Null-Covid, null Toleranz Behörden in Shanghai verbieten Medien den Begriff «Lockdown»

twei

2.6.2022

Menschen in Shanghai erleichtert über Lockdown-Ende

Menschen in Shanghai erleichtert über Lockdown-Ende

Ein Grossteil der 26 Millionen Einwohner von Chinas grösster Stadt Shanghai darf nach zwei Monaten Lockdown wieder vor die Tür. Viele Menschen sind erleichtert.

01.06.2022

Aufatmen in Shanghai: Nach 60 Tagen Abriegelung wurde ein Grossteil der Corona-Massnahmen abgeschwächt. Von einem Lockdown wollen die Behörden indes nichts wissen. Das bekamen auch die Medien zu spüren.

twei

2.6.2022

60 Tage lang ging in Shanghai gar nichts. Die 25 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner der chinesischen Metropole waren zum Nichtstun verdammt. Der Grund war einmal mehr eine konsequente Abriegelung der Stadt im Zuge der Null-Covid-Strategie Chinas im Kampf gegen das Coronavirus. Seit Mittwoch sind viele der Einschränkungen vorerst Geschichte. Einkäufe in Geschäften sind wieder möglich, auch der öffentliche und private Verkehr wurden weitgehend wieder aufgenommen.

Brisant mutet indes ein Bericht der britischen Tageszeitung «The Guardian» an. Demnach haben Behörden in Shanghai den Medien nachdrücklich angeraten, den Begriff «Lockdown» in ihrer Berichterstattung nicht zu verwenden. 

Behörden wollen von Rückkehr zur Normalität nichts wissen

«Im Gegensatz zu Wuhan hat Shanghai nie einen Lockdown ausgerufen, so dass es kein ‹Ende des Lockdowns› gibt», besagen die Zensurrichtlinien, die am Dienstag an Medienbetriebe weitergeleitet wurden. Sie liegen der chinesischen Zeitung «China Digital Times» vor, teils auch in mündlicher Überlieferung.

Gähnende Leere in Shanghais Strassen: Ein wochenlanger Lockdown legte die chinesische Millionenmetropole lahm.
Gähnende Leere in Shanghais Strassen: Ein wochenlanger Lockdown legte die chinesische Millionenmetropole lahm.
Bild: Chen Si/AP/dpa

Zwar räumten die Behörden ein, dass es während der vergangenen zwei Monate Einschränkungen gegeben habe. Dennoch heisst es: «Die Kernfunktionen der Stadt blieben während dieser Zeit in Betrieb. Wir betonen, dass die entsprechenden Massnahmen vorübergehend, bedingt und begrenzt waren.»

Doch damit nicht genug: Die Behörden wiesen auch darauf hin, Medien sollten noch nicht von «umfassender Rückkehr zur Normalität» berichten. Aktuell sei es «keineswegs so, dass sich alle Menschen in allen Bezirken der Stadt sofort frei bewegen dürfen».

Der Zensurapparat in China ist massiv und betrifft jedes vorstellbare Medium der Meinungsäusserung, von Videospielen bis zu Dating-Apps. Ende Februar gelangten Zensurrichtlinien einer Parteizeitung aus Versehen an die Öffentlichkeit. Social-Media-Posts mit negativer Konnotation über Russland wurden mittels einer Richtlinie für Mitarbeiter*innen des parteinahen Online-Mediums «Horizon News» unterbunden.

Die Maskenpflicht bleibt, Restaurants sind geschlossen

Von welch kurzer Dauer die Lockerungen in Shanghai sein können, verdeutlichten Schilderungen des Journalisten Thomas Yau, der in der Metropole lebt. Wie er am Donnerstag auf Twitter erklärte, sei sein Viertel bereits wieder abgeriegelt worden – wegen eines einzigen Corona-Falles. «Das ist mit Wiedereröffnung gemeint», kommentierte Yau mit bitterem Unterton.

In Gebieten mit geringem Infektionsrisiko wurden hingegen Massnahmen aufgehoben, wenngleich bei weitem nicht alle Einschränkungen. In der Öffentlichkeit gilt weiter eine Maskenpflicht, und Versammlungen sollten vermieden werden. Auch die Türen der Restaurants in Shanghai bleiben geschlossen, Essen gehen ist verboten. Fitnessstudios können ihren Betrieb ebenfalls noch nicht aufnehmen, normale Geschäfte dürfen maximal zu 75 Prozent ausgelastet werden.

Streng bleiben überdies die Testvorschriften. In Shanghai müssen die Menschen alle 72 Stunden einen negativen Test vorweisen. Können sie dies nicht, werden positiv Getestete und deren enge Kontaktpersonen unter strenge Quarantäne gestellt.

Strassenschlachten in Shanghai

Der wochenlange Lockdown sorgte nicht nur in der ganzen Welt für Aufsehen und Negativschlagzeilen, auch die betroffenen Menschen machten ihrer Wut über immer neue Massnahmen zunehmend Luft. In den sozialen Medien kursierten unter anderem Videos, die regelrechte Strassenschlachten zwischen Einwohnern und Beamten im Bezirk Minhang zeigten. Mit Sprechchören demonstrierten die Menschen gegen «Polizeigewalt».

Gleiches betätigte auch SRF-Korrespondentin Claudia Stahel im Interview mit «blue News» Ende April: «Klar ist: Der Unmut in der Bevölkerung wächst.» Deutlich werde dies anhand «der Vielzahl an Videos und Fotos, welche die Zustände immer wieder aufs Neue in den chinesischen sozialen Medien anprangern». Trotz der strengen Hand der Zensurbehörden würden immer wieder Videos auf Twitter und YouTube landen, bestätigte die Journalistin.

Neben dem Aufbegehren der Bevölkerung hatte Shanghai in der Anfangszeit der 60-tägigen Abriegelung zudem Probleme, den Zugang zu medizinischer Versorgung aufrechtzuerhalten. Dazu hatten die Einwohnerinnen und Einwohner der Millionen-Metropole mit Lebensmittelknappheit zu kämpfen.

«Der Lockdown hat Chinas hässliche Seite gezeigt»

Nicht zu unterschätzen ist auch die mentale Belastung, der die Bevölkerung von Shanghai ausgesetzt war und in Teilen noch ist. Die Angst, in eines der berüchtigten Quarantänelager gesteckt zu werden, ist gross. Mitte Mai berichtete der in Shanghai lebende Schotte Cameron Wilson in einem Interview mit dem «Spiegel»: «Die Menschen haben definitiv grössere Angst davor, in so ein Zentrum zu gehen, als an Covid zu erkranken.»

Shanghai blockiert Zugang zu Gebäuden mit Corona-Infizierten

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Corona-Infizierte, die von den Behörden in Quarantänezentren gebracht werden, berichten von menschenunwürdigen Zuständen.

25.04.2022

Schon die Testungen seien «entmenschlichend», wenn man nicht mit Namen, sondern lediglich mit Apartment-Nummer aufgerufen werde, berichtete Wilson. «Man fühlt sich, als sei man nur eine Zahl. Dann stecken sie etwas in deine Nase, streichen deinen Rachen ab, es ist wirklich übergriffig.»

Während des Lockdowns habe bei ihm ein Überlebensmechanismus eingesetzt, erklärte der Familienvater: «Wenn ich weiter wütend oder deprimiert bin, würde sich eine Abwärtsspirale einstellen, die mentale Gesundheit würde vor die Hunde gehen.» Eines ist Cameron Wilson nach den einschneidenden Erfahrungen klargeworden: Er will nach Möglichkeit China verlassen und sich mit seiner Familie anderswo ein Leben aufbauen. «Diese Pandemie, der Lockdown haben Chinas hässliche Seite gezeigt.»