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So besser nicht: Polizei und psychosoziale Beratung raten davon ab, psychisch Auffällige dezidiert in die Schranken zu weisen.
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Viele Pendler*innen kennen es: Eine Person beschimpft im ÖV eine andere – willkürlich und zusammenhangslos. Die Frage ist: Wie reagieren, ohne die Situation schlimmer zu machen? Expert*innen geben Auskunft.
blue News Leserin und Pendlerin M. M. erlebt es nicht zum ersten Mal: Eine offensichtlich psychisch angeschlagene Person beschimpft eine Frau in der S-Bahn aufs Übelste. Diese lässt sich äusserlich wenig anmerken und bleibt auf ihrem Platz sitzen. Die Pöblerin sagt ihr, sie sei hässlich und solle verschwinden. Zudem macht sie Fotos von der Frau, die sie aus unbekannten Gründen in Rage bringt.
Dagegen wehrt sich die Angegriffene verbal, weist die Frau daraufhin, dass sie das nicht tun dürfe. Die Tirade dauert zehn Minuten, bis die Wütende in Zürich Stadelhofen aussteigt. Niemand geht dazwischen, nur der Begleiter der Schimpfenden versucht halbherzig, sie zu beruhigen.
M. M. war ein paar Monate davor selber Opfer einer solchen verbalen Attacke. «Damals hat ein Mann versucht, dazwischen zu gehen und hat die Person, die mich beschimpfte damit nur noch mehr in Rage gebracht.» Deshalb habe sie in der eingangs beschriebenen Situation nicht eingegriffen. Sie habe befürchtet, die Pöblerin würde dann erst recht ausrasten.
Als sie selber das Ziel einer Schimpfattacke war, habe ein Mitreisender die Bahnpolizei angerufen, was die Angreiferin eskalieren liess. Deshalb habe sie selber in dem Fall nicht zum Telefon gegriffen. Stattdessen wollte sie die Situation beobachten.
Seither treibe sie die Frage um, wie sie sich am besten verhalten hätte. «Mit der Hitze werden solche Angriffe womöglich noch häufiger und die Bahnpolizei ist ja nur zufällig gerade da, wenn etwas passiert.»
Was also ist in einer solchen Situation zu tun? Und was geht eigentlich in Menschen vor, die sich so verhalten? Erste Anlaufstelle: die Zürcher Stadtpolizei. Sprecher Michael Walker hat eine Merkregel parat: «Hinschauen, einschätzen, handeln».
Gemeint ist, dass sich Augenzeugen zuerst ein Bild machen und sich dann überlegen, ob es sinnvoll ist, selber zu intervenieren. «Auf keinen Fall soll sich jemand selber in Gefahr bringen, im Versuch, eine andere Person zu schützen.» Es könne auch sinnvoll sein, aus etwas Distanz die Situation zu beobachten. «Vielleicht gibt es weitere Personen in der Nähe, die helfen können, gegen die angreifende Person etwas zu unternehmen.»
Bessert sich die Situation nicht, sei es sinnvoll, die Notrufnummer 117 oder auch die Transportpolizei anzurufen. «Unsere Notrufzentrale ist 24 Stunden am Tag besetzt», betont der Polizeisprecher und fügt an: «Wichtig, um schnell eingreifen zu können, ist, dass wir einen genauen Standort erhalten.»

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Die S-Bahn ist – wie das gesamte SBB-Netz – die Domäne der Transportpolizei, im Volksmund «Bahnpolizei» genannt. Deren 200 Angestellte können aber nur in einem Bruchteil der täglich über 8000 verkehrenden Züge präsent sein, und auch die 250 Mitarbeitenden des SBB-eigenen Sicherheitsdiensts Transsicura decken nur einen kleinen Teil ab.
SBB-Sprecher Moritz Weisskopf betont: «Die Mitarbeitenden der Transportpolizei sowie des Zugpersonals werden gezielt im Umgang mit Konfliktsituationen geschult, insbesondere mit Fokus auf Deeskalation. Ziel ist es, angespannten Situationen frühzeitig entgegenzuwirken, Ruhe in die Situation zu bringen und diese möglichst ohne weitere Eskalation zu lösen.»
Er empfiehlt bei solchen Situationen die Transportpolizei anzurufen, deren Nummer 0800 117 117 wohl nicht zufällig an jene der Notrufzentrale erinnert. Befinden sich Zugebgleiter an Bord, könnten auch diese unterstützen.
Ist gerade weder eine Sicherheitskraft noch Bahnpersonal in der Nähe, empfiehlt Weisskopf: «Ruhe bewahren und nicht auf Provokationen eingehen – Konflikte vermeiden und wenn möglich sich aus der Situation entfernen – respektvoll und ruhig bleiben – und schliesslich einen Platz in der Nähe anderer Personen wählen oder Begleitung suchen.»
Klar scheint, die oft vermisste Zivilcourage, bewiesen durch beherztes Dazwischengehen, ist bei psychisch auffälligen Personen eher nicht das beste Vorgehen. Sie in die Enge zu drängen, trägt nicht zur Beruhigung der Situation bei.
Erfahrung in der Beratung von Menschen mit einer psychischen Erkrankung und ihre Angehörigen hat die Organisation Pro Mente Sana. Nadia Pernollet, verantwortlich für Beratung und Psychosoziales, schränkt zu Beginn des Gesprächs ein, dass Verallgemeinerungen schwierig seien: «Jeder Vorfall ist individuell.»
Zu den geschilderten Situationen sagt sie, dass sich von aussen kaum beurteilen lasse, weshalb sich jemand so verhält. «Die Ursachen können sehr unterschiedlich sein. Aus einer einzelnen Situation im öffentlichen Raum lassen sich keine verlässlichen Rückschlüsse auf eine psychische Erkrankung ziehen.»
Grundsätzlich lebten Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen äusserst isoliert, die Öffentlichkeit könne für manche Betroffene eine starke Reizbelastung darstellen. «Das kann ihre Ängste auslösen oder verstärken. Dass Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Öffentlichkeit ausfällig werden, sei aus diesem Grund extrem selten, hält sie fest.
Wichtig ist Pernollet zu erwähnen, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen sehr viel öfter selber Opfer von Gewalt würden, als dass sie diese ausübten. Vorfälle wie die geschilderten seien nicht repräsentativ für Menschen mit psychischen Erkrankungen. «In aller Regel sind diese Personen ungefährlich», sagt sie und verweist auf die Studienlage.
Bleibt die Frage, was aus Sicht der psychosozialen Beratung zu tun ist, um die Lage zu beruhigen. Die Ratschläge von Pernollet unterscheiden sich nicht entscheidend von jenen der Polizei. «Sich nicht provozieren lassen, nicht mit der Aggression, mit der auffälligen Person mitschwingen, ist sicher wichtig.» Eventuell lasse sich die Person mit Fragen beruhigen – Fragen wie: «Bin ich Ihnen zu nahe gekommen, brauchen Sie mehr Platz?»
Die verbal aggressive Person zurechtzuweisen sei hingegen keine gute Idee. Auch mit mehreren weiteren Menschen diese in die Schranken zu weisen, beruhige die Lage nicht – im Gegenteil. Eher provoziere dies noch heftigere Emotionen. Die Polizei würde Pernollet allerdings nur rufen, wenn die auffällige Person andere gefährdet. «Natürlich sind Polizeibeamte geschult, Situationen zu deeskalieren. Trotzdem fühlen sich gerade Menschen mit Verfolgungsgedanken durch sie bedroht.» Das Beste sei, die Person einfach in Ruhe zu lassen.
Dass die Sommerhitze zu mehr solchen Eskalationen führt, kann Pernollet nicht bestätigen. Klar ist für sie: Extremsituationen wie die Hitze der letzten Wochen sind für die meisten Menschen schwierig – auch für Menschen mit psychischen Belastungen.