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Ferien sind ein Kommunikationslabor: Wer dominiert ein Gespräch? Die Wissenschaft kommt zu überraschenden Ergebnissen.
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Ferien bringen Menschen stundenlang zusammen: im Auto, am Strand, beim Abendessen. Dabei entsteht schnell der Eindruck, eine Person rede «ständig». Die Forschung zeigt aber: Unser Gefühl dafür, wer wie viel spricht, ist erstaunlich ungenau – besonders wenn Frauen beteiligt sind.
«Sind wir bald da?» «Hast du die Pässe?» «Denk an die Sonnencrème.» Kaum beginnen die Ferien, verbringt man plötzlich deutlich mehr Zeit miteinander als sonst. Beim Nachtessen versucht jemand, mit Fragen oder neuen Themen das Gespräch am Laufen zu halten, eine andere Person schweigt oder antwortet nur knapp. Nicht selten fällt schon nach wenigen Stunden ein Satz, den die Wissenschaft seit Jahrzehnten untersucht: «Du redest aber viel.» Oder: «Jetzt sag doch auch mal was.»
Tatsächlich täuschen wir uns erstaunlich oft darin, wer ein Gespräch dominiert. Psychologische Studien zeigen: Unser Gefühl dafür, wer wie viel spricht, ist alles andere als objektiv. Gerade Ferien sind deshalb ein Kommunikationslabor.
Ob im Auto Richtung Süden, beim Abendessen auf der Terrasse oder während einer langen Wanderung: Wer hält das Gespräch am Laufen? Wer wechselt das Thema? Wer hört vor allem zu? Und wer gilt am Ende als die Person, die «mehr» redet?
Hartnäckig hält sich bei dieser Frage das Klischee, Frauen würden deutlich mehr reden als Männer. Es kursieren Zahlen von 20'000 Wörtern pro Tag bei Frauen gegenüber nur 7000 bei Männern. Die Botschaft scheint eindeutig. Frauen reden fast dreimal so viel. Dazu passt das alte Sprichwort: «Ein Mann, ein Wort, eine Frau, ein Wörterbuch».
Die wissenschaftlichen Daten kommen zu einem anderen Ergebnis. Bereits 2007 untersuchte ein Forschungsteam um den Psychologen Matthias Mehl mit mobilen Aufnahmegeräten, wie viele Wörter Menschen im Alltag tatsächlich sprechen.
Frauen kamen durchschnittlich auf 16'215 Wörter pro Tag, Männer auf 15'669. Der Unterschied von 546 Wörtern: statistisch unbedeutend. Fast zwei Jahrzehnte später wollten die Forschenden wissen, ob sich das Bild bestätigt. Die bislang grösste Untersuchung dieser Art erschien Anfang 2025. Die Studienleitenden analysierten hunderttausende zufällig aufgezeichnete Gesprächsausschnitte von über 2000 Personen.
Das Resultat: Frauen sprachen etwas mehr als Männer, durchschnittlich 13'349 Wörter pro Tag gegenüber 11'950 bei Männern. Die individuellen Unterschiede waren allerdings riesig. Manche Menschen sprachen kaum, andere mehr als 120'000 Wörter pro Tag.
Bei den 25- bis 64-Jährigen sprachen Frauen im Schnitt rund 3000 Wörter mehr pro Tag als Männer. Bei Jugendlichen, jungen Erwachsenen und älteren Menschen zeigte sich dieser Unterschied nicht deutlich.
Die Studie kann nicht abschliessend klären, weshalb gerade diese Lebensphase auffällt. Die Forschenden halten aber eine soziale Erklärung für plausibel: Zwischen Mitte zwanzig und dem Rentenalter bündeln sich häufig Beruf, Partnerschaft, Kinder, Angehörigenbetreuung, Haushalt und soziale Organisation. Vieles davon wird über Sprache koordiniert.
In öffentlichen und beruflichen Situationen zeigt die Forschung interessanterweise oft das Gegenteil. Das zeigt eine Metaanalyse der Psychologen Campbell Leaper und Melanie Ayres, die zahlreiche Studien zum Sprachverhalten Erwachsener zusammenfasste.
Während Frauen in privaten oder beziehungsorientierten Gesprächen teilweise etwas gesprächiger sind, beanspruchen Männer in formellen, öffentlichen oder statusbezogenen Situationen häufiger den Gesprächsraum. Dazu gehören Sitzungen, politische Diskussionen oder andere Kontexte, in denen Sprache mit Status verbunden ist.
Dass sich solche Muster bereits in kleinen Verhaltensweisen zeigen, macht eine Untersuchung von Alecia Carter und ihrem Forschungsteam deutlich. Die Wissenschaftler*innen beobachteten fast 250 akademische Seminare in zehn Ländern und werteten Umfragen von mehr als 600 Forschenden aus 20 Ländern aus.
Fazit: Frauen stellten nach Vorträgen deutlich seltener Fragen als Männer, obwohl beide Geschlechter im Publikum etwa gleich stark vertreten waren. Als Gründe nannten viele Frauen häufiger Unsicherheit oder die Sorge, eine unpassende Frage zu stellen.
Eine ältere Übersichtsarbeit wertete 56 Studien aus. Nur zwei fanden, dass Frauen mehr sprechen als Männer, 34 kamen zum gegenteiligen Schluss, 16 fanden keinen Unterschied. Entscheidend war weniger das Geschlecht als der soziale Kontext. Gerade in formellen oder öffentlichen Situationen spricht häufig die Person mit dem höheren Status.
Eine Studie zu gemischten Diskussionsgruppen zeigt, wie stark weibliche Beteiligung von den Rahmenbedingungen abhängt. Sind Frauen in einer Gruppe in der Minderheit, beteiligen sie sich seltener und haben weniger Einfluss auf die Diskussion. Ändern sich Gruppenzusammensetzung oder Entscheidungsregeln, verändert sich auch die Beteiligung.
Das hat unmittelbare Folgen für die Wahrnehmung und den Einfluss einer Person: Wer häufiger spricht, vermittelt nicht nur Informationen, sondern setzt Themen, lenkt Diskussionen und wird eher als kompetent oder führungsstark wahrgenommen.
Ob Menschen diesen Gesprächsraum tatsächlich einnehmen, hängt auch von den Erwartungen ihres Umfelds ab. Die Politikwissenschaftlerin Victoria Brescoll untersuchte, wie sich Macht auf das Kommunikationsverhalten auswirkt.
Männer in mächtigen Positionen sprechen im Durchschnitt deutlich mehr als Männer ohne vergleichbare Machtposition. Bei Frauen zeigte sich dieser Zusammenhang wesentlich schwächer. Brescoll erklärt das unter anderem damit, dass Frauen eher mit negativen Reaktionen rechnen müssen, wenn sie viel Gesprächsraum einnehmen.
Dieses Dilemma wird als Double Bind beschrieben: Frauen sollen kompetent auftreten und sich einbringen, werden aber schneller als dominant, anstrengend oder zu präsent bewertet, wenn sie genau das tun.
Damit kommt die Forschung zur nächsten Frage: Wenn Frauen nicht grundsätzlich mehr sprechen und Männer in vielen formellen Situationen sogar häufiger den Gesprächsraum beanspruchen, warum hält sich dann der Eindruck so hartnäckig, Frauen redeten viel mehr?
Eine relevante Arbeit dazu stammt von Anne Cutler und Donia Scott aus dem Jahr 1990. Die Forscherinnen liessen Versuchspersonen Dialoge beurteilen. Das Ergebnis: In gemischten Gesprächen wurden weibliche Beiträge als länger wahrgenommen als männliche, obwohl die tatsächlichen Redeanteile kontrolliert waren.
Eine mögliche Erklärung: Das Gehirn registriert Gespräche nicht wie eine Stoppuhr. Neben der Redezeit fliessen auch Erwartungen, Rollenbilder und soziale Normen in unsere Wahrnehmung ein. Wenn männliches Reden in vielen öffentlichen Situationen als normal gilt, kann eine Frau mit ähnlichem Redeanteil stärker auffallen.
In sozialen Medien kursiert dazu eine etwas zugespitzte Version: Frauen müssten in einer gemischten Runde nur rund 15 Prozent der Redezeit übernehmen, damit Männer das Gespräch bereits als ausgeglichen empfänden, bei 30 Prozent wirkten sie angeblich dominant. Diese Zahlen stammen allerdings aus keiner überprüfbaren Studie.
Für Ferien, Familien und Paarbeziehungen ist also wichtig: Nicht jedes Reden hat dieselbe Funktion. Wer an Badetücher, Medikamente, Tickets, Reservationszeiten oder Mückenspray denkt, muss diese Dinge oft auch aussprechen. Sprache wird dann zur Organisationsarbeit.
Das erklärt, weshalb dieselbe Wortzahl unterschiedlich wirken kann. Eine Person kann viel sprechen und wenig entscheiden. Eine andere kann wenig sprechen und den Verlauf eines Gesprächs bestimmen.
Die Forschung zeichnet deshalb ein komplexeres Bild als viele Klischees. Ob jemand viel spricht, hängt von Alter, Situation und sozialer Rolle ab. Und ob jemand als Vielredner oder Vielrednerin wahrgenommen wird, ist nochmals eine andere Frage. Der Satz «Du redest aber viel» sagt deshalb oft ebenso viel über unsere Wahrnehmung aus wie über die tatsächliche Redezeit.