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Die Protagonistin von «Yesteryear» ist lose von Tradwife-Influencerin Hannah Neeleman inspiriert.
Heyne Verlag, Screenshot Instagram; Montage blue News
Eine Tradwife-Influencerin landet plötzlich im Jahr 1855 – und erlebt am eigenen Leib jene Vergangenheit, die sie auf Instagram romantisiert. Mit «Yesteryear» hat Caro Claire Burke den Bestseller des Sommers geschrieben.
Als Natalie Heller Mills aufwacht, greift sie statt zu ihrem Smartphone ins Leere. Auch das Wasser läuft nicht mehr, es gibt keinen Strom, gekocht wird über dem Feuer, die Wäsche schrubbt Natalie am Brett, bis die Finger bluten. Und der Mann, der eben noch ihr fotogener Cowboy war, schlägt und vergewaltigt sie. Die Tradwife-Influencerin, die Millionen ein perfektes Hofleben vorspielte, ist über Nacht in genau jener Vergangenheit gelandet, die sie online romantisiert hat: im Jahr 1855.
«Yesteryear» der US-amerikanischen Autorin Caro Claire Burke ist das Buch dieses Sommers – seit Wochen steht es auf den Bestsellerlisten. «Kulturell relevant, witzig und interessant», sagt eine TikTokerin. «Einen genial bösen Roman über das Phänomen der Tradwives», schreibt die «Zeit».
Der Begriff Tradwife, Kurzform für «traditional wife», beschreibt Frauen, die online ein Leben als Ehefrau, Mutter und Hausfrau inszenieren. Ihr Content gibt traditionalistische, antifeministische und gender-essentialistische Narrative weiter – die Frau gehört ins Haus, der Mann führt, Geschlechterrollen sind biologisch.
Die Protagonistin in «Yesteryear», Natalie, passt genau in das Schema: Sie ist tiefreligiös, Mutter von fünf Kindern und schwanger mit dem sechsten. Feministinnen, die ihren Lebensstil kritisieren, nennt sie «wütende Weiber». Die Kinder werden zu Hause unterrichtet.
Doch die Autorin Burke macht aus Natalie keine einfache und naive Mitläuferin. Die Szenen wechseln regelmässig zwischen Vergangenheit und Gegenwart und die Leser*innen erfahren, wie Natalie überhaupt der Person und Tradwife-Influencerin wurde, die sie ist.
Sie hat in Harvard Religionswissenschaft studiert, bevor sie das Studium für Ehe und Mutterschaft abbrach, ist intelligent und kalkulierend – eine Frau, die ihr Tradwife-Bild bewusst konstruiert, Schürzen und Schneidebretter verkauft und ihre Millionenfollowerschaft mit einer Mischung aus Verachtung und ökonomischem Kalkül bei der Stange hält. Das traditionelle Frauenbild ist weniger gelebte Überzeugung als Produkt.
Natalie ist lose an die tatsächliche Tradwife-Influencerin Hannah Neeleman angelegt. Auf Instagram heisst Neeleman «Ballerinafarm» – wie auch die Farm, auf der die 36-Jährige mit ihrem Mann und ihren neun Kindern im US-Bundesstaat Utah wohnt. Der Name spielt auf Neelemans früheres Leben als ausgebildete Ballerina an der Juilliard School an, bevor sie das Tanzen für das Farm- und Familienleben aufgab. Heute ist die Ballerina Farm ein Unternehmen mit Dutzenden Angestellten, das Sauerteig-Starter, Mehl, Fleisch und Proteinpulver verkauft.
Auf ihrem Instagram-Account sieht man Neeleman, wie sie backt und kocht, den Hofladen aufstockt, bei den Hühnern Eier holt. Im Gegensatz zu Natalie aus «Yesteryear» behält sie ihr Innenleben dabei aber ziemlich für sich.
Natalie gibt im Roman durch inneren Monolog sehr viel von sich preis. Dabei bleibt vor allem eins: Wie unglaublich unsympathisch sie ist. Natalie bedankt sich beispielsweise bei Gott dafür, auf Instagram fünf Millionen Follower geknackt zu haben, und nennt eine andere Frau kurz darauf eine «dumme Fotze». Selbst spricht sie von sich nicht als Tradwife, sondern nennt sich ein «All-American-Dream-Girl», deren grösstes Talent die Perfektion sei. Sie sieht sich als die Mutter, die jede Frau sein wolle, und als die Frau, von der sich jeder Mann wünsche, dass sie zu Hause auf ihn warte. «Wie eine Nonne in einem Porno – völlig abwegig, aber bei Gott, es funktionierte», so Natalie.
Die Satire, mit der sich «Yesteryear» mit Tradwifes auseinandersetzt, ist damit von Anfang an gesetzt – und macht den Roman leicht und unterhaltsam. Dieser Umgang mit einem so aktuellen und polarisierenden Thema ist sicher Teil seines Erfolgsrezepts. Ein weiterer Grund könnte die Medienaffinität der Autorin sein.
Hinter «Yesteryear» steht ein Debüt. Caro Claire Burke sagt, sie sei eher zufällig auf die Idee gekommen: Im Winter 2024 habe sie sich aus Langeweile TikTok heruntergeladen und sei dort auf die Tradwife-Welt gestossen, die sie sofort als Schnittpunkt fast aller Debatten über Weiblichkeit erkannte. Den ersten Entwurf schrieb sie in rund acht Wochen, frühmorgens vor der Arbeit. Dass der Roman die Mechanik von viralem Content so genau kennt, kommt nicht von ungefähr: Burke hat nach eigener Aussage jahrelang Clickbait für Content-Plattformen geschrieben, bevor sie zur Romanautorin wurde.
So ist «Yesteryear» auch in der Vermarktung in den sozialen Medien allgegenwärtig, befeuert durch Burkes eigene Reichweite über ihren Popkultur-Podcast «Diabolical Lies». Auch die Filmrechte waren bereits verkauft, bevor das Buch erschien – Anne Hathaway produziert und spielt die Hauptrolle.
Doch bei allem Erfolg: Der lockere Ton, der «Yesteryear» so gut konsumierbar macht, ist zugleich seine Grenze. So kritisiert beispielsweise der «Spiegel», dass der Roman dem politischen Ernst seines Stoffs nicht gewachsen sei – die harten gesellschaftspolitischen Themen, die im Tradwife-Lifestyle steckten, würden zu seicht behandelt. «So richtig nachgehallt hat es bei mir nicht», so die Rezensentin.
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Ähnlich schreibt der «Atlantic» über die englische Originalfassung, das Buch sei «gar nicht die vernichtende Kritik an Influencerinnen mit vorgetäuschter Tradition, als die es vermarktet wurde». Vielmehr handle es sich um die Charakterstudie einer Frau, die von der einzigen Macht korrumpiert werde, die auszuüben sie sich selbst zutraue.
Auf unzähligen Sommer-Leselisten bleibt ‹Yesteryear› wohl trotzdem – oder genau darum.
Caro Claire Burke: Yesteryear. Aus dem amerikanischen Englischen von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn. Heyne Verlag, 2026. 464 Seiten.