07.02.2015 - 00:00, Corina Hany / SDA/AWP Multimedia

Ruth Humbel: «Muss die Krankenkasse denn alles bezahlen?»

 

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Ruth Humbel sorgt mit ihren Vorschlägen schon mal für Aufruhr. Im Gespräch mit bluewin.ch sagt die CVP-Nationalrätin, wann Gesundheit Privatsache ist, mit welchem Thema sich die Politik schwer tut und was in ihrer Hausapotheke zu finden ist.

Ruth Humbel, der Bund gibt regelmässig Empfehlungen zur Ernährung ab. Wie viel soll ein Staat für die Gesundheit seiner Bürger tun und wo beginnt die Bevormundung?

Es ist gar nicht so einfach, sich bei dem riesigen Angebot an Nahrungsmitteln zurechtzufinden. Viele Riegel beispielsweise gelten als gesund. Schaut man aber genauer hin, versteckt sich darin überproportional viel Zucker. Da können Empfehlungen einer unabhängigen Kommission helfen.

Was aber wenn ich mir nicht sagen lassen will, was ich zu essen habe?

Jeder ist für seine Gesundheit selber verantwortlich und kann entscheiden, ob er sich an solche Empfehlungen halten möchte. Allerdings hat der Staat im Bereich der öffentlichen Gesundheit einen Auftrag: Zu informieren und aufzuklären, damit die Bürger über genügend Gesundheitskompetenzen verfügen. Dabei von Bevormundung zu sprechen, finde ich polemisch.

Sie forderten einst, dass Übergewichtige einen höheren Selbstbehalt bei Krankheiten zahlen sollen, die mit ihrem Übergewicht in Zusammenhang stehen. Führt das nicht zu weit?

Mir geht es darum, die Eigenverantwortung zu stärken. Wenn Sie beispielsweise mit dem Auto absichtlich in die Wand fahren, bezahlt Ihnen die Versicherung nichts. Im Gesundheitswesen gibt es keine solche Schadenminderungspflicht. Beim Übergewicht weiss man nun mal, dass es auf den Verlauf vieler Krankheiten einen negativen Einfluss hat und vermeidbare Kosten verursacht. Natürlich ist mir auch klar, dass viele Übergewichtige eine Menge für ihre Gesundheit tun. Darum sage ich auch nicht, dass alle Übergewichtigen mehr bezahlen müssen. Das fände ich falsch.

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Wie wollen Sie denn festlegen, wer mehr bezahlen muss und wer nicht?

Ein anderes Beispiel ist die Raucherentwöhnung: Das Bundesgericht entschied, dass die Krankenkassen das Medikament Champix bezahlen müssen. Das ist meines Erachtens keine Aufgabe der Krankenkassen und wenn schon, nur unter gewissen Bedingungen, beispielsweise, dass jemand erst nach zwei rauchfreien Jahren die Kosten zurückerstattet bekommt. So werden jene, die ernsthaft aufhören wollen, unterstützt. Jene aber, die frei nach dem Motto «die Krankenkasse zahlt ja» mal mit dem Medikament das Rauchen aufgeben und dann wieder anfangen, die müssten es selbst bezahlen.

Alternativmedizin wird immer populärer. Wie nutzen Sie diese?

Homöopathische Kügelchen habe ich selbstverständlich auch im Haushalt. Als meine Kinder noch klein waren, habe ich häufig darauf zurückgegriffen. Nur frage ich mich: Muss die Krankenkasse denn alles bezahlen? Alternativmedizin als Pflichtleistung der Krankenkassen macht dort Sinn, wo sie verträglicher ist, weniger Komplikationen mit sich bringt oder eine sinnvolle Ergänzung darstellt. Mühe habe ich allerdings, wenn Komplementärmedizin zusätzlich und ohne den Lead einer Fachperson in Anspruch genommen wird. Nur weil man gehört hat, dass diese oder jene Methode auch noch ganz gut sei.

Ist es denn nicht auch eigenverantwortlich, wenn jemand vorbeugend alternativmedizinische Methoden anwendet, um gesund zu bleiben?

Das kann man ja tun, keine Frage. Aber warum nicht mal selber etwas investieren? Die eigene Gesundheit sollte einem auch etwas wert sein.

Wird so die Gesundheitsvorsorge nicht zum Privileg der Besserverdienenden?

Das ist möglich, hat aber mehr mit Bildung den mit Einkommen zu tun. Darum ist Bildung und eine frühe Aufklärung so wichtig. Die Mütterberatung ist dafür ein gutes Beispiel. Dort erhalten die Eltern wichtige Informationen. Man muss alles lernen, auch das Elternsein. Ich war als frischgebackene Mutter selber froh um die Ratschläge der Mütterberatung.

Als Gesundheitspolitikerin beschäftigen Sie sich auch mit ethischen Fragen. Beispielsweise welche Behandlungen todkranke Menschen noch bekommen sollen.

Die Politik tut sich mit diesem Thema schwer und überlässt es den Spitälern. Dort verordnet man in der Regel lieber teure Therapien, als Zeit in das Gespräch mit Patienten und Angehörigen sowie in die Palliative Care zu investieren. Dabei wäre das Gespräch über die Endlichkeit des Lebens und ein würdiges Sterben wichtig. Wollen Menschen wirklich bis zum Schluss teure Spitzenmedizin in Anspruch nehmen bei schlechter Lebensqualität oder wollen sie nicht lieber gut betreut und möglichst schmerzfrei sterben? Es sind auch falsche finanzielle Anreize. Sterbehospize müssen von den Krankenkassen mitfinanziert werden.

Zum Abschluss: Wie haben Sie es selber mit der Gesundheit? Das Parlamentarierleben gilt ja nicht gerade als das gesündeste.

Wenn sich die Arthrose im Knie mal wieder meldet, wird mir bewusst, wie wichtig es ist, etwas für die eigene Gesundheit zu tun, so lange sie noch da ist. Ich achte darauf, immer etwas Sport zu machen. In Bern jogge ich gerne der Aare entlang. Allerdings nur bei schönem Wetter, bei kaltem und nassem Wetter ist es nicht so «amächelig» (lacht).

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