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Solenostomus snuffleupagus sieht eher wie ein Büschel Algen aus als wie ein Fisch. Das machte ihn für Forschende so schwer auffindbar.
David Harasti/Wikimedia
Er sieht aus wie ein verlorener Algenbüschel mit Rüssel. Oder eine schlecht frisierte Perücke. Der winzige Fisch, gerade einmal vier bis fünf Zentimeter gross, bringt viele Leute zum Schmunzeln. Hinter seinem skurrilen Äusseren verbirgt sich eine kleine wissenschaftliche Sensation.
Tatsächlich handelt es sich bei dem Tier um eine bislang unbekannte Art von Geisterpfeifenfischen. Ihre Entdecker tauften den Fisch Solenostomus snuffleupagus – nach dem bekannten «Sesamstrasse»-Charakter Mr. Snuffleupagus.
Wer den Fisch betrachtet, versteht sofort warum: Seine langen, fadenartigen, orange-braunen Fortsätze lassen ihn aussehen, als trage er das zottelige Fell seines mammutähnlichen Namensgebers.
Der Winzling tarnt sich allerdings so geschickt zwischen Algen und anderem Meeresgewächs, dass selbst erfahrene Taucher*innen ihn leicht übersehen können. Diese Fähigkeit dürfte der Grund sein, warum er so lange unentdeckt blieb.

Die neue Fischart erinnert Forschende so stark an Mr. Snuffleupagus aus der Sesamstrasse, dass sie gleich nach ihm benannt wurde.
Screenshot/Wikipedia
Die Geschichte der Entdeckung begann schon 2001. Damals beobachtete der australische Meeresbiologe David Harasti bei einem Tauchgang vor Papua-Neuguinea einen seltsamen Fisch, den er keiner bekannten Art zuordnen konnte.
Das Tier liess ihn jahrelang nicht mehr los und Harasti kündigte an: Falls es eine neue Art sein sollte, wolle er sie nach Sesamstrassen-Snuffleupagus benennen.
Es folgte eine wissenschaftliche Schnitzeljagd über zwei Jahrzehnte. Harasti kehrte mehrfach in die tropischen Gewässer vor Papua-Neuguinea zurück, wo er den rätselhaften Fisch erstmals gesehen hatte. Sein Kollege Graham Short durchforstete derweil Museumssammlungen und alte Präparate. Lange blieb die Art ein Rätsel.
Erst 2021 meldeten Taucher am Great Barrier Reef vor der Nordostküste Australiens, dem grössten Korallenriff der Erde, merkwürdige pelzige Fischchen. Die beiden Forscher reisten sofort an. Beim ersten Tauchgang fanden sie nichts. Beim zweiten entdeckten sie zwischen schaukelnden Algen und Korallen endlich zwei Exemplare des gesuchten Tieres.
Die Reaktion der Forscher war alles andere als nüchtern-wissenschaftlich, wie sie im National Geographic erzählen. Graham Short beschreibt High-Fives, Umarmungen und Freudenschreie unter Wasser. Zurück im Labor bestätigten DNA-Analysen den Verdacht: Es handelte sich tatsächlich um eine bislang unbekannte Art.
Die Suche war damit beendet. Die Forscher hatten den rätselhaften Fisch endlich gefunden. Fünf Jahre später beschrieben sie die neue Art im Fachjournal Journal of Fish Biology.
Warum Solenostomus snuffleupagus der Wissenschaft so lange entgangen war, zeigte sich bei der genaueren Untersuchung. Geisterpfeifenfische gehören zu den grössten Verwandlungskünstlern der Unterwasserwelt. Sie sind nahe Verwandte von Seepferdchen und Seenadeln und haben sich darauf spezialisiert, Korallen, Algen oder Seegras täuschend echt nachzuahmen.

So sehen andere Geisterpfeifenfische aus: Das Jungtier der Art Solenostomus leptosomus unterscheidet sich deutlich vom neu beschriebenen Solenostomus snuffleupagus.
Nhobgood Nick Hobgood/Wikimedia
Der neue Snuffleupagus-Fisch treibt dieses Prinzip auf die Spitze. Seine langen, haarähnlichen Fortsätze schwingen in der Strömung wie Algenfäden. Je nach Lebensraum verändert sich sogar seine Erscheinung. Manche Exemplare leuchten rot oder violett, andere wirken orange oder braun.
Aus einiger Entfernung wirkt er eher wie ein treibendes Stück Seegras als wie ein Wirbeltier. Selbst erfahrene Taucherinnen und Taucher schwimmen deshalb oft direkt an ihm vorbei. Nach Auswertung von Fotos auf der Plattform iNaturalist stellte sich heraus, dass Menschen den Fisch bereits in Tonga, Neukaledonien und Papua-Neuguinea fotografiert hatten, ohne zu wissen, dass es sich um eine unbekannte Art handelt.
Die meisten Geisterpfeifenfische ernähren sich von kleinen Krebstieren, die sie mit ihrem röhrenförmigen Maul einsaugen. Beim neuen Snuffleupagus fanden die Forscher jedoch eine Überraschung: Im Magen eines Exemplars lag ein kleiner Fisch. Das könnte darauf hindeuten, dass die Art gelegentlich grössere Beute jagt als ihre Verwandten.
Bemerkenswert ist auch der Ort der Entdeckung. Der zottelige Kleinfisch wurde nicht in einer kaum erforschten Tiefseeregion gefunden, sondern am Great Barrier Reef vor Australien. Also einem der am intensivsten untersuchten Meeresgebiete der Welt. Trotzdem tauchen dort noch immer unbekannte Arten auf.
Für David Harasti und Graham Short ist das die eigentliche Botschaft hinter dem Fund. Selbst in gut erforschten Ökosystemen könnten noch zahlreiche Arten verborgen leben Besonders solche, die sich so meisterhaft tarnen wie der «Snuffleupagus der Meere».
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