11.01.2018 - 10:18, Von Bradley Klapper, AP

Der Sohn des letzten Schahs: Royaler Strippenzieher im Exil

 

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Der Sohn des letzten Schahs sieht eine Chance auf ein Ende der islamischen Republik im Iran. Reza Pahlavi hält die jüngsten Proteste für gefährlicher für die Teheraner Führung als die Demonstrationen von 2009.

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Reza Pahlavi ist ein Kritiker der konservativen Kleriker, die den Iran beherrschen.
Bild: Susan Walsh/AP/dpa

Reza Pahlavi scrollt sich auf seinem Smartphone konzentriert durch Videoclips von skandierenden Iranern. Seiner Ansicht nach hebt sich die Protestbewegung in seiner Heimat klar von früheren Demonstrationen ab. Auch wenn der Protest jüngsten Berichten zufolge nachlässt, ist der Nachkomme der 2500 Jahren alten persischen Monarchie überzeugt davon, dass das iranische Volk gerade ein Stück Zukunftsgeschichte schreibt.

«Wir wissen alle, dass ein Regimewechsel die ultimative Formel ist», sagt Pahlavi, der Sohn des letzten Schahs vor der Islamischen Revolution von 1979 und ein scharfer Kritiker der konservativen Kleriker, die den Iran seitdem beherrschen. «Es wird nicht passieren, weil es die USA, die Briten, die Saudis oder die Israelis sagen. Es passiert, weil es das ist, was die iranische Bevölkerung will.»

Aus Sicht Pahlavis geht es bei den seit zwei Wochen anhaltenden Protesten nicht um Eierpreise, Arbeitslosigkeit oder wirtschaftliche Chancen. Vielmehr spiegelten die Demonstrationen in Städten im ganzen Land eine breitere Unzufriedenheit mit dem gesamten politischen System wider, sagt der Sohn des früheren Monarchen. Er wirbt dafür, die Theokratie im Iran durch eine pluralistische parlamentarische Demokratie zu ersetzen.

Die aktuelle Unzufriedenheit bedrohe das Überleben der Islamischen Republik stärker als die Gewalt nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl von 2009, sagt Pahlavi in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP. Damals hatten die Demonstranten dem erklärten Wahlsieger und Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad Wahlbetrug vorgeworfen und eine Annullierung der Abstimmung gefordert.

«Das sind Thronräuber, die das Land überfallen haben»

Nun dagegen sei die Zeit für eine grosse Oppositionsbewegung gekommen, erklärt Pahlavi. Er unterstütze von seinem Exil in Washington aus iranische Aktivisten, Menschenrechtler, Gewerkschaftsführer, Journalisten und Studenten bei dem Versuch, eine grosse Zahl von Bürgern für den Widerstand gegen den geistlichen Führer Ajatollah Ali Chamenei und das übrige Establishment zu gewinnen.

«Das sind Thronräuber, die das Land überfallen und uns als Geiseln genommen haben», sagt der Schah-Sohn. «Und wir müssen unser Land zurückbekommen. Heute ist die Zeit dafür.» Als seine Aufgabe sehe er es – zumindest vorerst - an, im Westen die Fahne der Demonstranten hochzuhalten. Ziel sei, dass westliche Regierungen deutlicher reagieren und Sanktionen gegen die iranische Führung in Betracht ziehen.

Nach Angaben Teherans wurden im Zuge der Proteste seit dem 28. Dezember etwa 3700 Menschen festgenommen. Einige Demonstranten riefen zum Sturz der Regierung auf und sprachen Pahlavi in Sprechchören ihre Unterstützung aus, wie auf Videos zu sehen ist. Der Sohn des früheren Monarchen hatte seine Heimat im Alter von 17 Jahren verlassen, um eine Militärflugschule in den USA zu besuchen. Kurz darauf gab sein krebskranker Vater Mohammad Reza Pahlavi den Thron auf und ging ins Exil. Aufgrund der Revolution kehrte keiner der beiden Pahlavis je zurück.

Umfang und Intensität der Demonstrationen haben viele Beobachter überrascht. Während nach der umstrittenen Wahl 2009 Millionen Menschen in Teheran auf die Strasse gegangen waren, ist die Bewegung diesmal amorpher und führerlos, hat aber offenbar eine grössere Reichweite: Sie breitete sich auf mehr als 80 Städte landesweit aus.

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Persönliches Machtstreben als Antrieb?

Pahlavi hält sich über die Entwicklungen durch ein grosses Netzwerk an Kontakten inner- und ausserhalb der Regierung auf dem Laufenden, das er über Jahrzehnte gepflegt hat. Eine ebenso wichtige Quelle sind normale Iraner, die sich über soziale Medien direkt an ihn wenden.

Doch womöglich ist Pahlavi keine glaubhafte Stimme für den Wandel in einem Land, das er seit 38 Jahren nicht gesehen hat. Iranische Regierungsvertreter werfen ihm vor, die Instabilität auszunutzen, um sein persönliches Machtstreben voranzutreiben. Und sein Vater dient kaum als Musterbeispiel für Demokratie, sondern stand wegen seiner repressiven Herrschaft und Prunksucht massiv in der Kritik.

Viele der jungen Demonstranten von heute haben die Herrschaft des letzten Schahs nicht mehr miterlebt. Pahlavi hält die Unterstützung, die er unter anderem über Textnachrichten erfährt, dennoch für echt. «Das ist kein Zufall und keine Nostalgie», sagt der 57-Jährige. Eine Generation junger und kritischer Iraner stimme seiner Botschaft der Inklusion zu und lehne die «Gehirnwäsche» und Ausgrenzung der Islamischen Republik ab.

Sein Ziel will Pahlavi durch eine Intensivierung des Widerstands erreichen, bis die iranische Regierung implodiert, wie er sagt. Dann müsse ein Übergangsprozess eingeleitet werden mit der Wahl einer Verfassunggebenden Versammlung. In der Verfassung sollten Demokratie und Säkularismus verankert werden, dann könnten freie und faire Wahlen zum ersten Parlament und einer Regierung folgen.

Welche Rolle Pahlavi für sich selbst sähe in diesem neuen Iran? «Ehrlich gesagt weiss ich es nicht», räumt er ein. «Ich weiss nur, was ich jetzt tun muss.» Faire Wahlen im Iran seien seine «einzige Mission im Leben». Falls er gebraucht werde, würde er aber auch Verantwortung für sein Land übernehmen, sagt der 57-Jährige zurückhaltend: «Jeder weiss, dass ich das monarchische Erbe trage. Wenn das Land eher bereit ist für eine Republik, umso besser.»

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