Corona-Leugner neigen zu Gewalt gegen Polizisten

twei

30.12.2020

Policemen arrest a demonstrator attends a protest against the Swiss government's measures to slow down the spread of the coronavirus disease (COVID-19), at the Turbinenplatz in Zurich, Switzerland, Saturday, September 19, 2020. (KEYSTONE/Ennio Leanza)
Polizisten werden bei Einsätzen immer häufiger attackiert – unter anderem auf Demonstrationen gegen die Corona-Massnahmen. (Archivbild)
Bild: Keystone/Ennio Leanza

Polizisten sind eigentlich dafür da, die Bürger zu schützen und in brenzligen Situationen zu deeskalieren. Während der Corona-Krise sehen sich die Ordnungshüter jedoch selbst vermehrt Attacken ausgesetzt. 

Auch zehn Monate nach der ersten Corona-Infektion in der Schweiz ist unser Alltag von der Pandemie bestimmt – und das mehr denn je. Strikte Massnahmen machen eine Normalität unmöglich, und eine schnelle Besserung ist angesichts der anstehenden Wintermonate nicht abzusehen. Dennoch: Der Grossteil der Bevölkerung steht hinter den strengen Regeln zur Eindämmung der Pandemie.

Nur wenige gehen immer wieder auf die Strasse, um gegen die Corona-Beschränkungen zu demonstrieren oder die grosse «Corona-Lüge» anzuprangern. Begleitet werden die Proteste von Polizisten, die eine Eskalation vermeiden sollen. Doch immer häufiger werden die Ordnungshüter selbst Ziel von Attacken, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet.

Johanna Bundi Ryser, Präsidentin des Verbandes Schweizerischer Polizei-Beamter, bestätigt die Übergriffe gegenüber Polizisten. «Das fing mit Beleidigungen an. Es wurde aber auch gepöbelt, gespuckt, und unsere Leute wurden tätlich angegriffen», beschreibt sie. Ähnliche Tendenzen nimmt auch Mark Burkhard, der Präsident der Polizeikommandanten in der Schweiz, wahr: «Wir stellen fest, dass die Stimmung angespannter wird, dass viele Menschen in dieser Zeit ganz grundsätzlich verunsichert sind und vermutlich auch deswegen dünnhäutiger reagieren.»

Ein Mann demonstriert gegen die Corona-Schutzmassnahmen des Bundes und wird von Polizisten ueberwacht, am Samstag, 19. Dezember 2020, auf dem Bundesplatz in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)
Polizisten am Rande einer Demonstration in Bern am 19. Dezember gegen die Corona-Massnahmen. (Archivbild)
Bild: Keystone/Anthony Anex

Neuer Negativrekord bei Übergriffen gegen Polizei erwartet

Noch liegen zwar keine Statistiken für 2020 vor, doch Attacken gegen Ordnungshüter seien während der Corona-Krise angestiegen, wie Bundi Ryser beobachtet. Bewahrheitet sich die Prognose der Gewerkschafterin, würde der Rekord vom vergangenen Jahr nochmals übertroffen. 2019 wurden 3251 Übergriffe auf Polizisten zur Anzeige gebracht. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 lag die Zahl noch bei 774. Als Brennpunkte machte die Statistik die Kantone St. Gallen, Freiburg, Bern und Luzern aus.

Eine Aussage von der Berner Kantonspolizei vervollständigt das Bild. Die Eskalation brenzliger Situationen habe während der Pandemie zugenommen, heisst es – ein Missstand, den es zügig zu beheben gilt, wenn es nach dem Bündner Ständerat Stefan Engler geht. «Diejenigen, die für unsere Sicherheit den Kopf hinhalten, dürfen im Gegenzug erwarten, dass wir ihnen den Rücken freihalten», fordert der CVP-Politiker.

Konkret erwarten Täter infolge von Gewaltausübung gegenüber Polizisten empfindlichere Strafen. Schon im Juni ist deswegen eine Gesetzesanpassung im Ständerat auf den Weg gebracht worden. Neben Geldstrafen in leichten Fällen sollen Unruhestifter für ihre Taten künftig auch mit Freiheitsstrafen belangt werden können.

«Ein greller Blitz, ein lauter Knall, und ich ging zu Boden»

Für Oliver M. kommen die verschärften Regeln jedoch zu spät. Der Zürcher Stadtpolizist wurde bei einer Demonstration schwer am rechten Auge verletzt, drohte gar zu erblinden. Auf einem Protestzug am 22. Januar – die Demonstranten vermuteten hinter dem Coronavirus damals eine Verschwörung mit dem Zentrum Davos und dem Weltwirtschaftsforum – landete ein Feuerwerkskörper im Auge von M.



«Ein greller Blitz, ein lauter Knall, und ich ging zu Boden», beschrieb der Polizist im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger». Aus seinem Auge habe es sofort geblutet. Auch seine Kollegen seien mit Leuchtkörpern, Flaschen und Steinen in Beschuss genommen worden. «Ein chaotischer Moment», wie sich der 30-Jährige an die Eskalation im Januar erinnerte.

Rückkehr in den Streifendienst

Oliver M. selbst verbrachte im Anschluss bange Stunden im Hospital. Unter grossen Schmerzen und stark beeinträchtigtem Sehvermögen im rechten Auge kümmerten sich Ärzte stundenlang um sein verletztes Auge. «Diese Abklärungen waren belastend», wie er heute zugibt. Doch M. hat Glück im Unglück: Das Auge hat keinen nachhaltigen Schaden genommen. Heute erinnern den Polizisten äusserlich nur noch eine Narbe und «ein kleiner schwarzer Punkt im Gesichtsfeld» an den Zwischenfall.

Bei der Verarbeitung dieses einschneidenden Erlebnisses halfen M. vor allem seine Kollegen. Gerade die Kameraden, die am 22. Januar mit ihm auf der Strasse waren, unterstützten ihn bei der Rekonstruktion der Ereignisse. Heute, elf Monate nach der Attacke, ist Oliver M. wieder regulär im Streifendienst aktiv. Seinen Kindheitstraum, als Polizist zu arbeiten, lasse er sich von den Chaoten nicht nehmen, so der 30-Jährige.

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