Neues Social Media Gesetz Australien will seine Teenager schützen – und greift zu drastischen Massnahmen

Lea Oetiker

9.12.2025

Die Altersgrenze wird damit begründet, dass soziale Medien für Kinder und Jugendliche Risiken bergen. (Archivbild)
Die Altersgrenze wird damit begründet, dass soziale Medien für Kinder und Jugendliche Risiken bergen. (Archivbild)
Annette Riedl/dpa

Ab dem 10. Dezember, um Mitternacht (Ortszeit), gilt für Kinder und Jugendliche in Australien ein Social-Media-Verbot. Eine Übersicht.

Lea Oetiker

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Australien verbietet ab Mittwoch die Nutzung sozialer Medien für unter 16-Jährige.
  • Betroffen sind Plattformen wie Instagram, TikTok, Snapchat und mehr.
  • Die Regierung warnt vor Online-Gefahren, Forschende fordern hingegen bessere Medienbildung statt eines pauschalen Verbots.

Ab dem 10. Dezember gilt in Australien ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren. blue News erklärt dir, welche Plattformen betroffen sind, wie es dazu kam und welche Strafen drohen, wenn das Gesetz umgangen wird:

Worum geht's und welche Plattformen sind betroffen?

Als erstes Land der Welt verbietet Australien soziale Medien für Kinder und Jugendliche. Ab Mittwoch müssen viele der weltweit grössten Social-Media-Plattformen die Konten aller Nutzer*innen unter 16 Jahren in Australien löschen. Wegen der Zeitverschiebung fällt der Startzeitpunkt in der Schweiz auf den 9. Dezember um 14 Uhr.

Vom Verbot sind hunderttausende Kinder und Jugendliche betroffen. Allein Instagram zählt etwa 350'000 australische Nutzende im Alter von 13 bis 15 Jahren. Snapchat rechnet mit rund 440'000 betroffenen Nutzer*innen.

Das Gesetz gilt für Plattformen wie Facebook, Instagram, Threads, Snapchat, TikTok, Reddit und die Live-Streaming-Plattformen Twitch und Kick.

Ausgenommen sind mehrere Apps, die laut eSafety vor allem fürs Austauschen von Nachrichten oder zum Spielen genutzt werden, darunter Facebook Messenger, Pinterest, WhatsApp und YouTube Kids.

Auch der Messengerdienst Discord und die Spieleplattform Roblox sind nicht betroffen – dabei stehen beide massiv in der Kritik, zu wenig für den Schutz von Minderjährigen zu tun.

Wer hat das Verbot initiiert?

Die Regierung unter Premier Anthony Albanese hatte das Gesetz Ende 2024 verabschiedet. Fast alle grossen Parteien unterstützen den Vorstoss. 

Die Regierung begründete das neue Gesetz mit dem Wohl von Teenagern: Junge Menschen sollen davor geschützt werden, zu viel Zeit vor Bildschirmen zu verbringen und Inhalte zu konsumieren, die ihrer Gesundheit und ihrem Wohlbefinden schaden.

Anfang 2025 liess die Regierung dazu eine Studie durchführen. Das Resultat: 96 Prozent der Kinder zwischen zehn und fünfzehn Jahren nutzen soziale Medien. Sieben von zehn von ihnen kommen dort mit schädlichen Inhalten in Berührung, darunter frauenfeindliche oder gewaltverherrlichende Beiträge sowie Darstellungen, die Essstörungen oder suizidales Verhalten glorifizieren.

Jedes siebte Kind gab ausserdem an, von Erwachsenen oder älteren Kindern grooming ähnlichem Verhalten ausgesetzt gewesen zu sein – Grooming ist das systematische Aufbauen eines Vertrauensverhältnisses zu Minderjährigen durch Täter mit sexuellen Absichten. Mehr als die Hälfte der Befragten gab zudem an, bereits Opfer von Cybermobbing geworden zu sein.

Wie wird das Verbot umgesetzt?

Nachdem das neue Gesetz verabschiedet wurde, bekamen die Plattformen zwölf Monate Zeit, um die neue Altersbeschränkung umzusetzen – und sicherzugehen, dass Kinder und Jugendliche von ihrer Plattform fernbleiben.

Doch wie wird das Alter der Nutzer*innen überprüft? Das bleibt eine grosse Frage. Das Gesetz schreibt keine bestimmten Methoden für die Verifizierung des Altes vor. Doch verschiedene Verfahren kommen infrage: von der Kontrolle amtlicher Ausweise über Gesichts- oder Stimmerkennung bis hin zu automatischen Altersschätzungen. Letztere analysieren das Online-Verhalten einer Person – etwa ihre Interaktionen oder Nutzungsgewohnheiten –, um deren Alter möglichst präzise zu bestimmen.

Meta, die Muttergesellschaft von Facebook, hat begonnen, Konten anhand der bei der Registrierung angegebenen Altersdaten zu überprüfen. Bei Verdacht werden die Konten deaktiviert. Wer fälschlich betroffen ist, kann sein Alter mit einem amtlichen Dokument oder einem Video belegen. Nur verdächtige Konten werden überprüft, etwa wenn das angegebene Alter geändert wird.

Snapchat testet in Australien seit Ende November eine Altersprüfung per Ausweis oder Gesichtsaltersschätzung über die App «k-ID». Auch TikTok plant ähnliche Verfahren mit Ausweisdaten, Kreditkartenprüfung und Gesichtsanalyse.

Welche Strafen drohen, wenn das Gesetz umgangen wird?

Bestraft werden nicht Kinder und Eltern, sondern die Tech-Unternehmen. Plattformen, die die Vorgaben des australischen Staates missachten oder keine wirksamen Kinderschutzmassnahmen umsetzen, müssen mit hohen Geldstrafen rechnen. Bis zu 49,5 Millionen australische Dollar – rund 26 Millionen Franken – könnten fällig werden, wenn sie keine «angemessenen Massnahmen» zur Einhaltung der Vorschriften treffen.

Kritische Stimmen geben zu bedenken, dass solche Beträge viel zu tief angesetzt sind für Techkonzerne, die mit personalisierter Werbung Milliarden einnehmen. Zudem ist bislang offen, wie die Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben kontrolliert werden soll.

Kann das Gesetz umgangen werden?

Die australische Regierung und Behörde für Internetsicherheit gehen davon aus, dass Jugendliche versuchen werden, die neuen Regeln zu umgehen – etwa mit gefälschten Ausweisen, KI-manipulierten Fotos oder durch die Nutzung von VPNs. Letztere ermöglichen es, den Plattformen vorzutäuschen, man logge sich beispielsweise aus den USA ein, obwohl man sich tatsächlich in Australien befindet.

Wie hat die Bevölkerung auf das Verbot reagiert?

Die Umfragen fallen unterschiedlich aus. Einige Umfragen zeigen eine ungewöhnlich breite Zustimmung von 60 bis 80 Prozent. Zuletzt hat jedoch der Sender ABC Australierinnen zwischen 9 und 15 Jahren nach ihrer Meinung zum Social-Media-Verbot gefragt. Die Ergebnisse wurden Anfang des Monats veröffentlicht und zeigen: Die meisten der Befragten glauben nicht, dass das Verbot funktionieren wird.

Was spricht gegen ein Social-Media-Verbot?

Auch rund 140 Forschende und Psycholog*innen aus verschiedenen Ländern warnen davor, Social Media pauschal für psychische Belastungen bei Jugendlichen verantwortlich zu machen.

Zwar zeigten Studien Zusammenhänge zwischen intensiver Nutzung und Problemen wie Depression oder Angst, doch ein direkter Kausalzusammenhang sei nicht eindeutig belegt. Unklar bleibe, ob soziale Netzwerke Belastungen verstärkten – oder ob bereits belastete Jugendliche dort eher Zuflucht suchten.

Expertinnen wie die australische Kommunikationswissenschaftlerin Catherine Page Jeffrey weisen zudem auf die positiven Seiten von sozialen Medien hin: Sie ermöglichen soziale Unterstützung, vor allem für queere Jugendliche oder junge Menschen in abgelegenen Regionen.

Kritisiert wird auch der Prozess: Jugendliche selbst seien kaum konsultiert worden. Das UN-Kinderrechtskomitee betont das Recht auf digitale Teilhabe. Gefordert werden statt Verboten strengere Regeln für die Plattformen, verpflichtende Sicherheitsstandards, bessere Medienbildung und klare Leitlinien für Eltern.