«Das wird die Union zerstören»3 Fragen zu Europas politischer Zukunft, die zu denken geben
Philipp Dahm
11.1.2026
Carlo Masala (links) stellt im Gespräch mit Anders Puck Nielsen spannende Thesen auf.
Bild: YouTube/Anders Puck Nielsen
Der Bundeswehr-Politologe Carlo Masala warnt im Gespräch mit einem dänischen Militär-Experten davor, dass die USA und Russland die Europäische Union zerstören wollen. Auch Hypernationalismus, Russlands nächster Krieg und Deutschlands Rolle in Europa sind Thema.
Däne fragt, Deutscher antwortet: Anders Puck Nielsen spricht mit Carlo Masala über die aktuelle geopolitische Lage.
Quo vadis, Europa? Der Kontinent wird nicht nur von Russland, den USA und China bedroht, sondern auch vom Hypernationalismus, so Masala. Für die EU sieht er schwarz.
Wann könnte Russland wieder zuschlagen, wenn der Ukraine-Krieg endet? Je nach Geheimdienst reicht die Zeitspanne von sechs Monaten bis vier Jahren.
Übernimmt Deutschland eine Führungsrolle? Das muss Berlin, meint Masala. Nielsen sagt, die Dänen würden danach «schreien».
Der Politikwissenschaftler Carlo Masala lehrt an der Universität der Bundeswehr München – und ist häufiger in TV-Runden und anderen Medien zu sehen. Nun hat der Deutsche sich mit dem dänischen Militär-Experten Anders Puck Nielsen zusammengesetzt – und mit dem Veteranen über die aktuelle Geopolitik sinniert. Hier die drei spannendsten Fragen:
Quo vadis, Europa?
Die politische Landschaft in Europa könnte sich in den nächsten zwei bis drei Jahren bedeutend wandeln, warnt Masala. «Wir bewegen uns auf eine Welt des Hypernationalismus zu, in der im Prinzip der Gedanke, dass deine Nation über den anderen steht, internationale Beziehungen beherrscht.»
Das treffe nicht nur auf die USA, China und Russland zu, sondern auch auf den aufstrebenden europäischen Nationalismus, der sich in noch mehr Regierungsbeteiligungen niederschlagen werde. «Das wird im Grunde die Europäische Union zerstören», prophezeit der 57-Jährige.
Gleichzeitig sei es «erstaunlich», dass es zwischen Moskau und Washington zwar Differenzen gebe, doch in einer Sache stimmten die beiden Mächte überein, so Masala: «Sie wollen grundsätzlich Europa und die Europäische Union zerstören, und sie arbeiten zusammen – nicht offen, aber jeder trägt seinen Teil dazu bei, um diese Politik zu verfolgen.»
Hand in Hand: Wladimir Putin und Donald Trump im August in Alaska.
Keystone/AP Photo/Julia Demaree Nikhinson
Nielsen fragt: Wie wird Europa das alles verkraften? «Ich bin ziemlich pessimistisch, wenn es um die Europäische Union als Institution geht», antwortet der Deutsche. Aber: «Ich bin nicht so pessimistisch, wenn es um Europa eine Koalition der Willigen und der Fähigen geht.» Voraussetzung sei jedoch, dass die Gesellschaft in Europa begreife, dass ihre demokratischen Strukturen bedroht seien und verteidigt werden müssten.
Wann könnte Russland wieder zuschlagen?
Masala kritisiert, dass es in Deutschland mehr Angst vor dem Rechnungshof und Verwaltungsgerichten gebe als vor Russland. Das sei eine Haltung aus Friedenszeiten, mit der die «Zeitenwende» nicht gelingen werde. «Wenn man 2029 ernst nimmt, benötigt man Strukturen, die auf Krisen ausgerichtet sind», sagt er.
Das sei das Jahr, in dem Moskau laut dem Militär-Nachrichtendienst in der Lage sei, einen Nato-Staat anzugreifen, erklärt der Deutsche auf Nachfrage des Dänen. «Das ist die deutsche Einschätzung?», hakt Nielsen nach. «Nicht nur», antwortet Masala. «Die dänische ist noch pessimistischer», sagt der Veteran lakonisch.
Russisches Kriegswerkzeug bei der Übung vor einer Parade in Moskau.
Archivbild:KEYSTONE
«Die Dänen sagen, sechs Monate nach dem Krieg könnten sie einen kleineren Konflikt starten», weiss der Professor. «Und zwei Jahre später einen Krieg», ergänzt Nielsen. Masala kommt wieder auf 2029 zu sprechen: Die Strukturen aus Friedenszeiten seien «nicht beweglich, schnell, dreckig» genug, um einem Angriff in vier Jahren zu begegnen.
Übernimmt Deutschland eine Führungsrolle?
Für Masala gibt es zu einer Führungsrolle der deutschen Bundeswehr in Europa «keine Alternative». «Denn Deutschland ist unter den grossen Militärmächten das einzige Land, dem alle Werkzeuge zur Verfügung stehen, um die Wiederbewaffnung Europas voranzutreiben.»
Frankreich sei «fast pleite», in Grossbritannien nehme die Regierung nicht genug Geld in die Hand. «Wenn Deutschland vorangeht, werden andere folgen», meint Masala. «Es ist wie bei der Wirtschaft: Wenn Deutschland vorangeht, folgt halb Europa. Wenn Deutschland zurückhaltend ist, ist halb Europa zurückhaltend.»
Nielsen fragt nach: Marschiert Berlin heute vorneweg? «Deutschland versucht es, aber es gibt immer noch kulturelle Hindernisse, um diese neue Rolle wirklich vollständig zu übernehmen», lautet die Antwort. Das hätten die jüngsten Ukraine-Gespräche in Paris gezeigt, bei denen diskutiert wurde, wer nach einem Waffenstillstand Truppen schicken könnte.
Berlin halte sich da zurück, findet Masala: Deutschland würde eher Truppen in ein Nachbarland schicken als direkt in die Ukraine. «Das ist so eine klassische deutsche Sache: Wir wissen, das ist ein heisses Thema in der deutschen Innenpolitik, weshalb wir nicht vorangehen.»
Deutsche Truppen während des Manövers Grand Quadriga 2024 im Mai 2024 in Pabrade in Litauen.
Bild: KEYSTONE
Das Motto sei «Abschreckung durch Distanz». Denkbar sei auch, dass Deutschland die türkische Marine bei einer Friedensmission im Schwarzen Meer unterstützt. «Da sieht man das kulturelle Problem in Deutschland», glaubt Masala. Der Schweizer Nachbar müsse erst noch lernen, seine neue Rolle in Europas Sicherheitsstruktur anzunehmen.
Das würden andere Länder auch von Berlin fordern, sagt der gebürtige Kölner. Nielsen stimmt zu: «Das ist, wonach jeder hier in Dänemark schreit: Bitte, ihr Deutschen, tut etwas. Ihr habt die Ressourcen.» Sein Gegenüber sagt, dank der «Zeitenwende» mache er sich um das Material keine Sorgen, doch bei der Rekrutierung hapere es noch.
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