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Madonna zählt bis heute zu den erfolgreichsten Musikerinnen überhaupt.
DPA
Madonna hat den Pop neu erfunden. Kaum eine Künstlerin hat ihre Zeit so geprägt und zugleich so viele Debatten ausgelöst. Mit «Confessions II» kehrt sie nun zu jener Ära zurück, die sie endgültig zur Queen of Pop machte.
Es gibt kaum einen richtigen Moment, um auf Madonnas Leben zurückzuschauen. Es gibt immer einen. Man hätte es 2012 tun können, als sie in der Halbzeitshow des Superbowls auftrat. Oder 2019, als sie mit dem Album «Madame X» einmal mehr bewies, dass sie sich neu erfinden kann. Madonna war nie nicht relevant und ihr Einfluss auf die Popmusik so nachhaltig, dass sie die «Queen of Pop» genannt wird.
Wir schauen jetzt zurück, weil sie es selbst tut. Weil sie ein Album veröffentlicht hat, mit dem sie zurückkehrt. Zu einem Ort, der für Madonna und ihre Karriere bezeichnender ist als jeder andere: den Dancefloor.
«Confessions II» heisst es und es erscheint am Freitag, 3. Juli. Das Album ist die direkte Fortsetzung von «Confessions On A Dance Floor» aus dem Jahr 2005. Damit kehrt Madonna auch zu Warner zurück, ihrem allerersten Musiklabel.
Wie alles begann, erzählte sie kürzlich in einem Interview. 1982 spielte Madonna einem DJ ihre ersten Songs vor. Sie kaufte ihm Kokain, zog auf der Toilette eines Clubs in New York mit ihm Lines («Aber es tat mir im Hals weh. Das ist keine gute Idee für eine Sängerin») und machte mit ihm rum. Dann stimmte er zu, ihre Demos zu hören. Später stand ein Mann einer Plattenfirma beim DJ-Pult und Madonna überredete ihn, ihre Kassette aufzulegen. «Die Leute tanzten weiter. Das war der Test: Tanzten sie weiter? Weil sie ja schon tanzten», so Madonna.
Die Leute haben weitergetanzt. Und es war, rückblickend, der Anfang einer Karriere, an der sich die Popgeschichte später teilen sollte: in die Zeit vor Madonna und die danach.
Doch bevor es zu all dem kam, war Madonna Louise Ciccone ein Mädchen aus Michigan, 1958 geboren, benannt nach der Mutter. Der Vater Italiener, Automechaniker und streng katholisch. Die Mutter starb an Brustkrebs, als Madonna fünf war. Der Vater heiratete daraufhin die Haushälterin. Madonna sagt heute, sie hätte sich in der neuen Familienkonstellation nie recht eingefügt und sich als «Freak» gefühlt. Auch in der Schule habe sie nicht viele Freunde gehabt.
Bis ein Ballettlehrer kam, der das veränderte. «Er war der Erste, der an mich geglaubt hat und mir das Gefühl gegeben hat, etwas Besonderes zu sein – als Tänzerin, als Künstlerin und als Mensch», sagte später Madonna über ihn. Er sei der Erste gewesen, der ihr gesagt habe, dass sie schön sei.

Madonna auf dem Cover des neuen Albums «Confessions II».
AP Warner Records/Boy Toy
Der Ballettlehrer war zugleich ihre Tür zur queeren Szene. Er nahm sie mit in einen Schwulenclub in Detroit, wo sie sich, so erzählt sie es, nicht als Freak, sondern «endlich zu Hause» gefühlt habe. «Zum ersten Mal sah ich eine Art von Freiheit, Freude und Glück, die ich noch nie zuvor gesehen hatte.»
Wahrscheinlich brauchte es genau so einen Ort, damit aus der jungen Frau, die sich nirgends zugehörig fühlte, eine wurde, die alles wollte. Madonna wiederholt nämlich eine Aussage in Variationen immer wieder: Ohne die queere Community hätte sie keine Karriere.
Also brach sie 1978, im Alter von 19 Jahren, die Uni ab und ging mit dem Traum, Tänzerin zu werden, nach New York. Mit 35 Dollar in der Tasche sei es das Mutigste gewesen, das sie je getan habe.
Dort arbeitete sie in Gelegenheitsjobs, als Aktmodell für Zeichenkurse und als Kellnerin. Parallel besuchte sie Tanzstunden, hielt es in der Strenge des klassischen Tanzes aber nie lange aus. Dann lernte sie Schlagzeug, Gitarre, schrieb eigene Songs, spielte in Bands.
Es war der Beginn davon, was Madonna noch ihre Karriere lang tun würde: Sie suchte zusammen, wer sie sein wollte. Sie entwarf sich aus allem, was sie fand. Madonna machte Madonna.
Es dauerte einige Jahre, aber es funktionierte: Die Szene auf der Tanzfläche führte zum Plattenvertrag. 1983 erschien ihr erstes Album «Madonna», 1984 folgte «Like a Virgin» – und der Auftritt zum gleichnamigen Song im Brautkleid bei den ersten MTV Video Music Awards, der sie über Nacht zur Provokateurin machte. Danach kam Hit auf Hit, die bis heute alle kennen: «Material Girl», «Papa Don't Preach», später «Like A Prayer» und «Vogue». Beim Dreh zu «Material Girl» lernte sie den Schauspieler Sean Penn kennen, ihren ersten Ehemann. Die Ehe hielt von 1985 bis 1989.
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Doch nicht alles gelang ihr. 1992 veröffentlichte Madonna den expliziten Bildband «Sex» und das Album «Erotica». Das Buch verkaufte sich zwar glänzend, doch «Erotica» wurde ihr bis dahin schwächstverkauftes Album und brachte ihr erstmals seit ihrem Debüt keinen Nummer-eins-Hit in den USA ein. Auch als Schauspielerin blieb der grosse Durchbruch aus: viele Flops, ein Höhepunkt immerhin mit dem Golden Globe für die Musical-Verfilmung «Evita» 1996.
Doch sie stand wieder auf – 1998 mit der elektronischen Neuerfindung von «Ray of Light», inspiriert von der Geburt ihrer ersten Tochter zwei Jahre zuvor. Das Album brachte elektronische Clubmusik endgültig in den Mainstream und gilt bis heute als eines der einflussreichsten Popalben der Neunzigerjahre.
2000 heiratete sie den britischen Regisseur Guy Ritchie, zog nach London, bekam einen Sohn. Die Ehe hielt bis 2008. Dazwischen gelang ihr 2005 der Disco-Triumph von «Confessions on a Dance Floor» – jenes Album, an das sie jetzt anknüpft und das Mitte der 2000er eine Disco-Renaissance auslöste.
Inklusive «Confessions II» hat Madonna bis heute insgesamt 15 Studioalben veröffentlicht, über 300 Millionen Tonträger verkauft und sieben Grammys gewonnen. Dinge zu erschaffen, dafür sei sie auf die Erde gesetzt worden, sagt Madonna selbst. Stillstand ist ihr fremd.

Madonna bei einem Auftritt 1985.
AP
Doch rein die Zahlen erfassen nicht, warum das Musikmagazin «Rolling Stone» sie «die wichtigste weibliche Stimme in der Geschichte der modernen Musik» nennt. Warum sie als die Königin des Pop gilt. Denn der Titel meint weit mehr als kommerziellen Erfolg. Madonna war eine der ersten Popsängerinnen, die ihr Bild selbst kontrollierte – sie verantwortete jedes Video, jede Persona, jeden Ton. Sie machte Pop zu einem Gesamtwerk aus Musik, Mode, Tanz und Videos.
Vor allem aber verschob sie die Rolle weiblicher Popstars. Madonna machte Sexualität nicht zu etwas, das andere über sie bestimmten, sondern zu etwas, das sie selbst inszenierte und kontrollierte. Sie provozierte, indem sie sich weigerte, den Erwartungen an Frauen in der Öffentlichkeit zu entsprechen. Madonna befolgte nur Regeln, die sie selbst schrieb.
«Ich erfinde mich nicht neu. Ich gehe durch die Schichten und enthülle mich selbst»
Zugleich entwarf Madonna ein bestimmtes Muster eines Popstars: Jedes ihrer Alben war eine neue Ära, ein neuer Look, eine neue Frau. Vor Madonna hatte ein Popstar ein Image. Nach ihr durchläuft ein Popstar Images. Was heute bei Taylor Swift, Lady Gaga oder Beyoncé selbstverständlich wirkt – jede Albumphase als eigene Ära –, wurde durch Madonna zur Regel.
Neuerfindung, so nennt man das. Es ist ein Begriff, der immer wieder fällt, wenn von Madonna die Rede ist. Madonna sei die, die nie zweimal dieselbe ist, heisst es. Sie selbst lehnt das Wort ab. Denn es setzt voraus, dass es eine erste, eine echte Madonna gäbe, ein Original unter den Masken. 1998 sagte sie: «Ich erfinde mich nicht neu. Ich gehe durch die Schichten und enthülle mich selbst.» Die «richtige» Madonna besteht für sie aus all den Schichten, aus all den Personas und Figuren. Madonna, das ist weniger eine Künstlerin als eine Oberfläche, die weiss, dass sie eine ist, und die sie nicht verbirgt, sondern ausstellt.
Nur: Diese Schichten, aus denen Madonna besteht, sind nicht alle ihre eigenen. Und damit stellt sich die Frage nicht, ob sie sich bediente, sondern woher.
Das beginnt bei dem, was Madonna zunächst am nächsten liegt: dem katholischen Glauben. 1989 tanzte sie in «Like a Prayer» vor brennenden Kreuzen, küsste einen Heiligen. Der Vatikan verurteilte das Musikvideo. Pepsi löste einen millionenschweren Werbevertrag auf. Das Kruzifix wurde zum Modeaccessoire. Das Sakrale, aus dem Zusammenhang gelöst, wurde durch Madonna zur Provokation und Pose.
Das ist ihre Methode: Nichts ist Madonna heilig genug, um nicht zum Material zu werden. Sie dekonstruiert alles, es gibt nichts Unantastbares, nur Oberflächen, die man sich nehmen, umdeuten und neu zusammensetzen kann.
Das Faszinierende daran ist auch das Heikle. Denn wenn alles Material ist, verschwindet der Unterschied zwischen dem eigenen Erbe und dem der anderen. Ihren eigenen Glauben darf sie zerlegen. Aber sie behandelt fremde Kulturen genauso, als wäre alles gleich frei verfügbar.

Madonna 2006 mit drei von ihren Kindern: Lourdes (l.), Rocco (r.) und David Banda (M.).
AP, Liz Rosenberg
«Vogue» kam aus der Ballroom-Szene Harlems – einer Subkultur Schwarzer und lateinamerikanischer queerer Menschen, die den Tanzstil des Voguing erfunden hatten, lange vor Madonna. Die Schriftstellerin bell hooks nannte Madonna deshalb 1992 eine «Plantation Mistress», eine Plantagenherrin. Was sie damit meinte: Madonna sei eine Weisse, die sich an Schwarzer Kultur bediente und die Aneignung als Zeichen ihrer eigenen Kühnheit verkaufte. Madonna rücke ins Zentrum, indem sie sich von den Rändern nehme, was sie brauche. Profitieren würde davon vor allem sie selbst.
Der Vorwurf wurde verstärkt, als Madonna ab 2006 vier Kinder aus Malawi adoptierte. Kritiker*innen warfen ihr vor, sie habe mit Geld und Ruhm die Adoptionsgesetze umgangen. Madonna wies das zurück. Doch der Vorwurf war im Kern derselbe wie bei «Vogue»: dass sich die Mächtige nimmt, was sie will, weil sie es kann.
2024 postete Madonna auf Instagram Fotos, auf denen sie die Kleider und den Schmuck der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo trägt, ihrer «ewigen Muse», wie sie sie nennt. Doch in Mexiko war der Aufschrei sofort da: ein nationales Kulturgut, anprobiert wie ein Kostüm. Es ist dieselbe Frida, deren Gemälde «Mi nacimiento» Madonna besitzt – und das sie dem Museum in Detroit, in ihrem eigenen Heimatstaat, für eine Kahlo-Ausstellung nicht ausleihen wollte.
Dieselbe Geste – die Wiedererfindung, die Reproduktion – ist Kühnheit und Übergriff zugleich, je nachdem, wen man fragt.
Die Kühnheit sehen vor allem auch jene, für die Madonna bis heute eine «queere Ikone» ist: Sie übersetzte eine Subkultur in den Mainstream und machte sie damit für ein Millionenpublikum überhaupt erst sichtbar – zu einer Zeit, als das nicht selbstverständlich war. Viele queere Menschen sahen ihre eigene Welt durch Madonna zum ersten Mal auf einer grossen Bühne. Und während der Aids-Krise, als die Betroffenen vielerorts stigmatisiert wurden, war Madonna eine der ersten und lautesten Stimmen, die für sie eintraten.
Ist Madonna also Aneignerin oder Verstärkerin? Beide Deutungen begleiten sie seit Jahrzehnten: die Grenzüberschreiterin, die Türen öffnet – und die Frau, die nimmt, weil sie es kann.
«Ich denke, das Kontroverseste, was ich je getan habe, ist zu bleiben»
Mittlerweile ist Madonna 67 Jahre alt. Dass sie noch einmal ein Album veröffentlicht hat, ist auch Ausdruck einer Sturheit, mit der sie sich weigert, zu verschwinden. «Ich denke, das Kontroverseste, was ich je getan habe, ist zu bleiben», sagte Madonna bereits vor 10 Jahren. Mit denselben Fragen, die sie schon vor vierzig Jahren stellte, provoziert sie immer noch: Wer darf bestimmen, wie eine Frau auszusehen, sich zu verhalten und zu altern hat?
2023 stand Madonna bei den Grammy Awards auf der Bühne. Danach sprach das Internet vor allem über ihr Gesicht: zu glatt, zu voll, zu offensichtlich operiert, hiess es. Madonna reagierte auf Instagram. Einmal mehr, schrieb sie, stehe sie im grellen Licht von Ageism und Misogynie – in einer Welt, die sich weigere, Frauen jenseits der 45 zu feiern, und sie bestrafe, wenn sie eigenwillig und abenteuerlustig blieben. Sie habe sich nie für ihr Aussehen entschuldigt und werde jetzt nicht damit anfangen.
Madonna tut, was sie immer getan hat, wenn andere ihr sagen wollten, wie sie zu sein habe: Sie ignoriert es und macht weiter. Jetzt mit «Confessions II». Das Album ist ein bisschen Nostalgie und der nächste Wurf zugleich. Nur dass das Material, aus dem Madonna diesmal schöpft, ihr eigenes ist. Die Frau, die sich aus geliehenen Schichten baute, leiht sich am Ende bei sich selbst.