20.03.2017 - 19:30, Thomas Brey, dpa, uri

Die EU, Russland, China und die Türkei kämpfen um den Balkan

 

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Seit Jahrzehnten galt die Balkanregion als natürliches Einflussgebiet der EU. Bei Streit und Schwäche der Union halfen in der Regel die USA. Doch dieses System bricht jetzt zusammen. Was planen die neuen Konkurrenten?

Die EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini musste bei ihrer Balkan-Tour in diesem Monat schmerzlich erfahren, wie wenig Brüssel inzwischen in Südosteuropa ernstgenommen wird. In Mazedonien liess sie der Staatspräsident mit ihren Vorstellungen zur Krisenlösung abblitzen.

In Serbien ging ihre Rede im Parlament in Buhrufen unter. Im Kosovo verschärften sich die Konflikte sofort nach ihrer Abreise, wo sie doch Ruhe und Lösungen bringen wollte. In Bosnien waren die tief zerstrittenen drei Staatspräsidenten nur bereit, den EU-Gast zu einem nichtssagenden protokollarischen Termin zu treffen.

Verfassungskrise in Mazedonien: Präsident verweigert Regierung

Der Schwund des EU-Einflusses befeuert das massive Engagement Russlands, der Türkei und Chinas. Moskau versucht mit einer bisher unbekannten Propagandaoffensive, die Herzen der Menschen in den Balkanländern zu gewinnen. «Der Balkan hört nicht mehr auf Brüssel», trompetete die staatliche Agentur «Sputnik» vor wenigen Tagen. Oder die Überschrift lautet - noch mit einem Fragezeichen «Osteuropa wendet sich Russland zu?».

Auch die Türkei hat einen Fuss in der Tür

Aber auch die Türkei hat bereits einen Fuss in der Tür. Ihre Basis ist die muslimische Bevölkerung. In Bosnien-Herzegowina hat sie sich durch den Aufbau Dutzender kriegszerstörter Moscheen einen Namen gemacht. In Südserbien sind türkische Firmen bejubelte Investoren vor allem im Textilsektor.

China baut auch auf dem Balkan seit Jahren an der Wiederauferstehung der alten Seidenstrasse mit Grossinvestitionen in Autobahnen und Eisenbahnstrecken wie zwischen Belgrad und Budapest. Seit kurzem mischen auch arabische Länder mit. Sie kaufen in grossem Stil Grundstücke in Bosnien, bauen ein ganzes Stadtviertel in Belgrad oder haben das Sagen bei der serbischen Fluggesellschaft.

Recep Tayyip Erdogan

  • Turkey Military Coup
  • Turkey Azerbaijan
  • Turkey Belgium Attacks
  • Turkey G-20

Die mit Abstand Aktivsten sind aber die Russen. Seit Tagen steht ihre staatliche Sberbank beim jüngsten EU-Mitglied Kroatien im Zentrum des Wirtschaftskrimis um den überschuldeten grössten Lebensmittel- und Handelskonzern Agrokor. Die Bank ist der grösste Gläubiger und verfolgt neben wirtschaftlichen Interessen an diesem für die gesamte Balkanregion wichtigen Schlüsselunternehmen auch «geostrategische» Ziele, meint die renommierte Zagreber Zeitung «Vecernji list».

Russland stösst mit heftiger Propaganda ins Vakuum

Russland stösst mit seiner immer heftigeren Propaganda in den Sprachen der Region offensichtlich in ein immer grösseres Vakuum, das Brüssel hinterlässt. Da die EU mit sich selbst und mit den vielen Krisen in ihrer Umgebung beschäftigt ist, wird allem Anschein nach der Balkan mit seinen ungelösten Krisen nur noch verwaltet. «Es bleibt der bittere Eindruck und die Furcht, dass sich die EU und der Westen langsam von der Region wegdrehen, wenigstens solange sie nicht explodiert», schreibt das Belgrader «Novi Magazin» in seiner jüngsten Ausgabe. 

Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin

  • TUERKEI BESUCH PUTIN ERDOGAN
  • RUSSLAND TUERKEI BESUCH ERDOGAN PUTIN
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Das Machtvakuum könnte noch grösser werden durch einen möglichen Rückzug der USA unter ihrem neuen Präsidenten Donald Trump. Die meisten Kommentatoren in der Region erwarten, dass das amerikanische Interesse dramatisch nachlassen wird. Schon jetzt schafft es Moskau, die Balkanpolitiker auch für seine globalen Interessen einzuspannen.

So titelte in der letzten Woche die staatliche russische Agentur «Sputnik» auf Deutsch: «Die Krim-Frage 'ist entschieden' - Warum, erläutert der Präsident der Republik Srpska». Zur Sprache kam dabei der bosnische Politiker serbischer Volkszugehörigkeit Milorad Dodik. Der wurde von «Sputnik» wie folgt zitiert: «Es ist schwierig, die Handlungen des Westens vorauszusagen, der so gern doppelte Massstäbe anlegt». 

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