verlässlichkeit und Gemeinschaft. Freundschaften können dabei eine wichtige Rolle spielen.

Wir sprechen viel über Partnerschaft, aber immer mehr Menschen fühlen sich einsam. Wird die Bedeutung von Freundschaften unterschätzt?

Im Moment wird viel über die sogenannte Datingkrise gesprochen. Gleichzeitig zeigen Umfragen, dass junge Menschen gar nicht mehr unbedingt den Wunsch nach einer klassischen Partnerschaft oder eigenen Kindern haben. Das nimmt auch etwas Druck von der Vorstellung, unbedingt eine romantische Beziehung finden zu müssen.

Spannend finde ich auch, dass viele Menschen – gerade aus der Generation Z – davon berichten, Mühe zu haben, enge Freundschaften aufzubauen. Vor Kurzem veröffentlichte die TikTokerin Ronja Elisabeth ein Video, das mich berührt hat. Darin sagt sie: «Ich habe Zimtschnecken gebacken – und irgendwie sind es genau solche kleinen Dinge, die mich daran erinnern, wie einsam ich eigentlich bin.» Später erzählt die 25-Jährige: «Wenn ich morgen heiraten würde, wüsste ich nicht, wen ich einladen soll. Ich habe keine Freunde. Also nicht so richtig. Niemanden beste-Freundin-mässig.»

@ronjaaelisabeth Mhh #alleine #alleineinden20s #girlhood #keinefreunde ♬ origineel geluid - Vinyls

Mit ihrer Offenheit traf Ronja offensichtlich einen Nerv. Ihr Video ging sofort viral.

Die TikTokerin zeigt, dass Einsamkeit heute nicht nur mit fehlenden romantischen Beziehungen zu tun hat. Offenbar fällt es vielen Menschen auch schwer, enge Freundschaften zu finden und zu pflegen. Vielleicht unterschätzen viele von uns tatsächlich die Bedeutung von Freundschaften. Online-Dating ist längst etabliert, aber kaum jemand sagt: «Ich wünsche mir Freundinnen und Freunde und mache mich jetzt aktiv auf die Suche danach.»

Hat sich dein Umgang mit Freundschaften durch den Umzug nach Portugal verändert?

Ja. Meine engsten Freundinnen leben alle in der Schweiz. Das bedeutet viele Sprachnachrichten, Telefonate und digitale Kontakte. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass ich mich bewusst darum bemühen muss, an meinem neuen Wohnort Beziehungen aufzubauen und Menschen kennenzulernen.

Dabei realisiere ich immer wieder, dass ich mit den Jahren auch etwas wählerischer geworden bin. Zeit ist für mich wertvoll, und ich verbringe sie lieber mit Menschen, die mir wirklich etwas geben. Das hat auch dazu geführt, dass es länger dauerte, in Portugal neue Freundschaften zu knüpfen. Umso schöner ist es, wenn man Menschen findet, bei denen man spürt: Mit euch möchte ich wirklich Zeit verbringen.

Ehrlich gesagt, ich gehe heute lieber zwei Stunden mit meinem Hund am Meer spazieren, als eine Stunde mit jemandem zu verbringen, bei dem ich merke, dass die Verbindung nicht wirklich da ist …

… oder du setzt dich an den Schreibtisch und schreibst einen Roman über Freundschaft.

Genau.

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Kolumne

Darum fällt es mir schwer und schwerer, neue Freunde zu finden

Wann ist der Moment gekommen, in dem man eine Freundschaft auch einmal beenden muss?

Oft lassen sich Freundschaften eher ausschleichen, als dass man sie bewusst beenden muss. Bei mir gab es aber tatsächlich einmal eine freundschaftliche Beziehung, bei der ich aktiv entschieden habe, dass sie für mich nicht mehr stimmt. Aus meiner Sicht war das Vertrauen verloren gegangen – und ohne Vertrauen funktioniert eine Freundschaft für mich nicht.

Spannend war, dass ich diese Freundschaft damals mit einem Brief beendet habe. Das wirkt heute vielleicht etwas ungewöhnlich. Aber weil uns einmal eine sehr enge Freundschaft verbunden hatte, wollte ich ihr auch einen bewussten und respektvollen Abschluss geben.

Wieso hast du einen Roman über Freundschaft geschrieben?

Meine beste Freundin sagte in einer Sprachnachricht am Ende: «Ich wüsste nicht, was ich ohne dich tun würde.» Und ich dachte: «Mir geht es genauso.» Dieser Gedanke liess mich nicht mehr los, drehte weiter in meinem Kopf und viele Fragen zu unserem Umgang mit Freundschaft tauchten auf. Plötzlich wusste ich: Darüber will ich eine Geschichte schreiben.

Gibt es noch irgendetwas, was die Leser*innen wissen sollten, bevor sie deinen Roman lesen?

In romantischen Beziehungen sprechen wir Wertschätzung oft ganz selbstverständlich aus. Bei Freundschaften tun wir das vielleicht etwas seltener. Deshalb würde ich mich freuen, wenn Menschen das Buch am Ende zuklappen und danach ihre beste Freundin oder ihren besten Freund anrufen und einfach sagen: «Hey, ich finde dich grossartig.»


«Bis die Vögel nicht mehr sterben», Michelle de Oliveira,  220 Seiten, Pano Verlag, ca. 22.90 Franken


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