«Die Ukraine wird zu einem Labor» 3 Punkte, die Kiews jüngste Erfolge im Krieg erklären

Philipp Dahm

22.5.2026

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Evakuierungen im Frontgebiet gehören zu den riskantesten Einsätzen im Ukraine-Krieg. Um Menschenleben zu schützen, setzt die Ukraine deshalb zunehmend auf Technik. Sogar Hund und Katze werden so gerettet.

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Wladimir Putins Frühjahrsoffensive ist im Sande verlaufen. Stattdessen ist nun der Gegner am Zug: Erstmals seit drei Jahren ergreift Kiew wieder die Initiative. 3 Aspekte beflügeln die ukrainischen Streitkräfte. 

Philipp Dahm

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Die russische Frühjahrsoffensive scheitert, die Ukraine gewinnt gerade die Initiative zurück. Dafür gibt es 3 Gründe.
  • 100 Kilometer und mehr: Drohnen vom US-Hersteller bedrohen russischen Nachschub tief im Hinterland der Front.
  • Technische Innovationen: Bomben, Raketen, Drohnen und Daten. Sogar die USA sind scharf auf Kiews Wissen.
  • Angriffe auf kritische Infrastruktur immer effektiver: Die Ukraine attackiert Russlands Raffinerien – und das kostet Moskau einiges.
  • Aber: Darum sollte man Russland nicht abschreiben.

«Russland taumelt auf dem Schlachtfeld», titelt der «Economist»: Erstmals seit drei Jahren pendelt die Initiative wieder auf die Seite der Ukrainer. Wladimir Putins Frühjahrsoffensive sei gescheitert, heisst es auch unter Verweis auf Moskaus jüngste Gebietsverluste.

«Die russischen Streitkräfte haben bei ihrer Offensive im Frühjahr/Sommer 2026 bisher keine nennenswerten Erfolge erzielt», schliesst sich das Institute for the Study of War (ISW) an. Der Kreml «leidet zunehmend unter Rekrutierungs- und Personalproblemen, einschliesslich Defiziten im Verhältnis zu den Gefallenen».

Gebietsgewinne und Verluste im Ukraine-Krieg.
Gebietsgewinne und Verluste im Ukraine-Krieg.
ISW

Seit dem Winter hätten Kiews Truppen 4000 Quadratkilometer befreit, schreibt das ISW: «Die ukrainischen Streitkräfte rückten in Richtung Kupjansk, in das taktische Gebiet Kostjantyniwka-Druschkiwka und in die westliche Oblast Saporischschja vor. Die russischen Streitkräfte rückten in Richtung Sumy und Pokrowsk vor.»

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100 Kilometer und mehr: Drohnen vom US-Hersteller bedrohen russischen Nachschub

Kiew hat ein neues Instrument im Werkzeugkasten, das fatale Folgen für die russischen Streitkräfte hat: Eine Drohne namens Hornet vom US-Hersteller Swift Beat mischt das Hinterland der Frontlinie auf. Der Kamikaze-Flieger soll eine Reichweite von 100 bis 150 Kilometern haben.

In diesem Bereich sind Depots, Strassen und Fahrzeuge kaum geschützt. Ein Video des 1. Asow-Korps der ukrainischen Nationalgarde zeigt, welchen Schaden die Hornets anrichten, die mit Starlink verbunden sind, relativ resistent gegen Störsender und von einer KI unterstützt sein sollen.

Wie sich das für die Betroffenen anfühlt, erzählt ein russischer Lastwagenfahrer auf X. «Dreht die Musik leiser und tretet das Gaspedal durch», rät er seinen Kollegen. Sie sollten ja nicht nachts fahren oder anhalten – «besonders wenn ihr gefährliches Zeug transportiert».

«Es kann sehr teuer sein, wenn man heutzutage stoppt, um eine Stunde zu schlafen», warnt der Fahrer. Er sei von Donezk nach Melitopol gefahren: «Ausgebrannte Fahrzeuge liegen nach Drohnenangriffen am Strassenrand», berichtet er.

Ukrainian Defense Forces are scaling up deep strikes on Russian logistics at ranges of 100–150+ km, and for some reason, the Russians aren't too thrilled about it.

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— WarTranslated (Dmitri) (@wartranslated.bsky.social) 20. Mai 2026 um 22:49

Mit der grösseren Reichweite können Kiews Drohnen ein Logistikzentrum wie die Stadt Donezk attackieren. Nun ist aber auch die Verbindung zwischen Russland und den besetzten Gebieten in der Südukraine in Schlagdistanz, ärgert sich der Kriegskorrespondent der russischen Zeitung «Komsomolskaja Prawda» auf Telegram.

«Drohnen der ukrainischen Streitkräfte haben damit begonnen, in dem ‹Landkorridor› zu operieren, der durch die befreiten Gebiete zur Krim führt. Die Drohnen werden von Starlink gesteuert», schreibt Dmitry Steshin. «Zwischen 150 und 300 der Musk-Satelliten könnten sich in der Zone der militärischen Sonderoperation und über ukrainischem Gebiet befinden.»

Kiew müsse der Starlink-Zugang genommen werden: «Andernfalls wird die Logistik in den kommenden Monaten zusammenbrechen. Wenn die Drecksäcke etwas mit der Krim-Brücke anstellen, wird die Halbinsel, wenn nicht abgeschnitten, so doch blockiert werden. Dann wird es einen weiteren Versuch [der Ukraine] geben, auf der Krim zu landen», so Steshin.

Technische Innovationen: Bomben, Raketen, Drohnen und Daten

Kiews rasante Fortschritte in der Militärtechnologie haben zu mehreren Kooperationen mit Ländern aus dem Westen und vom Persischen Golf geführt. Auch die USA wollen nun davon profitieren, berichtet «Bloomberg»: Demnach interessiert sich das Pentagon für Drohnen sowie Produkte aus dem Bereich der elektronischen Kriegsführung.

Ein Deal sei ausgehandelt worden, bei dem es einen Technologietransfer Richtung USA geben soll. Nun müssten die Entscheider «auf höchstem politischen Level» der Sache noch zustimmen. Gleichzeitig stellen ukrainische Hersteller immer neue Innovationen vor.

Ukrainian FP-1/FP-2 guided strike drone launching a salvo of unguided air-to-ground rockets against a strategic Black Sea Fleet communications node in Crimea. This is the first footage showing the use of unguided rockets from the FP-1/FP-2 onboard camera.

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— 🦋Special Kherson Cat🐈🇺🇦 (@specialkhersoncat.bsky.social) 17. Mai 2026 um 11:50

Mal geht es um eine Drohne, die per Ballon hoch und weit gezogen wird, um so deutlich mehr Akku für Schläge noch weiter im Hinterland zu haben. Mal geht es um eine Drohne, die erst ungelenkte Luft-Boden-Raketen auf ihr Ziel abfeuert, bevor sie sich am Ende selbst auf den Gegner stürzt.

Neue Präzisionswaffe im Ukraine-Krieg – Kiew präsentiert erstmals eigene Gleitbombe

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20.05.2026

Kiew forscht nicht nur an neuen Drohnen: Mit der Vyrivniuvach stellen nationale Hersteller nun erstmals eine eigene Gleitbombe her, die nur ein Drittel so viel kostet wie das amerikanische Pendant – siehe obiges Video. Auch bei Raketen mit langer Reichweite macht die Ukraine vorwärts: Sie soll den europäischen Firmen Destinus und Rheinmetall helfen, den Marschflugkörper RUTA Block 3 mit 2000 Kilometer Reichweite zu bauen.

Auf dem digitalen Schlachtfeld kooperiert Kiew ebenfalls mit einer westlichen Firma: Der US-Datenanalyst Palantir arbeitet für die ukrainischen Streitkräfte. Das beunruhigt den belarussischen Journalisten Alexander Zimovsky, der auf Telegram warnt, Palantir werde «bald ein angsteinflössender Begriff für russische Kinder» sein.

Mykhailo Fedorov met Palantir CEO Alex Karp in Kyiv to expand AI and defence tech cooperation. Ukraine says Palantir tools support detailed air attack analysis, large-scale intelligence processing and deep strike planning. #Ukraine

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— NOELREPORTS (@noelreports.com) 12. Mai 2026 um 09:48

Das KI-gestützte System sammle Daten unterschiedlichster Quellen und führe sie zusammen: «In Echtzeit wird ein einheitliches Bild des Schlachtfelds erstellt, das sofortige Entscheidungen ermöglicht», schreibt Zimovsky. «Die Ukraine wird zu einem Labor für Kampftechnologien der nächsten Generation und Palantir wird zum Kern eines neuen Modells der datengesteuerten Kriegsführung.»

Angriffe auf kritische Infrastruktur immer effektiver

Ukrainische Langstreckendrohnen sind zunehmend effektiv, stellt die Washingtoner Denkfabrik Atlantic Council fest. Ein Grund dafür sei, «dass das Land zunehmend auf Mittelstreckenschläge» setze. Mit der «mittleren Reichweite» ist die Zone zwischen zwanzig und zweihundert Kilometern hinter der Frontlinie gemeint.

«Dieses Zwischengebiet ist für die russische Militärlogistik von entscheidender Bedeutung und beherbergt auch grosse Mengen an Luftabwehrsystemen», heisst es weiter. Radar und Flugabwehr würden gezielt gejagt, was wiederum den Langstreckendrohnen erleichtere, ihre Ziele zu erreichen.

Dem russischen Soldaten Dmitry Tinkov dämmert es, dass angesichts immer grösserer Schwärme von ukrainischen Drohnen die Rechnung für sein Land nicht aufgeht. Ein Leopard-2-Panzer koste je nach Version 11 bis 32 Millionen Dollar. Eine Drohne schlage mit 5000 Dollar zu Buche. Für einen Panzer bekomme Kiew 2200 bis 6400 Drohnen, rechnet er vor.

Die Kosten für eine Rakete des Flugabwehrsystems Pantsir schätzt Tinkov auf Telegram auf [56'000 Dollar]. Alleine 1000 Raketen würden [56, 1 Millionen Dollar] verschlingen. «Was ist mein Punkt?», fragt der Soldat: «Ein Panzer wird bei uns keinen Schaden in Höhe von 56,1 Millionen verursachen. Aber 2200 bis 6400 UAVs Drohnen werden per se Schaden anrichten. Selbst wenn alles abgeschossen wird.»

Unter diesen Vorzeichen setzt Kiew seine strategischen Luftangriffe fort. Am 17. Mai und 20. Mai schlagen Drohnen im Grossraum von Moskau ein, als offenbar Raffinerien verfehlt werden. Am 19. Mai sind die Ukrainer erfolgreicher, als zum dritten Mal innert zwei Wochen die Raffinerie Jaroslawl angegriffen wird.

"Do not film Ukrainian attacks or post them," Russian authorities said. Seems like these employees are enjoying it? Today, Ukraine’s Defense Forces struck the Yaroslavl-3 oil pumping station near Semibratovo in Russia’s Yaroslavl region.

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— Anton Gerashchenko (@antongerashchenko.bsky.social) 19. Mai 2026 um 22:28

Die drittgrösste Raffinerie des Landes in Rjasan brennt zu diesem Zeitpunkt immer noch, nachdem Drohnen am 15. Mai attackiert haben. Und die viertgrösste Raffinerie Kstowo in der Oblast Nischni Nowgorod wird am 20. Mai getroffen.

Robert Brovdi alias «Madyar» kommandiert die ukrainische Drohnenflotte: Der Major sagt, seine Leute hätten in den ersten 20 Mai-Tagen zehn russische Raffinerien attackiert. Sechs von ihnen hätten den Betrieb in der Folge vorerst einstellen müssen.

Attacken auf russische Raffinerien in der Übericht – Stand: 21. Mai. Zur Quelle.
Attacken auf russische Raffinerien in der Übericht – Stand: 21. Mai. Zur Quelle.
X/Khoholenko

Aber...

... das, was die Ukraine macht, ist keine Hexerei. So entwickelt auch Russland neue Waffen, lernt schnell vom Gegner und passt sich an.

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Beim ersten Testflug des neuen Tarnkappen-Jets Su-57D schaut der Westen genau hin. Denn die neue Zweisitzer-Version deutet darauf hin, dass Russland sich bereits auf künftige Luftkriege mit Drohnen und KI-Unterstützung vorbereitet.

21.05.2026

Dass sich Kiew gerade so gut schlägt, ist eine Momentaufnahme. Der Krieg ist gleichzeitig ein Rüstungswettlauf: Auf eine Innovation folgt eine Neuerung, die darauf reagiert. Ein Beispiel: Die Ukraine hat über 1700 Kilometer Strassen mit Netzen gegen Drohnen geschützt, um russische Attacken zu vereiteln.

Die Russen reagieren, indem sie eine Drohne vom Typ Molniya-2 einsetzen, die die Netze mit einer brennbaren Flüssigkeit kaputtmacht.

‼️ Russian troops use "Molniya" drones with a thermite mixture to burn anti-drone nets and positions in Kostiantynivka. During combat duty, a soldier of the mobile fire group of "Khyzhak" brigade saw such a drone in the air and shot it down.

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— MAKS 25 👀🇺🇦 (@maks23.bsky.social) 21. Mai 2026 um 10:30

Auch wenn die Ukraine im Moment im Vorteil zu sein scheint, ist nicht abzusehen, wie lange der Krieg noch dauern wird. Putin hat noch einige Joker, die er ausspielen kann – etwa eine Mobilisierung, die allerdings unpopulär ist.

Oder Belarus schaltet sich in den Krieg ein: Wolodymyr Selenskyj warnt am 20. Mai davor, dass eine neue Front eröffnet werden könnte. «Wir haben besprochen, was derzeit in Richtung Belarus und der russischen Region Brjansk passiert», sagt der Präsident «Von dort aus denken die Russen über Szenarien für weitere Angriffe auf die Ukraine nach».