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Ein Model präsentiert eine Kreation von Prabal Gurung an der New York Fashion Week. Auf vielen Laufstegen dominieren derzeit wieder extrem schlanke Körper – parallel zum Boom von Abnehmspritzen. (Archiv)
Mary Altaffer/AP/dpa
Der Druck auf den perfekten Körper schien zuletzt kleiner zu werden. Body Positivity und mehr Diversität rückten unterschiedliche Körperformen ins öffentliche Bewusstsein. Mit dem Boom von Abnehmspritzen kehrt nun ein altes Ideal zurück.
Noch vor wenigen Jahren schien sich das Schönheitsideal zu verschieben. Body Positivity, mehr Diversität in der Modebranche und Curvy-Models machten unterschiedliche Körperformen sichtbarer. Gewicht wurde plötzlich nicht mehr nur mit Disziplin erklärt, sondern auch mit Genetik, Hormonen oder psychischer Gesundheit.
Mit dem Boom von GLP-1-Medikamenten wie Wegovy, Mounjaro oder Ozempic – den sogenannten Abnehmspritzen – verschiebt sich diese Debatte. Der extrem schlanke Körper ist zurück: auf roten Teppichen, in den sozialen Medien, in der Mode- und Beautywelt. Von Oprah Winfrey über Serena Williams bis Elon Musk sprechen zahlreiche Prominente offen über ihre Nutzung von GLP-1.
«GLP-1-Look» nennt es ein Arzt im «Guardian»: schneller Gewichtsverlust, eingefallene Wangen, weniger Körpervolumen. Der Trend verbindet sich mit anderen Beautyeingriffen wie dem sogenannten «Buccal Fat Removal» – einem operativen Eingriff, bei dem Fettpolster aus den Wangen entfernt wird. Damit entsteht eine neue Ästhetik von sehr schmalen Gesichtern mit markanten Knochenstrukturen.
Die Rückkehr des dünnen Ideals trifft nun also ausgerechnet auf eine Bewegung, die jahrelang versucht hat, Körper von moralischer Bewertung zu lösen. Body Positivity wollte sagen: Ein Körper muss nicht schlank sein, um respektiert zu werden. Diese Botschaft gerät nun wieder unter Druck.
Gleichzeitig gelten GLP-1-Präparate für viele Fachleute als medizinischer Durchbruch. Studien zeigen deutliche Gewichtsverluste bei Menschen mit Adipositas oder Diabetes, viele Betroffene berichten von stark verbesserter Lebensqualität.

«Wegovy», «Ozempic» und «Mounjaro» heissen Spritzen gegen Übergewicht und zur Behandlung von Typ-2-Diabetes. (Archivbild)
Jens Kalaene/dpa
Die WHO bezeichnet Adipositas inzwischen als chronische Erkrankung, die umfassende Behandlung braucht – nicht bloss «mehr Willenskraft». Für viele Betroffene ist das eine enorme Erleichterung, weil Gewicht verlieren nicht mehr permanent mit Hunger und Selbstkontrolle verbunden ist.
Die gesellschaftliche Diskussion dreht sich inzwischen aber zunehmend um die Lifestyle- und Ästhetiknutzung der Präparate. Immer mehr Menschen möchten nicht medizinisch behandelt werden, sondern «einfach ein paar Kilo» verlieren, um einem bestimmten Körperideal näherzukommen.
Damit rückt ein Schönheitsideal wieder stärker in den Vordergrund, das lange als überholt galt: extreme Schlankheit. Dabei ist Dünnsein als gesellschaftliches Ideal historisch sogar relativ neu. Über Jahrhunderte galten weibliche Körper mit mehr Fettreserven in vielen Kulturen als attraktiv, gesund und wohlhabend.
Erst im 20. Jahrhundert wurde extreme Schlankheit durch Mode, Hollywood und Popkultur zunehmend zum dominierenden Frauenideal – von Twiggy bis zum «Heroin Chic» der 1990er-Jahre.
Der Wunsch, den eigenen Körper zu «optimieren», begleitet Gesellschaften seit Jahrzehnten – und beschränkt sich längst nicht auf das Gewicht. Menschen verändern ihr Aussehen mit Diäten, Fitnessprogrammen oder kosmetischen Eingriffen. Gerade Frauen stehen dabei historisch unter besonderem Druck.
Forschende weisen seit Jahren darauf hin, dass Schönheitsnormen Frauen gesellschaftlich deutlich stärker unter Druck setzen als Männer. Rund um diese Unsicherheiten ist ein milliardenschwerer Markt entstanden. Beauty-, Fitness- und Wellnessunternehmen leben davon, immer neue Möglichkeiten der Selbstoptimierung zu verkaufen.
Der weibliche Körper soll möglichst jung, schlank, glatt, fit und gleichzeitig «natürlich» wirken. Falten, Cellulite oder graue Haare gelten schnell als Zeichen des Alterns oder als mangelnde Selbstpflege. Botox, Hyaluron, Haarfärbemittel oder ästhetische Eingriffe sind deshalb für viele längst Teil des Alltags geworden.
Mit jedem neuen Eingriff, jeder neuen Behandlung und jedem neuen Beautytrend verschieben sich aber auch die gesellschaftlichen Erwartungen. Was früher als normal galt, gilt plötzlich als verbesserungswürdig.
Hier sehen Fachleute denn auch die Brisanz von GLP-1. Nie zuvor liess sich Gewicht in vergleichsweise kurzer Zeit so sichtbar verändern. Wenn immer mehr Menschen innerhalb weniger Monate stark abnehmen, verändert das automatisch auch die Wahrnehmung dessen, was als «normal» gilt.
Betroffen sind nicht nur Menschen, die ohnehin unter Schönheitsnormen leiden. Auch Personen mit sogenannten Normkörpern geraten zunehmend in Vergleichsdynamiken. Was technisch machbar wird, entwickelt sich gesellschaftlich oft rasch zu einer neuen Erwartung.
Ironischerweise funktionieren Schönheitsideale aber gerade deshalb, weil sie nie vollständig erreichbar sind. Wird extreme Schlankheit durch Medikamente leichter erreichbar, verschiebt sich das Ideal womöglich erneut – hin zu noch schmaleren Körpern oder anderen Merkmalen, mit denen sich Menschen voneinander abgrenzen.
Die Sorge vieler Expert*innen richtet sich also nicht gegen die Medikamente oder ihre Nutzer*innen, sondern gegen die Strukturen, die den Wunsch nach Dünnsein überhaupt erst auslösen. Wo extreme Schlankheit wieder stärker sichtbar wird, wachsen oft auch Unsicherheit und permanenter Körpervergleich.
Dass es bei der Debatte längst nicht mehr «nur» um Gewichtsverlust geht, zeigt eine neue Studie der Arizona State University. Die Forschenden beschreiben GLP-1-Medikamente als «soziale Technologie, die Körperbilder, Identitäten und gesellschaftliche Normen verändert» und warnen: «GLP-1-Medikamente haben extrem komplexe soziale und psychologische Auswirkungen.»
In der internationalen Untersuchung beobachteten die Autor*innen, dass die Bilder und Schönheitsideale, mit denen eine Gesellschaft täglich konfrontiert ist, die Selbstwahrnehmung vieler Menschen stark beeinflussen. Manche nehmen als Folge hohe Kosten oder starke Nebenwirkungen in Kauf, um diesem Ideal näherzukommen.
Wie widersprüchlich die Entwicklung ist, zeigt sich besonders beim Umgang mit GLP-1-Medikamenten selbst. Während viele Nutzer*innen erstmals weniger ständige Gedanken ans Essen oder ein entspannteres Verhältnis zum eigenen Körper beschreiben, wächst gleichzeitig die Sorge vor neuen gesellschaftlichen Erwartungen rund um Schlankheit.
Besonders kritisch sehen die Wissenschaftler*innen die zunehmende Vermarktung von GLP-1 als Lifestyle-Produkt für rein kosmetische Zwecke. Beautyunternehmen würden gezielt Unsicherheiten rund um Gewicht und Attraktivität ansprechen.
Die Forschenden beobachten, dass Gewichtsstigmatisierung paradoxerweise zunehmen und die Medikamente Essstörungen verstärken könnten. Einige Patient*innen hätten während der Einnahme erstmals überhaupt eine Essstörung entwickelt.
Hinzu kommt, dass manche Menschen Dosierungen entgegen medizinischen Empfehlungen anpassen oder die Medikamente ohne ärztliche Begleitung nutzen. Fachleute sehen darin zusätzliche Risiken.
Besonders heikel sei, dass die Medikamente Hunger unterdrücken – also genau jenes Körpersignal, das Betroffene in Therapien wieder bewusst wahrnehmen lernen sollen.
Diese Ambivalenz rund um GLP-1 macht die Debatte komplex. Für manche bedeuten die Medikamente mehr Freiheit im Umgang mit Essen und dem eigenen Körper, für andere wächst damit der Druck, einem immer schmaleren Ideal entsprechen zu müssen.
Wie stark der neue Schlankheitsboom bereits Schönheitsideale verändert, zeigt sich inzwischen sogar im Gesicht. Unter dem Begriff «Ozempic Face» werden eingefallene Gesichtszüge, schmalere Wangen und lockerer wirkende Haut nach starkem Gewichtsverlust diskutiert.
Ärzt*innen betonen zwar, dass nicht das Medikament selbst das Gesicht verändert, sondern die schnelle Abnahme von Fettgewebe. Sichtbar ist der Effekt trotzdem.
Rund um GLP-1 entsteht deshalb bereits ein neuer Markt, laut «Vogue» einzig und allein auf die «Ozempic Era» ausgerichtet: Beauty-Behandlungen, Nahrungsergänzungsmittel, Hautpflegeprodukte und ästhetische Eingriffe sollen die unerwünschten Veränderungen durch den Gewichtsverlust wieder ausgleichen.
Die Optimierungsspirale dreht sich weiter.
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