Aserbaidschan gegen Armenien – Erdogans Freischärler und Putins langer Atem

Philipp Dahm

29.9.2020 - 17:30

Weiter Gefechte um Bergkarabach

Weiter Gefechte um Bergkarabach

Zwischen Armenien und Aserbaidschan gab es nach Angaben der jeweiligen Verteidigungsministerien schweres Artilleriefeuer.

29.09.2020

Schon seit Jahrzehnten schwelt der Kampf um Berg-Karabach, doch nun könnten externe Faktoren verhindern, dass sich der Konflikt beruhigt. Was Sache ist, klären diese fünfeinhalb Fragen und Antworten (mit Update).

Der seit Jahrzehnten dauernde Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan ist am Sonntag wieder aufgeflammt: Es handelt sich um die schwerste Eskalation seit Jahren. Die Schweiz sei besorgt, teilte das Aussendepartement am Montagabend mit.

Alle Parteien sollten die Stabilität der Region zu wahren, der Gewalt ein Ende setzen, ihre völkerrechtlichen Verpflichtungen einhalten und insbesondere die Zivilbevölkerung schützen. Es müssten unverzüglich und ohne Vorbedingungen substanzielle Verhandlungen wieder aufgenommen werden. Die Schweiz sei bereit, sich für Treffen auf höchster Ebene zur Verfügung zu stellen.

Was die Hintergründe und wer die Hintermänner der Kämpfe sind, klären wir in fünfeinhalb Fragen und Antworten – inklusive Update vom Dienstag, 17.30 Uhr (siehe unten).

Worum geht's?

Immer wieder Berg-Karabach: Das vornehmlich von Armeniern besiedelte Gebiet gehört rechtlich zu Aserbaidschan, ist de facto aber nicht von Baku kontrolliert. Die 145'000 Einwohner zählende Region war zu Sowjetzeiten autonom: Nach dem Zusammenbruch der Union versuchte Aserbaidschan in einem Krieg zwischen 1988 und 1994 Berg-Karabach einzunehmen, scheiterte jedoch damit.

Nagorno-Karabakh alias Berg-Karabach auf der Karte.
Karte: WikiCommons/VartanM.

30'000 Tote hatte Baku damals zu beklagen, die die zehn Millionen muslimischen Aserbaidschaner bis heute nicht vergessen haben. Armenien, das knapp drei Millionen christliche Einwohner hat, meldete damals rund 6'000 Todesopfer.

Sind Konflikte seither ungewöhnlich?

Überhaupt nicht. Der Konflikt ruht seit 1994, flammt aber regelmässig wieder auf. Die Armeen sind durch eine Pufferzone getrennt, die sich an einem Gebirge orientiert. Die natürliche geologische Zone heisst im Englischen Nagorno-Karabakh Line of Contact.

Technisch bleiben die beiden Staaten weiter im Krieg, auch wenn ein von der OSZE-Minsk-Gruppe vermittelter Frieden vorerst hält. In der Gruppe geben vor allem Frankreich, Russland und die USA den Ton an.

Schwere aserbaidschanische Artillerie im September 2020 im Einsatz.
Screenshot: YouTube

Seit 2008 häufen sich Grenzscharmützel. Sie gipfelten 2016 in einem viertägigen Krieg mit rund 200 Opfern. Zuletzt kam es im Juli 2020 zu Gefechten mit über einem Dutzend Toten.

Welche Rolle spielt Russland?

Russland ist traditionelle Schutzmacht Armeniens: Moskau unterhält in dem Land in Gyumri (früher: Leninakan) nahe der Grenze zur Türkei einen Militärstützpunkt mit rund 3'000 Soldaten und hat auf einem Militärflugplatz nahe Eriwan auch Kampfjets stationiert.

Armenien ist ausserdem Mitglied des Warschauer-Pakt-Nachfolgers «Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit», aus dem Aserbaidschan übrigens 1999 ausgetreten ist. Der Einfluss Moskaus ist so gross, dass Eriwan 2013 den Versuch aufgegeben hat, mit der EU ein Assoziierungsabkommen abzuschliessen.

Aktuelle Bilder der armenischen Seite zeigen angeblich die Zerstörung aserbaidschanischer Panzer.
Screenshot:  YouTube

Der Kreml verkauft aber auch Waffen an Aserbaidschan – und hat nicht zuletzt deshalb ein gewisses Interesse an Unruhe in der Region. Nun spielt Moskau den Vermittler: «Russland hat die Möglichkeit, seinen Einfluss und die traditionell guten Beziehungen zu beiden Ländern für eine Lösung dieses Konflikts zu nutzen», sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow.

Wer mischt noch in dem Konflikt mit?

Während die USA einst in der OSZE-Minsk-Gruppe noch Mitsprache hatten, gibt sich Washington inzwischen ungeniert desinteressiert am Konflikt. Als im Juli dieses Jahres Kämpfe wiederaufflammten, war das Aussenminister Mike Pompeo beim Telefonat mit seinem russischen Kollegen Lawrow keine Silbe wert.

Ganz anders dagegen Recep Tayyip Erdogan: Der türkische Präsident ist aussenpolitisch zuletzt voll in die Offensive gegangen – und dabei wie im libyschen Stellvertreterkrieg oder in Syrien auch mit Russland aneinandergeraten. Die Türkei fährt dabei einen nationalistisch-islamistischen Kurs, der an die einstige Glorie des Osmanischen Reichs anknüpfen will und der auch im Kaukasus offen zutage tritt.

epa07847270 Russian President Vladimir Putin (R) and Turkish President Recep Tayyip Erdogan (L) talk after a joint news conference with Iranian President following their trilateral talks in Ankara, Turkey, 16 September 2019. The leaders of Russia, Iran and Turkey meet in the Turkish capital to negotiate on a long-term settlement in Syria. EPA/PAVEL GOLOVKIN / POOL
Recep Tayyip Erdogan (links) und Wladimir Putin im September 2019 in Ankara: Die türkische Armee ist in Syrien, Libyen und dem Kaukasus ziemlich ausgelastet. Russland hat hier wohl den längeren Atem.
Bild: Keystone

Der türkische Aussenminister Hulusi Akar goss im Juli Öl ins Feuer, als er ankündigte, Eriwan werde für die Grenzscharmützel «bezahlen». Es folgten gemeinsame Manöver mit Aserbaidschan – und als die UN jüngst ihr 75-jähriges Bestehen feierten, schwadronierte Erdogan in New York bloss, dass Armenien das einzige Hindernis auf dem Weg zu einem Frieden im Kaukasus sei.

Last but not least pflegt Aserbaidschan gute Beziehungen zu Israel – hier bezieht Baku angeblich auch seine modernen Kampfdrohnen.

Was ist an der aktuellen Lage gefährlich?

Normalerweise gehen derartige Grenzkonflikte zwischen den beiden Ländern glimpflich aus: Experten beschreiben den Vorgang als «Karabach-Pendel». Es schlägt in eine militärische Richtung aus, worauf wieder eine diplomatische Zwischenlösung folgt, bis es wieder knallt.

Die militärische Eskalation dient dabei oft nur dem Zweck, die eigene Verhandlungsposition zu verbessern, wenn das Pendel wieder auf der diplomatischen Seite steht. Nach diesem Schema würden nun beide Seiten einige kleine, unbedeutende Landstriche in der Peripherie erobern, um sich vor dem eigenen Volk als Sieger deklarieren zu können. Weil beide Staaten schwer unter der Pandemie leiden, können sie sich Krieg eigentlich nicht leisten.

Propaganda: Eine aserbaidschanische Drohne zerstört im September 2020 angeblich einen eingegrabenen Panzer.
Screenshot: YouTube

Doch während Armenien arm ist, hat das Öl Aserbaidschan im letzten Jahrzehnt Rückenwind verschafft. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung ist eine militärische Aufrüstung einhergegangen – und nun verstärkt die Türkei mit ihrem martialischen Auftritt die Spannungen. Es wurden sogar Stimmen laut, die behaupten, Ankara habe islamistische Kämpfer in Syrien angeworben und in die Konfliktregion gebracht

Die Gegenseite behauptet, hier ein Kettenfahrzeug ausser Gefecht gesetzt zu haben.
Screenshot: YouTube

Zusätzlichen Zündstoff gibt es auf der nationalen Ebene. Nach den Zusammenstössen im Juli ging beispielsweise in Baku ein Mob auf die Strasse und lieferte sich sogar Strassenschlachten mit der Polizei. Der Grund: Die Nationalisten empörten sich über zu hohe aserbaidschanische Verluste und forderten ein aggressiveres Vorgehen gegen Eriwan. Die Hardliner in den Konfliktländern könnten eine Beruhigung des Konfliktes also ebenfalls unmöglich machen.

UN-Sicherheitsrat befasst sich mit Eskalation in Berg-Karabach

UN-Sicherheitsrat befasst sich mit Eskalation in Berg-Karabach

In Berg-Karabach halten die heftigen Gefechte den dritten Tag in Folge an. Stunden vor Beginn einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats startete die aserbaidschanische Armee eine neue Offensive in dem von Armenien unterstützten De-facto-Staat.

29.09.2020

Update Dienstag, 17.30 Uhr

Der Konflikt im Kaukasus wird heisser. Eriwan meldet, dass ein Kampfjet vom Typ Su-25 abgeschossen worden ist. Der Pilot des armenischen Erdkampfflugzeugs sei dabei getötet worden. Die Maschine sei von einer F-16 vom Himmel geholt worden.

Dieser US-Jet wird in der Umgebung nur von der türkischen Luftwaffe eingesetzt. Die Türkei und Aserbaidschan wiesen das als Propaganda zurück. Sollte sich die Behauptung dennoch als wahr erweisen, wäre Ankara direkt in den Konflikt mit Armenien involviert.

Armenisches Iskander-Raketensystem im April 2017 bei einer Parade in Eriwan.
Bild: WikiCommons/Jonj7490

Armenien wirft der Türkei ausserdem vor, mittlerweile 4'000 islamistische Kämpfer aus Syrien in die Region gebracht zu haben. Das Militär drohte angeblich auch damit, schweres Geschütz gegen Ankara einzusetzen. Armenien verfügt über 25 Abschussrampen für Kurzstreckenraketen vom russischen Typ Iskander. Zudem soll Russland seine Luftstreitkräfte in dem Land verstärkt haben.

Bonusfrage: Wie kam die ethnische Exklave zustande?

Die kleinen Völker im Kaukasus sind seit jeher Spielball der sie umgebenden Gross- oder Regionalmächte Russland, Iran und das Osmanische Reich alias Türkei, die auch seit jeher versuchen, die Demografie in der Region durch Deportierung oder Ansiedlung zu verändern.

Hintergrund: Zankapfel Berg-Karabach

Hintergrund: Zankapfel Berg-Karabach

Die Auseinandersetzungen zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Berg-Karabach sorgen seit Jahrzehnten für Unruhe im Kaukasus. Während Russland das vorwiegend von Christen bewohnte Armenien unterstützt, steht die Türkei fest an der Seite des muslimischen Aserbaidschan.

29.09.2020

Karabach fiel 1813 vom Iran an Russland. 1823 waren 91 Prozent der Bevölkerung dort muslimisch. Dennoch ist die Teilregion Berg-Karabach (Englisch: Nagorno-Karabakh) heute von christlichen Armeniern bewohnt. Die historischen Hintergründe erklärt ein Video des in Baku stationierten geopolitischen Blogs «Casbian Report», das nicht nur ausgewogen, sondern vor allem auch klug und informativ ist.

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