Fehler gefunden?
Jetzt melden
Der Large Hadron Collider (LHC) am Cern in Genf ist der grösste Teilchenbeschleuniger der Welt.
KEYSTONE
Seit Ende Juni ist der grösste Teilchenbeschleuniger der Welt planmässig abgeschaltet – ein Routinestopp für den Umbau. Auf Tiktok machen seither haltlose Verschwörungserzählungen die Runde.
Am Cern in Genf steht der grösste Teilchenbeschleuniger der Welt, der Large Hadron Collider (LHC). Am 29. Juni wurde er abgestellt: Das Cern will ihn in den nächsten rund vier Jahren umbauen und aufrüsten, um die Chance auf neue physikalische Entdeckungen zu steigern.
Genau diese Routine-Abschaltung nehmen nun einige zum Anlass für teilweise sehr absurde Behauptungen. In zahlreichen Videos, die seit der Abschaltung auf Plattformen wie Tiktok zirkulieren, überbieten sie sich gegenseitig.
So raunt eine Nutzerin beispielsweise, die «Matrix» funktioniere nicht mehr, seit der Beschleuniger stillstehe. Andere wollen beobachtet haben, dass die Vögel seither lauter zwitschern, und wieder andere berichten von einem veränderten Zeitgefühl. Einzelne dieser Videos zählen Tausende Aufrufe, die Kommentarspalten sind voll mit Zustimmung und angeblich eigenen Beobachtungen.
Dass ausgerechnet das Cern zur Projektionsfläche wird, hat Geschichte. Schon vor der Inbetriebnahme des LHC im Jahr 2008 fürchteten manche, die Anlage könnte schwarze Löcher erzeugen und die Erde verschlucken – es gab sogar eine Klage beim Europäischen Gerichthof dagegen. Und als das Cern 2012 die Entdeckung des Higgs-Bosons bekannt gab, verlieh dessen Spitzname «Gottesteilchen» der Teilchenphysik einen quasi-religiösen Klang, den sie nie mehr ganz losgeworden ist.
In Verschwörungskreisen kursieren seither Erzählungen über «Portale» und «andere Dimensionen», die am Cern angeblich geöffnet würden. Auch in der Popkultur, etwa in Dan Browns Roman «Illuminati», dient das Forschungszentrum als Kulisse für dunkle Machenschaften.
Beim Cern kennt man das. «Verschwörungstheorien tauchen regelmässig auf und verschwinden wieder», schreibt eine Sprecherin auf Anfrage. Sie erklärt dies damit, dass sich die Arbeit des Cern mit grundlegenden Fragen beschäftige, die Experimente ein enormes Ausmass hätten und das Cern eben öfter in Science-Fiction-Stoffen vorkomme. «Eine solche Präsenz und dieser Erfolg ziehen unweigerlich Verschwörungstheorien nach sich.» Auch die aktuellen Erzählungen kennt und beobachtet man.

Der Physiker Peter Higgs vor einer Aufnahme des Teilchenbeschleunigers. Für seine Theorie zum Higgs-Boson erhielt er 2013 den Physiknobelpreis.
EPA
Die Einschätzung bestätigt auch Relinfo, die kirchliche Fachstelle für Religionen, Sekten und Weltanschauungen. «Am Cern wird mit Teilchen, Energien und physikalischen Vorgängen gearbeitet, die für die meisten Menschen nicht unmittelbar beobachtbar oder verständlich sind», schreiben die Leitenden der Fachstelle Nona Poghosyan und Georg Schmid auf Anfrage von blue News. «Solche Wissenslücken können mit spekulativen oder mystischen Deutungen gefüllt werden.» Vergleichbar seien etwa die Verschwörungserzählungen zum Mobilfunkstandard 5G.
Dass an den jetzigen Verschwörungstheorien zum Cern nichts dran ist, verrät schon die Grundannahme: Der Teilchenbeschleuniger war bisher nicht einfach pausenlos in Betrieb, sondern wurde schon mehrmals abgestellt. Typischerweise wird er nach rund drei Betriebsjahren für längere Umbau- und Wartungsarbeiten stillgelegt – zuletzt 2013 und 2019. Auch in den Wintermonaten steht die Anlage jeweils mehrere Monate still, und kürzere Unterbrüche für Wartungen gehören zum Normalbetrieb.
Die übrigen Behauptungen sind solche, für die es schlicht keinen Beleg gibt. Wer sich auf das eigene Empfinden beruft, kann nicht direkt widerlegt werden. Genau das macht solche Aussagen für Verschwörungserzählungen attraktiv. «Nahezu jede persönliche Empfindung kann als Bestätigung gedeutet werden», so die Fachstelle Relinfo.
Dabei werde auch der Elitarismus deutlich – ein typisches Merkmal des Verschwörungsglaubens. Menschen würden sich für besonders sensibel, aufmerksam oder «gespürig» halten und glauben, Veränderungen wahrnehmen zu können, die der Mehrheit verborgen bleiben. «Dieses Gefühl, zu einer kleinen Gruppe von Wissenden zu gehören, kann ein wesentliches Motiv sein, Verschwörungserzählungen zu übernehmen und weiterzuverbreiten», heisst es von Relinfo.
Wie ernst muss man die Verschwörungsvideos in den sozialen Medien also nehmen? Die Fachstelle ist da klar. Auch wenn vieles davon als Unterhaltung und flüchtiger Internet-Mystizismus erscheine, der bald wieder verschwinde, sei das Denkmuster dahinter nicht harmlos: «Wissenschaftliche Erklärungen werden grundsätzlich angezweifelt, subjektive Empfindungen gelten als Beweis und hinter technischen oder gesellschaftlichen Entwicklungen werden verborgene Absichten vermutet.»
Problematisch werde das insbesondere dann, wenn durch solche Theorien zunehmend das Vertrauen in Wissenschaft, Medien oder staatliche Institutionen untergraben werde. «Sie können daher durchaus einen Einstieg in umfassendere und problematischere Weltbilder darstellen», so die Fachstelle.

Der Teilchenbeschleuniger am Cern in Genf wird derzeit gewartet und beschleunigt keine Teilchen mehr. Solche Unterbrüche sind üblich.
sda
Das passt zu einem grösseren Befund aus einer 2026 erschienenen Studie unter Leitung der Universität Zürich, die 47 Fachleute aus 13 Ländern zu Verschwörungstheorien und Falschinformationen im Netz befragte – Forscher*innen sowie Fachleute von Faktencheck-Organisationen, Medien, Behörden und Thinktanks. Mehr als die Hälfte von ihnen sieht das wachsende Misstrauen gegenüber Wissenschaft und Forschungsinstitutionen als wichtigste Herausforderung der kommenden Jahre – zusammen mit der zunehmenden Verbreitung von Pseudowissenschaft.
Ob heute mehr Menschen an Verschwörungstheorien glauben als früher, untersucht die Studie nicht. Gestiegen sind vor allem Sichtbarkeit und Tempo, weil digitale Plattformen die Hürden gesenkt haben, solche Inhalte zu produzieren und zu verbreiten.
Nur: Widerlegen allein hilft dagegen wenig. Laut der Studie stufen die Expert*innen Debunking und Fact-Checking als vergleichsweise am wenigsten wichtige Gegenmassnahme ein: Wer solchen Erzählungen anhängt, misstraut oft gerade jenen Institutionen, die sie widerlegen könnten. Man hole diese Menschen nicht zurück, indem man ihnen vorrechne, wie falsch sie liegen, gibt ein Experte zu bedenken. Wichtiger seien strukturelle Ansätze – etwa die Regulierung grosser Plattformen oder Nachrichtenmedien, die nicht auf Klicks, sondern auf Sorgfalt setzen.
Wie man konkret mit Personen umgeht, die solche Erzählungen vertreten, hängt laut Relinfo auch davon ab, wie tief jemand schon drinsteckt. «Diskussionen über einzelne Verschwörungstheorien machen nur dann Sinn, wenn die erzählende Person sich erst seit kurzem dafür interessiert», so die Fachstelle. Dabei solle man respektvoll nachfragen, Quellen gemeinsam prüfen und nicht versuchen, die Person blosszustellen.
Im Umgang mit Menschen, die schon länger einen Verschwörungsglauben vertreten, sei es ratsamer, auf Debatten um einzelne Theorien zu verzichten. Besser sei es, Betroffene zu sinnvollen Tätigkeiten zu ermutigen. «Sinnstiftende Aktivitäten und soziale Einbindung gehören zu den besten Mitteln gegen ausufernden Verschwörungsglauben.»