Mächtige Verbrechernetzwerke Es droht eine Welt ohne frei lebende Tiger

dpa

25.11.2025 - 23:14

Indochinesische Tiger sind in vielen Ländern bereits ausgestorben. (Archivbild)
Indochinesische Tiger sind in vielen Ländern bereits ausgestorben. (Archivbild)
Bild: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

Der Handel mit Tigern und Tigerteilen greift immer weiter um sich. Verbrechernetzwerke werden zunehmend mächtiger. Droht jetzt eine Welt ohne freilebende Tiger?

,

DPA, Redaktion blue News

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Der illegale Handel mit Tigern nimmt immer mehr zu und hat existenzbedrohende Ausmasse angenommen.
  • Von 100'000 Tieren vor einem Jahrhundert ist der Bestand auf inzwischen 3700 bis 5500 Tiere gesunken.
  • Jetzt droht eine Welt ohne freilebende Tiger.

Der illegale Handel mit Tigern hat existenzbedrohende Ausmasse angenommen. Zu diesem Befund kommt das Artenschutz-Netzwerk Traffic in einem am Dienstag veröffentlichten Bericht, der die Entwicklung über einen Zeitraum von 25 Jahren nachverfolgt. Demnach beschlagnahmten Strafverfolgungsbehörden allein in den vergangenen fünf Jahren weltweit durchschnittlich jeden Monat neun der Grosskatzen.

Laut Traffic entwickeln sich die für den verbotenen Wildtierhandel verantwortlichen Verbrechernetzwerke in einer Geschwindigkeit, mit der Artenschutzbemühungen nicht Schritt halten können. Die weltweite Population wildlebender Tiger ist dem Bericht zufolge von noch etwa 100'000 Tieren vor einem Jahrhundert auf inzwischen 3700 bis 5500 Exemplare geschrumpft.

Zuchtprogramme befördern illegalen Wildtierhandel

Befördert wird die Entwicklung aus Sicht von Experten von Zuchtprogrammen in Gefangenschaft, Beschlagnahmungen kurz nach Wilderei oder vor der Zerlegung erlegter Tiere für die Weiterverarbeitung und den Verkauf einzelner Körperteile. Als weitere mögliche Einflussfaktoren nennen sie eine steigende Nachfrage nach exotischen Haustieren oder Tierpräparaten.

Die meisten Funde wurden in den 13 Staaten mit wildlebenden Tigerpopulationen gemacht, allen voran in Indien mit der grössten Tigerpopulation, sowie in China, Indonesien und Vietnam. Doch auch Länder ohne wilde Tiger, darunter Mexiko, die USA und Grossbritannien, meldeten eine nennenswerte Zahl von Vorfällen. Zwar sei die Strafverfolgung verstärkt worden, doch auch der Handel habe zugenommen, heisst es in dem Bericht, der alarmierende Trends hervorhebt.

Neun Tiere pro Monat über Zeitraum von 66 Monaten

Zwischen dem Jahr 2000 und Mitte 2025 registrierten Strafverfolgungsbehörden weltweit 2551 Beschlagnahmungen, die mindestens 3808 Tiger betrafen. Allein zwischen 2020 und Juni 2025 kam es zu 765 Beschlagnahmungen, die einer Grössenordnung von 573 Tigern entsprachen – und damit etwa neun Tieren pro Monat über einen Zeitraum von 66 Monaten. Das dramatischste Einzeljahr war 2019 mit 141 dokumentierten Beschlagnahmungen, gefolgt vom Jahr 2023 mit 139 Fällen.

Die Zunahme der Fälle spiegele zwar verstärkte Bemühungen der Behörden wider, aber auch eine Eskalation krimineller Aktivitäten und eine grosse Nachfrage nach Tigern und deren Körperteilen, sagte Ramacandra Wong, ein Mitautor der Berichts und Experte für die Analyse von auf Wildtiere bezogenen Verbrechen.

Verlagerung auf Handel mit ganzen Tieren

Die Analyse zeigt auch eine zunehmende Verlagerung des Handels von Tigerteilen auf ganze Tiere auf. In den 2000er Jahren lag der Anteil von Körperteilen an den Beschlagnahmungen insgesamt noch bei 90 Prozent. Seit dem Jahr 2020 ist dieser Anteil zugunsten vollständiger Kadaver oder lebendiger Tiere auf 60 Prozent gesunken. Inzwischen betreffen mehr als 40 Prozent der Beschlagnahmungen in Ländern wie Vietnam, Thailand, Indonesien und Russland ganze Tiere.

Leigh Henry, Direktorin für Wildtierschutz beim WWF, sagte der Nachrichtenagentur AP, der sprunghafte Anstieg beim Handel mit ganzen Tieren unterstreiche die bedeutende Rolle, die Tigerzuchtprogramme in Gefangenschaft für den illegalen Handel spielten. Es drohe eine Welt ohne wildlebende Tiger.

Autoren empfehlen Ermittlungsschwerpunkte

Aus ihren Erkenntnissen leiten die Autoren des Traffic-Berichts Empfehlungen zu Brennpunkten ab, auf die sich die Ermittlungen konzentrieren sollten. Genannt werden die indonesische Region Aceh, die Tigerreservate Indiens und Bangladeschs, das Grenzgebiet zwischen Laos und Vietnam sowie die Wirtschaftszentren Vietnams, darunter die Hauptstadt Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt.

Die Nachfrage unterscheidet sich je nach Region. In Mexiko und den USA geht es dem Bericht zufolge vor allem um lebende Tiger, häufig für den exotischen Haustiermarkt. In Europa sei der Markt stärker auf verarbeitete Produkte aus Tigerteilen ausgerichtet, etwa für traditionelle Arzneien oder zu Dekorationszwecken. In Asien reiche die Spannbreite von Fellen, Knochen und Krallen bis hin zu vollständigen Kadavern, die in der Mode oder der traditionellen Medizin Verwendung fänden.


Mehr Videos aus dem Ressort

Tamara Krapf, Lebenshof-Betreiberin: «Ich will nicht meine Freunde essen»

Tamara Krapf, Lebenshof-Betreiberin: «Ich will nicht meine Freunde essen»

Tamara und Stefan Krapf leben auf dem Känguruhof in Bernhardzell SG. Das Paar lässt seine Tiere nicht mehr schlachten. Vom Bauernhof zum Lebenshof – begonnen hat alles mit der Liebe zu einem Ochsen.

05.04.2022