20.04.2017 - 22:00, Fragebogen: Danica Gröhlich

Warum der SRF-Korrespondent zum Blitzableiter für Marine Le Pen wurde

 

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Neu berichten SRF-Korrespondenten für «Bluewin» von ihrem Arbeitsalltag und der aktuellen Situation im Land. Heute: Michael Gerber vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich am Sonntag.

«Bluewin»: Wie ist die Stimmung derzeit im Land?

Michael Gerber: Ziemlich angespannt. Viele Menschen wissen nicht, wem sie bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen ihre Stimme geben sollen. Das drückt sich auch in den Umfragen aus: Die beiden Favoriten Marine Le Pen (Front National) und Emmanuel Macron (En Marche!) haben etwas an Schwung verloren und werden nun von François Fillon (Les Républicains) sowie Jean-Luc Mélenchon (La France insoumise) eingeholt. Der Wahlausgang ist offener als bei früheren Präsidentschaftswahlen. Das verunsichert viele Bürgerinnen und Bürger.

Wurden Sie in Ihrer Arbeit für das Schweizer Fernsehen schon behindert? Was ist vorgefallen?

Bei einem Dreh in einem Problemquartier von Amiens sind wir vor einiger Zeit von einer Gruppe von Jugendlichen bedroht worden. Sie wollten uns die Kamera entreissen, weil sie meinten, wir hätten sie gefilmt, wie sie vor den Hauseingängen herumlungerten und mutmasslich auf Drogenkunden warteten. Stattdessen hatten wir ihrem Wohnblock lediglich eine Hausbewohnerin interviewt. Das versuchte ich den Jugendlichen zu erklären, was mir nach einigem Hin und Her schliesslich gelang.

Wohin würden Sie an Ihrem Einsatzort nie hingehen? Gab es schon brenzlige Situationen?

Ich gehe überall hin. Doch seit dem Vorfall in Amiens achte ich stärker darauf, in einem heiklen Quartier eine verlässliche, ortskundige Kontaktperson zu haben, die beim Dreh dabei ist und uns zum Bus oder zum Taxi begleitet.

Hand aufs Herz: Wie schwer fällt es Ihnen manchmal, Ihre persönliche Meinung zurückzuhalten? Was machen Sie in so einem Moment, gerade bei einer Live-Schaltung?

Das fällt mir nicht schwer. Meine Meinung ist für das Schweizer Fernsehpublikum nicht von Belang. Interessanter ist es, dass ich die Meinungen und Einschätzungen von Französinnen und Franzosen wiedergeben und die Stimmung im Land vermitteln kann.

Schwierig kann es sein, nach dramatischen Ereignissen in Live-Gesprächen sachlich zu bleiben und nicht allzu emotional zu werden. Das habe ich nach den Terroranschlägen von Paris und Nizza erlebt. Emotionen zuzulassen gehört dazu, aber nur in einem für das Publikum erträglichen Mass. Ich habe einen Kollegen gesehen, der vor laufender Kamera in Tränen ausgebrochen sind. Das ist mir zum Glück nicht passiert.  

Was war das Spannendste bislang und vor welchem Interview hatten Sie am meisten Herzklopfen?

Ich finde den gegenwärtigen Präsidentschaftswahlkampf hochspannend. Das Rennen ist offen. Das macht es für mich als Politjournalist besonders interessant.

Ich habe vor jedem Interview Herzklopfen. Besonders stark ist es, wenn das Interview zwischen Tür und Angel stattfinden muss – weil französische Spitzenpolitiker ausländischen Fernsehkorrespondenten selten ein ausführliches Interview gewähren. Da heisst es also, dem Politiker oder der Politikerin zum Beispiel nach einem Auftritt in einer Morgensendung des französischen Radios aufzulauern und dann zwei, maximal drei Fragen zu stellen. Und wenn der vorherige Radioauftritt schlecht gelaufen ist, droht man zum Blitzableiter zu werden. Ich habe das einmal mit Marine Le Pen erlebt. Sie war von den Radiokollegen gerade ziemlich in die Enge getrieben worden. Sie hat zwar auf meine Fragen geantwortet, jedoch in einem ausgesprochen bissigen Ton.

Marine Le Pen

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  • France Euro Exit?

Und der peinlichste Vorfall während Ihrer Korrespondenten-Zeit?

Technische Probleme während Live-Schaltungen. Mir ist einmal bei den Trauerfeierlichkeiten nach den Terroranschlägen zwischen zwei Auftritten die Tonverbindung ins Studio abgebrochen, weil das Mobiltelefon des Toningenieurs keine Batterie mehr hatte. Ich versuchte mit dem eigenen Handy in die Sendung anzurufen, was das Publikum live mitbekam.

Wohin würden Sie als Korrespondent gerne mal gehen?

Überallhin, wo ich interessante Menschen treffen kann, die über ihre Erfahrungen, ihre Freuden oder Leiden berichten wollen.

Wie sieht bei Ihnen ein typischer Tag als Auslandkorrespondent aus?

Den gibt es nicht. Jeder Tag ist anders. Das macht die Aufgabe so vielfältig und spannend.

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