Fehler gefunden?
Jetzt melden
Wie viel Treibhausgase stösst die Schweiz in Zukunft aus? Um das zu berechnen, haben Forschende mögliche Zukünfte der Schweiz skizziert.
Keystone
Von der Hightech-Gesellschaft bis zum sozialen Zerfall: Forschende haben fünf mögliche Zukunftsbilder für die Schweiz skizziert – und berechnet, was sie für das Klima bedeuten würden.
Wie die Schweiz Ende des Jahrhunderts aussehen wird, lässt sich laut der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) nicht exakt vorhersagen. Dennoch sei es wichtig, mögliche gesellschaftliche Entwicklungspfade zu kennen, teilte Forschungsanstalt am Dienstag mit. Denn die soziale, wirtschaftliche und politische Entwicklung beeinflusse unter anderem Ressourcenverbrauch, Klimawandel und Infrastrukturbedarf.
Um solche Entwicklungen greifbar zu machen, entwickelte das WSL-Team fünf mögliche Zukunftspfade für die Schweiz. Sie beschreiben unterschiedliche Formen des Zusammenlebens, Wirtschaftens und politischen Handelns bis zum Jahr 2100.
Für die Entwicklung der Szenarien führte das WSL-Team Gespräche mit rund 60 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus 20 Forschungseinrichtungen. Ein Computerprogramm hat aus den Ergebnissen konsistente Szenarien berechnet.
blue News zeigt die 5 Szenarien auf:

Verschiebt sich der Fokus hin zur Genügsamkeit?
Christin Klose/dpa-tmn
In dieser Zukunft entscheidet sich die Schweiz bewusst gegen ein reines Wachstumsmodell. Der Fokus verschiebt sich hin zu Genügsamkeit, regionalen Kreisläufen und sozialem Zusammenhalt.
Die Wirtschaft wächst langsamer, ist dafür aber stabiler und weniger krisenanfällig. Konsum wird reduziert, Sharing-Modelle und lokale Produktion gewinnen an Bedeutung. Auch die Landwirtschaft richtet sich stärker auf Nachhaltigkeit und Selbstversorgung aus.
Politisch dominiert ein Ansatz, der Gemeinwohl über Profit stellt. Der Staat spielt eine aktivere Rolle bei der Steuerung von Ressourcen und Infrastruktur. Gleichzeitig ist die Gesellschaft vergleichsweise stabil und solidarisch.
Für das Klima ist dieses Szenario klar positiv: geringer Energieverbrauch, niedrige Emissionen und weniger Druck auf natürliche Ressourcen.

Wirtschaftliche Stärke und mehr Nachhaltigkeit – auch das ist möglich.
Tom Weller/dpa
Hier gelingt der Spagat: Die Schweiz bleibt wirtschaftlich stark – und wird gleichzeitig deutlich nachhaltiger. Möglich macht das vor allem technologischer Fortschritt.
Erneuerbare Energien, Digitalisierung und Effizienzsteigerungen prägen das Land. Verkehr, Industrie und Gebäude werden stark elektrifiziert, Prozesse optimiert, Ressourcen besser genutzt.
Die Gesellschaft ist offen und international vernetzt. Bildung und Innovation sind zentrale Treiber. Der Staat setzt klare Rahmenbedingungen, lässt aber viel Raum für Markt und Technologie.
Das Resultat: relativ hohe Lebensqualität bei gleichzeitig sinkenden Emissionen. Dieses Szenario gilt als eines der günstigsten für die Bewältigung des Klimawandels.

In diesem Szenario wird die Sicherheit zentral.
sda
Dieses Szenario beschreibt eine Welt, in der internationale Zusammenarbeit zerfällt und auch die Schweiz stärker unter Druck gerät.
Geopolitische Spannungen nehmen zu, wirtschaftliche Beziehungen werden schwieriger. Die Schweiz reagiert mit Abschottung und stärkerer Innenorientierung. Migration, Energieversorgung und Sicherheit werden zu Konfliktfeldern.
Die Wirtschaft stagniert oder schrumpft teilweise, Innovation verliert an Dynamik. Gleichzeitig wächst das Misstrauen innerhalb der Gesellschaft.
Klimapolitik gerät ins Hintertreffen – nicht aus Überzeugung, sondern aus Prioritätenverschiebung. Die Folge: höhere Emissionen, ineffiziente Systeme und wachsende Verwundbarkeit.

Die Schere zwischen Arm und Reich könnte in der Schweiz weiter auseinandergehen.
Sven Hoppe/dpa
In diesem Zukunftsbild driftet die Gesellschaft auseinander. Eine wirtschaftlich starke Elite profitiert von Globalisierung und Technologie – während grosse Teile der Bevölkerung zurückbleiben.
Zugang zu Bildung, Gesundheit und Ressourcen wird ungleicher verteilt. Auch beim Klimaschutz zeigt sich diese Spaltung: Wohlhabende Gruppen können sich Anpassung leisten, andere nicht.
Die Wirtschaft bleibt zwar leistungsfähig, aber sozial zunehmend fragil. Politisch entstehen Spannungen, da sich ein Teil der Bevölkerung abgehängt fühlt.
Das Resultat ist eine Schweiz mit hoher Ungleichheit und selektivem Fortschritt – auch beim Klima, wo Massnahmen zwar existieren, aber nicht alle erreichen.

Wachstum um jeden Preis in der Schweiz? Kein unrealistisches Szenario.
sda
Dieses Szenario setzt voll auf wirtschaftliches Wachstum – angetrieben durch Technologie, Globalisierung und hohen Konsum.
Die Schweiz bleibt wohlhabend und dynamisch, aber auf Kosten der Umwelt. Energieverbrauch und Ressourcenbedarf steigen stark, fossile Energien spielen lange eine wichtige Rolle.
Innovation wird vor allem eingesetzt, um Wachstum zu sichern – nicht primär, um Nachhaltigkeit zu erreichen. Klimaschutz kommt spät oder wird durch technische Lösungen kompensiert.
Kurz gesagt: hoher Wohlstand, aber massive ökologische Belastung. Langfristig entstehen dadurch neue Risiken für Infrastruktur, Umwelt und Gesellschaft.
Die WSL-Geographin Lena Gubler betont, dass keines der Szenarien wahrscheinlicher als ein anderes sei. «Es geht darum Varianten auszuloten, wie die Zukunft aussehen könnte, basierend auf Wenn-Dann-Überlegungen, und nicht darum, etwas zur Wahrscheinlichkeit auszusagen», wurde sie in der Mitteilung zitiert.
Eine neue Publikation des National Centre for Climate Services (NCCS) stellt nun die modellierten Treibhausgasemissionen für jedes Szenario bis zum Jahr 2100 vor.