Fehler gefunden?
Jetzt melden
So könnte die Milchstrasse von der Seite betrachtet vor einem pechschwarzen Hintergrund aussehen. Die neue künstlerische Darstellung beruht auf Daten des Weltraumteleskops Gaia.
Stefan Payne-Wardenaar/ESA/Gaia/DPAC/dpa
Mehr als zehn Jahre lang untersuchte die Sonde unsere Galaxie. Nun geht «Gaia» ein wichtiger Stoff aus. Dem Sonnensystem bleibt sie aber noch lange erhalten.
Wenn «Gaia» ihren letzten Befehl bekommt, wird sie blind, taub und stumm sein. Nach mehr als zehn Jahren der bislang kleinteiligsten Erforschung unserer Galaxie ist die Sonde nach einem entsprechenden Signal der europäischen Raumfahrtbehörde Esa Sekunden später quasi tot, unwiederbringlich. Am Donnerstag soll der Befehl aus dem Kontrollzentrum in Darmstadt (D) zur Sonde geschickt werden.
«Das ganze Bild der Milchstrasse ist neu gezeichnet worden», sagt «Gaia»-Missions-Manager Uwe Lammers in Madrid zur Bedeutung der Sonde. Esa-Wissenschaftsdirektorin Carole Mundell sprach unlängst von einer «Schatzkiste an Daten». Schwarze Löcher, Exoplaneten und mögliche Erkenntnisse zur Entstehung unseres Sonnensystems – mit drei Billionen Observationen zeigen «Gaias» Daten ein Bild von der Milchstrasse, das die Menschheit vorher so nicht kannte.
«Wir erstellen die genaueste Karte der Galaxie, die jemals erstellt wurde», sagt Lammers. «Am Anfang zum Beispiel war die Mission ausgelegt, eine Milliarde Sterne zu beobachten. Inzwischen sind es zweieinhalb Milliarden.» Mit jedem Datensatz, den man herausgebe, werde die Genauigkeit weiter erhöht. Voraussichtlich 2026 und 2030 sollen die beiden nächsten Datensätze folgen. «Gaia» sendet nicht mehr, aber die Mission läuft noch.
«Wir wussten natürlich schon etliches über die Milchstrasse, aber «Gaia» hat das Ganze noch mal auf ein anderes Niveau gehoben und wirklich so viele neue Sachen gefunden, die vorher alle gar nicht bekannt waren», sagt Lammers. So sei vor 5,7 Milliarden Jahren eine Zwerggalaxie mit der Milchstrasse kollidiert und von ihr eingefangen worden. «Und es ist vielleicht sogar so, dass dadurch unser Sonnensystem entstanden ist. Das war vorher vollkommen unbekannt.» Der Prozess habe die Sternenentstehung beeinflusst und vielleicht sei dadurch auch unsere Sonne entstanden. «Das ist eines der spektakulärsten Resultate.»
Vor «Gaia» habe man gedacht, dass die Galaxie eine ganz gerade Scheibe ist, glatt und flach. Jetzt wisse man, dass sie an den Enden verbogen ist. «Also das sieht so aus wie gewölbt, verbogen an den Rändern. Das ist auch nicht statisch, sondern das bewegt sich alles im Zeitraum von vielen, vielen Millionen Jahren», erklärt Lammers. Das habe mal jemand verglichen mit einem Tischtuch, das am Rand im Wind flattert – nur eben in kosmischen Zeitdimensionen.
Mit «Gaia» sei zudem klargeworden, dass es viel mehr Schwarze Löcher gibt als zunächst angenommen. «Also wir wussten immer, es gibt ein massives Schwarzes Loch mit Millionen von Sonnenmassen im Zentrum unserer Milchstrasse», sagt Lammers. Die Sonde habe drei weitere, in kosmischen Massstäben recht nahe gefunden. In den nächsten Datensätzen könnten sich weitere Schwarze Löcher verbergen – oder auch exotische, bisher unbekannte Arten von Objekten.
An Exoplaneten, also Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems, seien inzwischen bis zu 5000 bekannt. Mit dem nächsten Datensatz werde die Zahl sich wahrscheinlich verdoppeln, so Lammers.
Auf «Gaia» sollen weitere Esa-Missionen für einen genauen Blick in unsere Galaxie folgen – die nächste wegen der langen Vorplanungsphase aber wohl nicht vor 2045, wie Lammers sagt. «Gaia» hat demnach rund eine Milliarde Euro gekostet. Ihre Missionszeit war zunächst auf fünf Jahre ausgelegt und wurde mehr als verdoppelt.
Die Sonde ist den Angaben zufolge derzeit 1,5 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. «Gaia» hat zwar noch Sprit im Tank, doch ein für den Betrieb nötiges Gas ist alle. Damit ist Schluss. «Wir schalten dann noch mal die Schubdüsen ein und bringen «Gaia» auf einen Sonnenorbit», erklärt Lammers. Künftig wird sich die Sonde also wie die Erde um das Zentrum unseres Sonnensystems bewegen.